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Technik für Lastwagen : Automatische Fahrkolonnen

  • -Aktualisiert am

Probefahrt für Platooning: Drei autonom fahrende, aber vernetzte Lastwagen bewegen sich im Verbund von Stuttgart nach Rotterdam. Bild: Daimler AG

Oft verstopfen sie die Straßen und lassen Autofahrer bei ihren Überholmanövern die Luft anhalten. Doch eine Technik zur digitalen Koppelung von Lastwagen könnte das bald ändern.

          Eine Lastwagenkolonne bis an den Horizont, Stoßstange an Stoßstange, so scheint es, kriechen Sattel- und Gelenkzüge gemächlich voran. Der überholende Fahrer im Auto macht sich Gedanken. Wie soll das gehen, wenn sich, wie gelegentlich prognostiziert, der Straßengüterverkehr in den kommenden 25 Jahren noch einmal verdreifacht? Und wie passt das zu dem Plan der Europäischen Union, den Kohlendioxidausstoß aus dem Straßenverkehr bis 2050 um mindestens 80 Prozent zu senken? Die ganz großen Fragen sind selten allein technisch zu lösen.

          Und doch gibt es einen technischen Ansatz, die Platznot auf den Autobahnen zumindest zu lindern und gleichzeitig den Klimaschutz voranzubringen. In der Lastwagenbranche heißt er „Platooning“, auf Deutsch zu übersetzen mit „im Konvoi fahren“. Gemeint ist damit die elektronische Kopplung mehrerer Lastwagen zu einem Verband, in dem die Fahrzeuge nur noch mit einem Abstand von sieben bis 15 Meter fahren. Der vom deutschen Gesetzgeber vorgeschriebene - wenn auch nicht immer eingehaltene - Mindestabstand beträgt 50 Meter.

          Überholvorgänge sind nicht vorgesehen

          Dass weniger Abstand weniger Flächenverbrauch bedeutet, ist offensichtlich. Fährt zum Beispiel ein Konvoi aus nur drei Lastwagen (maximale Zuglänge 18,75 Meter) mit einem Abstand von 15 Meter, dann blockiert er rund 86 Meter statt 156 Meter Autobahn. Eine Verstetigung des Verkehrsflusses erwarten Experten auch deshalb, weil Überholvorgänge nicht vorgesehen sind, weder innerhalb des Konvois noch ein Spurwechsel des kompletten Verbands. Hinzu kommt eine beträchtliche Verringerung des Dieselverbrauchs, da das Fahren im Windschatten eines anderen Lastwagens den Luftwiderstand deutlich verringert. Oft wird pauschal eine Kraftstoffersparnis von zehn Prozent angegeben, doch das ist grob vereinfachend. Denn je nachdem, wo sich die Fahrzeuge im Konvoi befinden, fällt der Wert sehr unterschiedlich aus. Am wenigsten spart natürlich der ganz vorn, aber weil am Fahrzeugheck die vorbeiströmende Luft weniger stark verwirbelt wird, bleiben für ihn immerhin zwei bis drei Prozent übrig.

          Die Lastwagen sind beim Platooning über W-Lan miteinander verbunden.

          Die Wirbel bleiben das Problem des Letzten im Konvoi, der nur auf etwa sieben Prozent Einsparung kommt. Am besten kommen die mittig mitschwimmenden Fahrzeuge davon, um bis zu 16 Prozent soll sich deren Verbrauch verringern. Insgesamt gilt: Je niedriger der Abstand zwischen den Lastwagen, desto höher ist die Einsparung. Einige Experten gehen daher davon aus, dass sieben Meter der ideale Abstand wären. Offen ist die Frage, wie die Kosteneinsparung zwischen den Teilnehmern eines Konvois verteilt wird. Unternehmensberater sehen in der speditionsübergreifenden Organisation und Abrechnung von Platooning schon ein neues Geschäftsmodell.

          Nur 100 Millisekunden bis zur Vollbremsung

          Aber ist das angesichts der vielen Auffahrunfälle, an denen Lastwagen beteiligt sind, nicht furchtbar gefährlich? Im Gegenteil, kontern die Lastwagenhersteller, die Platooning heute bereits auf öffentlichen Straßen erproben (F.A.Z. vom 19. Juli). Denn nicht der menschliche Fahrer, sondern eine ausgeklügelte Elektronik regeln Antrieb, Bremse und Lenkung des Konvois. Lediglich das Führungsfahrzeug wird - vorläufig - von einem Trucker gelenkt. Über eine abgesicherte W-Lan-Verbindung (Frequenzbereich 5,9 Gigahertz) werden Informationen wie Geschwindigkeit und Lenkwinkel in Sekundenbruchteilen an den Rest des Konvois weitergegeben. So sollen nach Angaben eines Herstellers nur 100 Millisekunden vergehen, bis im Notfall eine Vollbremsung einsetzt. Bei Tempo 80 entspricht das einem zurückgelegten Weg von rund zwei Metern. Der Trucker braucht mindestens zehnmal so lang - wenn er nicht gerade durch das Schreiben einer Kurznachricht oder die Zeitung auf seinen Knien abgelenkt ist.

          Die W-Lan-Verbindung wird auch genutzt, um die Bilder einer Videokamera zu übertragen, die im Führerhaus des Voranfahrenden angebracht ist. Die zu Maschinenüberwachern degradierten oder zu Disponenten aufgestiegenen „Fahrer“ in den Folgefahrzeugen können über ein eigenes Display immer verfolgen, wohin die Reise geht. Zudem sollen die Konvoiteilnehmer miteinander chatten können und sich zum Beispiel auf gemeinsame Pausen verständigen können.

          Hindernis Straßenverkehrsordnung

          Die für das Platooning benötigte Technik, heißt es bei sämtlichen Herstellern und Zulieferern unisono, sei so ausgereift, dass sie vom Jahr 2020 an in Serienlastwagen eingesetzt werden könne. Es mangele an den gesetzlichen Rahmenbedingungen und teilweise an der Infrastruktur. Mit der letztgenannten ist nicht die landläufige Diskussion über die Mobilfunkabdeckung an Autobahnen gemeint, die braucht es für Platooning gar nicht, sondern sie bezieht sich auf den Straßenzustand. Denn angesichts maroder Autobahnbrücken greifen die Landesbehörden immer öfter zu einem schlichten Hilfsmittel, um das weitere Bröckeln des Betons zu verhindern: Der Mindestabstand zwischen zwei Lastwagen wird auf 70 oder auch auf 100 Meter erhöht.

          Da aber auch 50 Meter viel zu viel sind, müsste die Straßenverkehrsordnung überarbeitet werden, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den angrenzenden EU-Mitgliedstaaten. Als wäre das nicht Aufgabe genug, gilt es schließlich noch zu klären, wer haftet, wenn doch etwas passiert. Nach geltendem Recht wäre das erst einmal der Fahrer jedes einzelnen Fahrzeugs. Oder bei anderer Auslegung der des Führungsfahrzeuges. Bleibt das bestehen, wird sich Platooning nicht durchsetzen.

          DER SONNTAGS-INGENIEUR

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