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Super-Tourer auf zwei Rädern : Die drei vom Pfundbüro

Victory Vision, Harley-Davidson Electra-Glide und Kawasaki VN 1700 Voyager Bild: Friedrich-Michael Maier

Zum Ende der Motorradsaison kommt es ganz, ganz dicke. Wir stellen vor: Harley-Davidson Electra Glide, Kawasaki Voyager, Victory Vision, das Trio monumentale. Diese Kolosse durch die Landschaft zu führen, ist ein extremer Spaß.

          7 Min.

          Oh my God! Noch nie ist hier ein Artikel mit diesen drei Wörtern und einem Ausrufezeichen begonnen worden. Aber es lässt sich jetzt nicht mehr umgehen. Es zeigt, wie tief der Schrecken ist, der in einen fährt, wenn eine Victory Vision Tour auf den Hof rollt und einem bewusst wird, dass dieses Ungetüm gleich rückwärts vom Anhänger über eine schmale Rampe herunterbugsiert werden muss. Eine Adrenalinausschüttung setzt ein, Gedanken formen sich automatisch auf Amerikanisch.

          Walter Wille
          Redaktion „Technik und Motor“

          Die Victory Vision Tour ist das exzentrischste Motorrad dieser Zeit, jedenfalls in der Klasse der Superschwergewichtler mit Wohnzimmerausstattung. Man muss sie nur auf dem Parkplatz eines Alpenpasses, eines Motorradfahrertreffpunkts abstellen und schauen, wie sie von Neugierigen umkreist wird, die die Speicher ihrer Fotohandys füllen. Die Erscheinung ist von galaktischer Fremdartigkeit, was an der schieren Größe liegt, an der ungewöhnlichen Karosserie und nicht zuletzt an der Tatsache, dass die Vision als große Unbekannte jetzt erst auf den deutschen Markt gebracht wird. Im Heimatland Amerika werden schon seit elf Jahren diverse Victory-Modelle verkauft, 6000 bis 7000 Stück im Jahr, alles Eigenkonstruktionen. Dahinter steht der Polaris-Konzern als großer Schneemobil- und ATV-Hersteller.

          Konkurrenzlos allerdings ist sie nicht

          Die Vision Tour ist das Flaggschiff der Amerikaner, man sieht sie schon regelmäßig auf den in der Sonne glühenden Highways des Westens. Konkurrenzlos allerdings ist sie nicht. Selbst wenn man der Ansicht ist, dass ein Motorrad mindestens acht Zentner auf die Waage bringen, Stereoanlage, Tempomat und Wäschetruhen haben muss, als Antreiber nichts anderes als ein uramerikanischer V-Zweizylinder mit minimal etwa 1,6 Liter Hubraum und Zahnriemenantrieb in Frage kommt, gibt es da noch: die Harley-Davidson Ultra Classic Electra Glide und die Kawasaki VN 1700 Voyager - Erstere voriges Jahr überarbeitet, Letztere nagelneu.

          Victory Vision Tour
          Victory Vision Tour : Bild: Friedrich-Michael Maier

          Wir befassen uns hier mit insgesamt rund 1,3 Tonnen Gesamtmasse, ungefähr gleichmäßig verteilt. Legt man Wert darauf, im Rückspiegel des Vorausfahrenden für einen Omnibus gehalten zu werden, einen Passagier zu transportieren wie die First Class von Singapore Airlines, fällt einem beim Stichwort „Sport“ immer nur Churchill ein, dann ist man hier goldrichtig. Hält man Zweiradpreise von 22.000 (Victory) und 26.000 Euro (Harley) für übertrieben, kann man sich überlegen, das Lesen hier abzubrechen. Aber halt, Moment, wir haben ja auch noch die Kawasaki dabei, das vermeintliche Sonderangebot für 18.000 Euro.

          Das ist keine Unzulänglichkeit, sondern akustische Pflichtübung

          Schlägt man mit einem Schraubenschlüssel gegen einen Eisenklotz, macht es Pock! Mit Ausrufezeichen. So wie wenn man bei der Kawa den ersten Gang einlegt. Das ist keine Unzulänglichkeit, sondern akustische Pflichtübung. Muss so sein. Bei der Victory sind es sogar zwei Ausrufezeichen, sie bekommt aber eins wieder abgezogen wegen ihres jammernden Anlassergeräuschs. Das kann der Harley-Anlasser besser, Unwissende erschreckt er mit einem Getöse, das nach Motor klingt, der auf dem Asphalt aufschlägt. Und der erste Gang rastet mit einem hammerharten Pock ein. Großartige Unterhaltung, vier Ausrufezeichen.

          Also gewinnt die Harley schon mal die Ausrufezeichenwertung in der Kategorie Pock. Im Standgas poltert und vibriert sie so prächtig, dass man das an der Lenkstange zitternde Nachrüst-Navi während der Zieleingabe zur Beruhigung mit einer Hand festhalten muss. Perfekt abgestimmt. In Fahrt zeigt sich der 1584 Kubikzentimeter große V-Twin von seiner anderen Seite: Direkt in der Gasannahme, aber höchst kultiviert, geradezu seidig und mit herausragend angenehmem Lastwechselverhalten entfaltet der „Twin Cam 96“ seine Kraft; laufruhig gleitet sich's dahin, und wenn am Anstieg der Motor bei aufgerissenem Gashahn unter Druck gerät, antwortet er mit einem herrlich trockenen Ballern durch das Klappensystem seiner Auspuffanlage. 127 Newtonmeter Drehmoment bei 3500 Umdrehungen in der Minute bringen Pfunde in Wallung.

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