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Tempolimit : Die freie Fahrt erhalten

  • -Aktualisiert am

Der ADAC ist „nicht mehr grundsätzlich“ gegen eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Bild: dpa

Hände weg von einem starren Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen. Es bringt nichts, beschneidet die Freude am Fahren, und außerdem gibt es schlauere Lösungen.

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          Wenn der ADAC die Debatte um ein starres Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen neu befeuert, hat das Wirkung. Das ist dem größten Automobilclub natürlich bewusst, auch wenn die Worte wohl gewählt sind. Der ADAC sei „nicht mehr grundsätzlich“ gegen eine Geschwindigkeitsbegrenzung, sagte der für Verkehr zuständige Vizepräsident Gerhard Hillebrand im Vorfeld des 58. Verkehrsgerichtstags in Goslar.

          Verkürzt wird daraus, der ADAC sei für ein Tempolimit, im besseren Fall wird daraus, er sei nicht mehr generell dagegen wie bislang immer. Tatsächlich sagt Hillebrand, und das zu Recht: „Die Diskussion um die Einführung eines allgemeinen Tempolimits auf Autobahnen wird emotional geführt und polarisiert bei den Mitgliedern“. Und nun folgt die spektakuläre Öffnungsklausel: „Deshalb legt sich der ADAC in der Frage aktuell nicht fest.“

          Ob damit die erhoffte Versachlichung angeschoben wird, darf bezweifelt werden. Vielmehr hat der ADAC mal wieder richtig hitzigen Schwung in die Diskussion gebracht. Sicherheit und Umweltschutz führen die Befürworter eines starren Limits von vielleicht 130 km/h oder auch nur 100 km/h ein, außerdem hätten alle Länder um Deutschland herum auch eines.

          Was viele machen, muss nicht richtig sein

          Letzteres ist das schwächste Argument, nur weil viele etwas machen, muss es nicht richtig sein. Und dass ein Unterbietungswettbewerb eingesetzt hat, der in Holland nun zu Tempo 100 führt, ist wahrlich Unsinn. Abgesehen von der Tatsache, dass der Bundestag erst im Oktober vergangenen Jahres mit großer Mehrheit ein starres Tempolimit abgelehnt hat und damit keine neue Entscheidung ansteht, sprechen auch die Fakten von den Autobahnen für die Erhaltung der freien Fahrt auf Deutschlands Autobahnen.

          Sie sind unsere sichersten Straßen. Deutschland hat zum Glück nur noch 1,6 Verkehrstote je eine Milliarde Fahrzeugkilometern auf den Autobahnen zu beklagen. Das ist, soweit ersichtlich, der niedrigste Stand seit Zählung. Frankreich hat 1,7, Spanien 2,6, Italien 3,1 und Polen 4,8 Tote je eine Milliarde Fahrzeugkilometern. Das mag auch an den modernen Fahrzeugen auf unseren Straßen liegen, deren Bremsen, Fahrwerke und Sicherheitseinrichtungen immer besser geworden sind.

          Seien wir froh darum, dass Deutschlands Industrie die besten und sichersten Autos der Welt baut und die Käufer hierzulande auf so etwas achten, auch wenn sie Modelle der Importmarken erstehen. Nicht umsonst kommen nahezu sämtliche Fahrzeughersteller aus der Welt in der Entwicklungsphase zur Abstimmung ihrer Autos nach Deutschland, auf die Autobahn und auf den Nürburgring, weil hier die Qualitätsstandards gesetzt werden. Und dass etwa in Frankreich entlang der Autobahnen Kunstwerke aufgebaut werden, damit die Leute am Steuer nicht einschlafen, wird auch seinen Grund haben.

          Nicht jeder fährt 180 km/h

          Dass weniger Abgase entstehen, wenn langsamer gefahren wird, erscheint logisch. Doch fährt nicht jeder 180 km/h, die Masse bewegt sich längst nahe an den 130 km/h, und ein jeder weiß, dass schnelles Fahren nur dann stressfrei gelingt, wen die Straße frei ist. Ein paar Rowdies, nennen wir sie ruhig unverantwortliche Idioten, wird es immer geben, sie sind Sache der Polizei. Doch wegen ihnen alle Autofahrer in Geiselhaft zu nehmen, geht fehl.

          Wie sehr dem Klima mit einer starren Tempobeschränkung geholfen wäre, ist ein beständiger Widerstreit der Fachleute, der kaum aufzulösen ist. Wer sich auf die Bundesanstalt für Straßenwesen verlässt, wird auf eine starre Grenze verzichten. Demnach hätte ein generelles Tempolimit von 130 km/h keinen signifikanten Effekt auf die CO2-Emissionen in Deutschland. Das Totschlagargument wäre, erst bei 0 km/h seien die Abgase auch null, wir wollen das hier nur anführen, aber nicht strapazieren, weil es zu nichts führt. Eine vollkommen emissionsfreie Mobilität wird wohl nie möglich sein.

          Dies sich vor Augen führend, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass aus Profilierungsgehabe oder welchen Gründen auch immer eine Art Trophäe erlegt werden soll, ähnlich wie es die Deutsche Umwelthilfe mit ihren unablässigen und überwiegend an den Haaren herbeigezogenen Attacken gegen den Dieselmotor versucht. Für das Tempo auf den Autobahnen muss es in einer Zeit, in der das Smartphone Schwarmintelligenz in Echtzeit liefert und intelligente Technik allerorten einzieht, eine schlauere Lösung geben.

          Ist die Straße leer und ist das Wetter gut, gilt freie Fahrt. Werden Verkehr dichter und Wetter schlechter, wird die Geschwindigkeitsvorgabe situativ angepasst. Das ist nicht nur smarter, sondern auch sicherer, denn selbst ein starr vorgegebenes Tempo 100 kann im Nebel zu viel sein. Schilderbrücken mit Wechselkennzeichen sind die kurzfristige Lösung der Wahl, eines Tages wird man vielleicht das jeweils als nötig erachtete Tempolimit von außen in die Autos senden und dort in die Windschutzscheibe einspiegeln können. Dann ließen sich sogar die Kosten für die Schilder sparen. Nein, es gibt keinen Grund für ein starres Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen, Hände weg davon.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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