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Studien von Mercedes und Opel : Zu schön, um fahr zu sein

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Zwar sieht der EQ Silver Arrow schon heute aus, als wäre er von übermorgen, und seine Technik ist der Zeit mindestens eine Generation voraus. Doch bei allem Futurismus fehlt dem neuen Silberpfeil etwas ganz Wesentliches: eine Zukunft. Denn so gegenwärtig das Einzelstück wirkt, so real und greifbar es ist und so gut sich der Traumwagen in der Wüste von Dubai oder in den nächtlichen Häuserschluchten der Luxusmalls macht und wie begeistert die Scheichs auch mit ihren Scheckbüchern wedeln, er wird immer ein Traum bleiben.

Als wären sie vom Blitz getroffen

Da steckt im neuen Blitz schon ein ganzes Stück mehr hochgespannte Erwartung, von wegen, bei Opel ist der Stecker raus. Zwar war 2018 kein gutes Jahr für die Hessen, selbst wenn sie nach einem Sparprogramm auf Teufel komm raus endlich mal wieder ohne Verluste gearbeitet haben. Nicht umsonst war in den Büros die meiste Zeit Kurzarbeit angesagt, im Werk herrschte tote Hose. Und pünktlich zum 120. Geburtstag des Automobilbaus in Rüsselsheim steht die gebeutelte Marke 2019 einmal wieder am Scheideweg.

Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken im Adam-Opel-Haus, stöpseln sie dort lieber wieder den Stecker in die Dose und lassen sich anstecken von einer elektrischen Euphorie: Als wären sie vom Blitz getroffen, wollen sie plötzlich ganz vorne mitschwimmen auf der Akku-Welle, wollen ihren Beitrag dazu leisten, dass Rüsselsheim als „Electric City“ die größte Dichte an Ladesäulen in ganz Europa bekommt, wollen bis 2025 in jeder Baureihe eine elektrische Variante anbieten und wollen vor allem der ganzen Welt beweisen, dass sie dafür keine lieblose Mutter aus Amerika brauchen. Denn alles, was Opel bislang elektrisch auf den Weg gebracht hat, und das war mit Ampera und Ampera-E im Grunde mehr als VW oder Ford, waren eben doch nur importierte Volt und Bolt aus den Chevrolet-Fabriken. All diese großen Ambitionen kristallisieren sich in einem überraschend kleinen Auto, das die Hessen im Herbst aus dem Hut gezaubert haben: dem GT X Experimental, eine kaum mehr als vier Meter lange SUV-Studie als Blaupause für das erste rein elektrische Auto dieser neuen Ära und zugleich der Nachfolger des Mokka X.

Eine neue Designsprache

Der lässt zwar noch knappe zwei Jahre auf sich warten. Doch gibt eine erste Fahrt mit dem handgefertigten Einzelstück zumindest schon einmal einen appetitanregenden Vorgeschmack. Denn zum Reiz des lautlosen und deshalb nicht minder leistungsstarken Antriebs, der um einen 50kWh großen Akku herumgebaut wurde, kommt in der Studie noch ein völlig neues Bedienerlebnis: Wer sich durch die vom seligen Meriva entlehnten Portaltüren in die sportlichen Sitzschalen gleiten lässt, blickt in eine riesige Bildschirmlandschaft und sucht vergebens nach den letzten Knöpfen: Was einem die vielen Assistenzsysteme noch an Bedienmöglichkeiten lassen, das erledigt man hier über den Touchscreen, die Sprache oder Gestensteuerung. Und genau wie zum Beispiel beim Audi e-tron sind auch im GT X die Außenspiegel zwei Kameras in den Kotflügeln und kleinen Bildschirmen in den Ecken des Armaturenbretts gewichen.

Doch damit enden dann auch die Parallelen zu aktuellen Serienmodellen. Denn während dort im Flirt mit der Generation Smartphone die Reizüberflutung gepredigt wird, nehmen sich die Opelaner bewusst zurück und predigen eine „digitale Entgiftung“. Ihr Cockpit heißt deshalb „Pure Panel“, und wenn Designchef Mark Adams über das Layout der eher nüchternen Grafiken spricht, fällt immer wieder der Begriff „Detox“. Tatsächlich wirkt das ganze digitale Feuerwerk etwas nüchterner und entspannender.

Aber der Experimental ist mehr als der Vorbote des elektrischen Mokka-Nachfolgers. Er steht für ein neues Selbstbewusstsein der Marke und ein neues Selbstverständnis. Ersteres, weil er eine neue Designsprache einführt, die den Blitz noch prominenter plaziert und ihn wie Juwelen in der Vitrine unter einem Visier schützt. Und Letzteres, weil Opel künftig mehr denn je eine bezahlbare Marke sein will. „Deshalb haben wir für dieses Leuchtturmprojekt weder eine Luxuslimousine noch ein leistungsstarkes Coupé oder einen lustvollen Sportwagen gewählt, wie es unsere Zunft sonst so gerne tut“, sagt Adams, „sondern uns bewusst für ein kleines und damit bezahlbares Auto im Format des Corsa entschieden.“

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