https://www.faz.net/-gy9-yhyp

Such- und Rettungsdienst auf See : Rausfahren, wenn andere reinkommen

  • -Aktualisiert am

Die 61 Rettungseinheiten der DGzRS rücken mehr als 2000 Mal im Jahr aus Bild: DGzRS/Hofer

Mit startklaren Dieselmotoren warten die Retter an Nord- und Ostsee auf ihren Einsatz. Sie hören dafür rund um die Uhr Kanal 16 auf UKW. Auf gut 2000 Einsätze bringt es die Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger jedes Jahr.

          5 Min.

          Ines Plaster ist ganz Ohr. Wie in einer verglasten Kanzel sitzt die ausgebildete Funkerin vor Flachbildschirmen, die das Geschehen an 19 Seefunkstellen an Nord- und Ostseeküste anzeigen. „Hier hören wir 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche den Kanal 16 des UKW-Seefunks ab.“ Sie blickt nur kurz hoch, um sich gleich wieder dem Rauschen und den Stimmen aus dem Lautsprecher zuzuwenden. Und das ist nur einer von vier ähnlich aufgebauten Arbeitsplätzen, die für den maritimen SAR-Bereich Bundesrepublik Deutschland verantwortlich sind. SAR steht international für „Search and Rescue“ – Suchen und Retten.

          Plaster sitzt mit ihren Kollegen in der Seenotleitung Bremen direkt an der Weser, wo alle Alarmierungen auflaufen und von wo aus mit Kapitänspatenten ausgestattete Mitarbeiter Rettungseinsätze koordinieren. Sie zählen zu den nur etwa 185 Festangestellten der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), die seit 1865 in den deutschen Seegebieten eigenverantwortlich und unabhängig zuständig für den Such- und Rettungsdienst ist. Und oft wirken allein schon ihre professionellen Fragen auf den Havaristen beruhigend. Was draußen auf See für den Skipper einem Weltuntergang nahekommt, das ist für sie beinahe Routine.

          „Neulich etwa kriegte ein Hobbysegler den Großbaum an den Kopf“, erinnert sich Ulrich Fader, „und seine Frau, die vom Segeln nicht viel verstand, rief mit dem Handy verzweifelt um Hilfe.“ Fader ist Vormann des 23 Meter langen Seenotrettungskreuzers „Hermann Rudolf Meyer“, dessen Mannschaft innerhalb weniger Sekunden vom Kai am Alten Vorhafen in Bremerhaven ablegte, das Ehepaar barg und auch die Yacht wieder in den sicheren Hafen segelte. Mit drei weiteren Kollegen bildet er die Mannschaft – möglichst zur einen Hälfte Nautiker, zur anderen Hälfte Techniker. Die sitzt nun mit dem Gast um einen stabilen Tisch in der Messe.

          Durchblick bei jedem Wetter: Dieter Wilke mit Radar und Kartenplotter
          Durchblick bei jedem Wetter: Dieter Wilke mit Radar und Kartenplotter : Bild: Schiffhauer

          Dabei geht der Blick zu den auffälligen drei Haken an der Decke. „Da befestigen wir beispielsweise einen Tropf, wenn wir Verletzte auf dem Tisch versorgen“, antwortet Dirk Wilke von der Besatzung auf den fragenden Blick und zeigt dann auf die außerordentlich stabilen Füße, mit denen sich diese Art von Notliege in ihrer Höhe verstellen lässt. Apotheke und Arztkoffer sind gleichfalls an Bord.

          „Wir sind hier so eine Art Wohngemeinschaft, aber eine funktionierende“, blickt Vormann Fader in die Runde. Anders geht es auch nicht. Zwei Wochen lebt jeder an Bord, dann hat er zwei Wochen frei. Wer den passenden Partner an Land hat, genießt diese klare Zweiteilung sogar. „In der Handelsschifffahrt ist man ja meist länger auf See“, wirft Maschinist Wilm Willms ein. Der Ablauf eines normalen Tages an Bord ist unspektakulär. Wecken um sieben, eine halbe Stunde später wird gefrühstückt, dann an Bord gearbeitet, Tee um zehn und Mittagessen – oft genug selbst gekocht – gegen zwölf. Dann kehrt vorübergehend Ruhe ein, doch in den vier Einzelkajüten bleibt ein Ohr immer am Funk. „Sobald wir nur den Namen ‚Hermann‘ hören“, sagt Thomas Baumgärtel als Mitglied der Mannschaft, „sind wir sofort hellwach – denn welches andere Schiff heißt schon so?“

          In der Mittagszeit sammelt die Mannschaft zudem Ruhe und Kraft für Einsätze, die dann schon mal durchgehend zwölf Stunden dauern können. Im Winter überwiegen Einsätze in der Berufsschifffahrt, im Sommer ist vor allem Wassersportlern zu helfen. Auf gut 2000 Einsätze bringt es die DGzRS jedes Jahr. Und wenn mal nichts los ist, stehen regelmäßige Kontrollfahrten durch das eigene Revier sowie Übungen an. Denn jeder aus der Mannschaft muss nicht nur sein eigenes Fachgebiet plus medizinische Versorgung beherrschen, sondern der Nautiker hat sich im Maschinenraum mit seinen beiden zusammen 1990 kW (2700 PS) starken Dieseln ebenso auszukennen, wie der Techniker das Boot sicher wieder in den Hafen bringen muss.

          Was ist neben einer einschlägigen Ausbildung noch mitzubringen? Allein der Blick in die Runde verrät es ein wenig. Es ist Erfahrung, wie sie oft in einer ersten Ausbildung erworben wird; Techniker Dieter Wilke beispielsweise, hatte Schlosser gelernt und dann Fischwirt, bevor er zunächst als einer von mehr als 800 Freiwilligen der DGzRS zur Seenotrettungsstation Glowe auf Rügen stieß und später auf eine Festanstellung hin angesprochen wurde. Nautiker Thomas Baumgärtel wiederum organisierte Segelreisen, machte Überführungen, bevor er hier an Bord kam. Ein Jahr Probezeit ist Pflicht, dann entscheidet die komplette Besatzung – insgesamt neun Mann, von denen immer jeweils vier an Bord sind –, ob der Neue bleibt. „Wir verbringen ja miteinander mehr Zeit als mit der Familie“, sagt Fader, „da muss dann schon alles passen, nicht nur fachlich.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hessen, Königstein: Koordinierungshelferin Victoria Anschütz bereitet die Auswertung eines Corona-Schnelltests vor.

          Corona in Deutschland : Sieben-Tage-Inzidenz steigt auf 19,4

          Das Robert Koch-Institut hat seit dem Vortag 3539 Corona-Neuinfektionen registriert, das sind deutlich mehr als vor einer Woche. Über die geplante Abschaffung der kostenlosen Corona-Schnelltests wird erregt gestritten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.