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Studien von Mercedes und Opel : Zu schön, um fahr zu sein

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Wo pufft der EQ Silver Arrow aus? Dem breiten Schlitz entströmt in der Wüstensonne nur heiße Luft, Elektroautos lassen ihre Abgase im Kraftwerk. Bild: Hersteller

Wenn deutsche Designer träumen, kommt das dabei heraus: ein neuer alter Rennwagen mit knackigem Po und, jawohl, ein sauberer Blitz. Das elektrisiert.

          Wenn zwei das Gleiche machen, ist es noch lange nicht dasselbe. So jüngst gesehen bei Mercedes und Opel. Die zwei, über die wir hier sprechen, sind todschick, weil sich die Designer austoben durften. Aber sonst auf den ersten Blick ganz unterschiedlich. Und doch haben sie eine wichtige Gemeinsamkeit.

          Wenn man also zum ersten Mal auf den Mercedes EQ Silver Arrow blickt, kann man das Gefühl für die Zeit schon einmal verlieren, selbst wenn man mit beiden Beinen fest im Hier und Heute steht – ist das gestern oder morgen? Denn auf der einen Seite ist Gorden Wageners jüngste Studie die kühne Vision eines Supersportwagens für das übernächste Jahrzehnt und damit reinste Science-Fiction. Und auf der anderen Seite ist die mehr als fünf Meter lange Flunder, die ihre Premiere im Sommer beim Concours d’Elegance in Pebble Beach gefeiert und auf dem Weg in die Asservatenkammer der Designer einen Zwischenstopp in Dubai eingelegt hat, ein ehrfürchtiger Blick zurück in die goldene Zeit der Silberpfeile, als tollkühne Männer in beinahe fliegenden Kisten noch Leib und Leben riskiert haben, um auf öffentlichen Straßen Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen. Schließlich hat sich Wagener von keinem geringeren Auto inspirieren lassen als dem legendären W125 aus dem Jahr 1937, der als schnellstes Auto seiner Zeit einen Ehrenplatz im Mercedes-Museum hat.

          So bringt der Silver Arrow mit einem Blick das Zeitgefühl durcheinander und katapultiert einen zurück in die Zukunft, fast als würde man einen alten Film mit Flash Gordon schauen – wobei die namentliche Parallele bei dieser Assoziation sicher kein Zufall ist. Denn selbst wenn Designer ihrer Zeit um mindestens eine Fahrzeuggeneration voraus sein müssen, wird sich auch Gorden Wagener wie Flash Gordon unter Strom gefühlt haben, als er grünes Licht für den Bau des buchstäblich einmaligen Überfliegers bekommen hat.

          Lichtblick: Der Mercedes ist vielleicht so schnell, wie er aussieht. Bilderstrecke

          Das Durcheinander auf dem Zeitstrahl wird aber noch größer, wenn man den futuristischen Spitzensportler von übermorgen mit seinem wollüstig wallenden Aluminium-Kleid und den nur halb verkleideten Rädern auf Turbinen-Felgen nicht nur anschauen, sondern auch anlassen darf. Denn wer erst einmal über die Brüstung und unter der wie bei einem Kampfjet aufgestellten Kanzel hindurchgeklettert ist und in einem See aus blauem Licht in die bequeme Lederschale hinabtaucht, der fühlt sich tatsächlich ein bisschen wie auf einer Mission zum Mars – erst recht, wenn die beiden Elektromotoren in Bug und Heck zu surren beginnen und 750 PS den Fahrer mit wenig Krawall und umso mehr Schub in Richtung Horizont beamen, während die virtuelle Ausgabe von Formel1-Teamchef Toto Wolf aus dem umlaufenden Display des Cockpits taktische Anweisungen in die Kopfhörer unter dem Helm brüllt, wie er es sonst nur bei Lewis Hamilton und Valtteri Bottas macht.

          Und zugleich fühlt man sich mit endlos langen Bug vor Augen und dem vom offenen Kragen der Karosserie nur mäßig gebremsten Fahrtwind in den Haaren mindestens genauso tollkühn wie Rudolf Caracciola bei seiner Rekordfahrt auf der A5 zwischen Frankfurt und Darmstadt – selbst wenn man nicht die damals unglaublichen und erst 2017 überbotenen 432,7 km/h, sondern nur besseres Schritttempo erreicht. Aber schon das fühlt sich bei der kurzen Testfahrt in Dubai an wie Überschall, und wenn man das rechte Pedal mit dem großen Plus nur kräftig genug tritt, ist wahrscheinlich sogar Lichtgeschwindigkeit drin. Zumindest gefühlt.

          Den Rest muss die Phantasie richten

          Real dagegen drückt sich Mercedes um eine Antwort, weil die vollkommen nebensächlich ist und ohnehin nur theoretischen Wert hätte. Genau wie die angeblichen 750PS, die 80 kWh Akku-Kapazität oder die 400Kilometer Reichweite. Immerhin bewegt sich der Silver Arrow aus eigener Kraft. Das soll für die Praxis reichen, und den Rest muss die Phantasie richten.

          Zwar sieht der EQ Silver Arrow schon heute aus, als wäre er von übermorgen, und seine Technik ist der Zeit mindestens eine Generation voraus. Doch bei allem Futurismus fehlt dem neuen Silberpfeil etwas ganz Wesentliches: eine Zukunft. Denn so gegenwärtig das Einzelstück wirkt, so real und greifbar es ist und so gut sich der Traumwagen in der Wüste von Dubai oder in den nächtlichen Häuserschluchten der Luxusmalls macht und wie begeistert die Scheichs auch mit ihren Scheckbüchern wedeln, er wird immer ein Traum bleiben.

          Als wären sie vom Blitz getroffen

          Da steckt im neuen Blitz schon ein ganzes Stück mehr hochgespannte Erwartung, von wegen, bei Opel ist der Stecker raus. Zwar war 2018 kein gutes Jahr für die Hessen, selbst wenn sie nach einem Sparprogramm auf Teufel komm raus endlich mal wieder ohne Verluste gearbeitet haben. Nicht umsonst war in den Büros die meiste Zeit Kurzarbeit angesagt, im Werk herrschte tote Hose. Und pünktlich zum 120. Geburtstag des Automobilbaus in Rüsselsheim steht die gebeutelte Marke 2019 einmal wieder am Scheideweg.

          Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken im Adam-Opel-Haus, stöpseln sie dort lieber wieder den Stecker in die Dose und lassen sich anstecken von einer elektrischen Euphorie: Als wären sie vom Blitz getroffen, wollen sie plötzlich ganz vorne mitschwimmen auf der Akku-Welle, wollen ihren Beitrag dazu leisten, dass Rüsselsheim als „Electric City“ die größte Dichte an Ladesäulen in ganz Europa bekommt, wollen bis 2025 in jeder Baureihe eine elektrische Variante anbieten und wollen vor allem der ganzen Welt beweisen, dass sie dafür keine lieblose Mutter aus Amerika brauchen. Denn alles, was Opel bislang elektrisch auf den Weg gebracht hat, und das war mit Ampera und Ampera-E im Grunde mehr als VW oder Ford, waren eben doch nur importierte Volt und Bolt aus den Chevrolet-Fabriken. All diese großen Ambitionen kristallisieren sich in einem überraschend kleinen Auto, das die Hessen im Herbst aus dem Hut gezaubert haben: dem GT X Experimental, eine kaum mehr als vier Meter lange SUV-Studie als Blaupause für das erste rein elektrische Auto dieser neuen Ära und zugleich der Nachfolger des Mokka X.

          Eine neue Designsprache

          Der lässt zwar noch knappe zwei Jahre auf sich warten. Doch gibt eine erste Fahrt mit dem handgefertigten Einzelstück zumindest schon einmal einen appetitanregenden Vorgeschmack. Denn zum Reiz des lautlosen und deshalb nicht minder leistungsstarken Antriebs, der um einen 50kWh großen Akku herumgebaut wurde, kommt in der Studie noch ein völlig neues Bedienerlebnis: Wer sich durch die vom seligen Meriva entlehnten Portaltüren in die sportlichen Sitzschalen gleiten lässt, blickt in eine riesige Bildschirmlandschaft und sucht vergebens nach den letzten Knöpfen: Was einem die vielen Assistenzsysteme noch an Bedienmöglichkeiten lassen, das erledigt man hier über den Touchscreen, die Sprache oder Gestensteuerung. Und genau wie zum Beispiel beim Audi e-tron sind auch im GT X die Außenspiegel zwei Kameras in den Kotflügeln und kleinen Bildschirmen in den Ecken des Armaturenbretts gewichen.

          Doch damit enden dann auch die Parallelen zu aktuellen Serienmodellen. Denn während dort im Flirt mit der Generation Smartphone die Reizüberflutung gepredigt wird, nehmen sich die Opelaner bewusst zurück und predigen eine „digitale Entgiftung“. Ihr Cockpit heißt deshalb „Pure Panel“, und wenn Designchef Mark Adams über das Layout der eher nüchternen Grafiken spricht, fällt immer wieder der Begriff „Detox“. Tatsächlich wirkt das ganze digitale Feuerwerk etwas nüchterner und entspannender.

          Aber der Experimental ist mehr als der Vorbote des elektrischen Mokka-Nachfolgers. Er steht für ein neues Selbstbewusstsein der Marke und ein neues Selbstverständnis. Ersteres, weil er eine neue Designsprache einführt, die den Blitz noch prominenter plaziert und ihn wie Juwelen in der Vitrine unter einem Visier schützt. Und Letzteres, weil Opel künftig mehr denn je eine bezahlbare Marke sein will. „Deshalb haben wir für dieses Leuchtturmprojekt weder eine Luxuslimousine noch ein leistungsstarkes Coupé oder einen lustvollen Sportwagen gewählt, wie es unsere Zunft sonst so gerne tut“, sagt Adams, „sondern uns bewusst für ein kleines und damit bezahlbares Auto im Format des Corsa entschieden.“

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