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Supersportmaschinen : Jenseits der Schamgrenze

  • -Aktualisiert am

Schräglagenfreiheit, wie Kawasaki sie definiert: Die Ninja H2 soll trotz Drosselung des Kompressormotors auf 200 PS beschleunigen wie keine zuvor Bild: Böhringer

Rund 200 PS: Lange galt bezüglich der Höchstleistung von Motorrädern eine Schamgrenze. Jetzt wird sie auf breiter Front gerissen: mit kraftstrotzenden, elektronisch hochgerüsteten Supersportmaschinen.

          Wenn über Supersportmotorräder und ihre Besitzer geschrieben, wenn im privaten Kreis darüber geredet wird, fällt früher oder später der immer gleiche Spruch: „Alles potentielle Organspender, diese Typen!“ Originell ist das schon lange nicht mehr, zynisch sowieso. Supersportler – böser Blick und furchtbar stark – sind vielen nicht geheuer.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Tatsächlich sind sie mit den Gepflogenheiten eines gesitteten Miteinanders im Straßenverkehr nur schwer in Einklang zu bringen. Es geht, aber das verlangt vom Fahrer ein sehr hohes Maß an Selbstbeherrschung. Die Unterschiede zu reinen Rennmaschinen sind im Wesentlichen: Blinker, Beleuchtung, Rückspiegel, Kennzeichenhalter.

          Bis vor kurzem schien das Marktsegment der Supersportler fast mausetot. Mit den Zulassungszahlen ging es Jahr für Jahr steil bergab. Honda, Kawasaki, Suzuki, Yamaha, die vier großen japanischen Hersteller, die früher im Zweijahrestakt das Niveau ihrer Vierzylinderraketen in mehr Schwindel erregende Höhen geschraubt hatten, schienen resigniert zu haben. BMW kaufte ihnen mit der überragenden S 1000 RR zusätzlich den Schneid ab. Bloß Ducati hielt mit der schönen Panigale noch dagegen.

          Innovationsführerschaft wieder hart umkämpft

          Plötzlich werden die Karten neu gemischt. Der Mailänder Zweiradsalon, der an diesem Sonntag zu Ende geht, wird in die Annalen eingehen als jene Veranstaltung, in der die Branche eine Hemmschwelle niederriss. Hervorgezaubert wurde eine neue Generation von Superbikes der Klasse 1000 Kubik und mehr mit Motorleistungen von rund 200 PS sowie elektronischen Fahrhilfen in überwältigendem Umfang. Man fragt sich: Hat die Kundschaft darauf gewartet? Doppel-R, Ninja und Konsorten verkörpern die unbequemste Art des Motorradfahrens, aber zugleich die aus technischer Sicht bei weitem faszinierendste. Hier zeigen die Hersteller, was sie können.

          Doch: Man sitzt gebückt und zusammengefaltet, mit mäßiger Übersicht übers Verkehrsgeschehen, mit der Last des Oberkörpers auf den Handgelenken, zwackendem Nacken, kneifenden Kniekehlen. Mag sich die alternde Kundschaft das noch antun? Fürs Geholper unserer Straßen sind die Fahrwerke viel zu straff. Im Sattel eines Supersportlers fühlen sich 100 km/h an wie 50. Einmal den Gasgriff schief angeguckt – schon ist der Führerschein weg. Was also soll das neu entfachte Wettrüsten?

          Es ist wie in der Autoindustrie: Spitzenmodelle haben eine Leuchtturm-Funktion. Die Innovationsführerschaft, in den vergangenen fünf Jahren eindeutig von BMW für sich beansprucht, ist aufs Neue heiß umkämpft. Die Japaner sind nach den Schocks von Finanzkrise und Fukushima wieder zum Kontern imstande.

          Bayerisches Unterstatement

          Bestes Beispiel: die Yamaha R1, in Mailand als Neukonstruktion vorgestellt, die mit den Vorgängerversionen aus 17 Jahren nur noch den Namen gemein hat. Glatte 200 PS leistet ihr 1000-Kubik-Vierzylinder. Die elektronische Vollausstattung inklusive Schräglagen-ABS, Traktionskontrolle und allen anderen Finessen soll das nur 199 Kilogramm wiegende Sportbike auch auf öffentlichen Straßen sicher beherrschbar machen. Yamaha zog alle Register des Leichtbaus bis hin zu einem Heckrahmen und Rädern aus Magnesium.

          BMW bescheinigt seiner gründlich überarbeiteten S 1000 RR bei 204 Kilo „nur“ 199 PS – wobei es sich dabei vermutlich um bayerisches Understatement handelt. Die Vernetzung der elektronischen Fahrhilfen, von den Münchenern vor fünf Jahren erstmals praktiziert, wurde abermals verfeinert. Der S 1000 RR – seit geraumer Zeit der Maßstab für alle anderen – am dichtesten auf den Fersen war zuletzt Ducati: Schon bisher hatten die Italiener dem 1,2-Liter-Zweizylinder ihrer 1199 Panigale 195 PS attestiert; Leistungsmessungen hatten jedoch meist etwas niedrigere Werte ergeben. Die neue 1299 Panigale soll nun aus 1285 Kubikzentimeter Hubraum 205 PS hervorbringen, bei einem Gewicht von lediglich 190,5 Kilogramm – vollgetankt, versteht sich. Serienausstattung ist stets ein schräglagenfähiges ABS, im Spitzenmodell Panigale S auch noch ein semiaktives Fahrwerk.

          Honda übertrumpft alle

          Mit ihrer Leistungsangabe von 201 PS liegen die MV Agusta F4 RR und die für 2015 sorgfältig überarbeitete Aprilia RSV4 gleichauf. Aprilia setzt dafür einen V4-Motor ein und gewann dieser Tage die Superbike-WM, MV Agusta einen Vierzylinder-Reihenmotor. Das volle Elektronikprogramm ist selbstverständlich wie der Einsatz extrem hochwertiger Fahrwerks- und Bremsenkomponenten. MV beziffert das Trockengewicht auf (relativ üppige) 192 Kilo, Aprilia spricht für die RSV4 von nur 180. Das dürfte auf gut 200 Kilogramm Leergewicht hinauslaufen.

          Anders als Yamaha verlässt Kawasaki bewusst das Reglement der Superbike-Meisterschaft. Die Ninja H2 (Straßenversion des nicht zulassungsfähigen, neulich auf der Intermot in Köln vorgestellten Beschleunigungsmonsters H2R mit 310 PS) wird Technikfans mit ihrem Kompressormotor faszinieren. 200 PS lautet die Werksangabe für die wie ein interstellarer Jäger aussehende H2. Die eigentliche Kunst der Ingenieure liegt darin, dergleichen für unsereins fahrbar zu machen. Dass die revolutionäre Ninja mit 238 Kilogramm vergleichsweise schwer ist – geschenkt. Dass der Preis mit rund 25.000 Euro hoch ist, wundert niemand.

          Womit wir zur Honda RC213V-S kommen. Der Ausdruck Superbike wäre noch verharmlosend, es handelt sich um einen aktuellen Moto-GP-Renner mit Licht, Kennzeichenhalter und ABS. Über die Kraft des V4-Motors (wie auch über alle anderen Daten) schweigt Honda noch; die Werksmaschine von Marc Marquez, dem neuen Weltmeister, produziert wohl etwa 265 PS. Das sollte für den Ampelstart reichen. Leider werden die Stückzahlen voraussichtlich sehr klein und die Ziffern auf dem Preisschild sehr groß sein. 175.000 Euro lautet eine grobe Schätzung.

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