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Stilvoll zum Friedhof : Letzte Reise im Rolls

  • -Aktualisiert am

Ruhe in Frieden: Umgebaut werden die britischen Nobelkarossen in Italien. Die Kosten dafür sind höher als der Einstandspreis des Neuwagens. Bild: Hersteller

Wer es zu Lebzeiten nicht in einen Rolls-Royce schafft, kann in Nottingham seine letzte Fahrt in solch einem Wagen buchen. Die Auswahl ist groß.

          3 Min.

          Phantom, Ghost, Wraith – die Namen der Rolls-Royce klingen wie aus einer Mythensammlung. Doch so, wie Nigel Lymn Rose deren Bedeutung versteht, hat sich die BMW-Tochtergesellschaft die ätherische Nomenklatur sicher nicht gedacht. Denn er ist Chef des Bestattungsunternehmens A. W. Lymn im englischen Nottingham und hat für seine Beerdigungen eine imposante Rolls-Royce-Flotte in Dienst gestellt. Allein 15 aktuelle Phantom rollen in seinem Fuhrpark, und da sind die Silver Mist oder Mirage aus den früheren Jahren noch gar nicht mitgerechnet. „Wir haben 39 Limousinen von Bentley und Rolls-Royce im Einsatz“, sagt Rob Lippitt, der das Marketing verantwortet und als Chef des Fuhrparks auch über die eigene Werkstatt, ein Team von Mechanikern und ein Heer von fünf Dutzend Fahrern herrscht.

          Zwar ist von den Luxuslinern nur ein kleiner Teil als Leichenwagen umgerüstet, alle anderen Autos sind stilechte Begleitfahrzeuge für Freunde und Familie des Toten. Vom Phantom ist gerade erst ein „Hearse“ fertig, vier weitere sind noch in Arbeit. Doch wenn Lymn vorfährt, wirkt jedes Hollywood-Begräbnis wie ein Trauerspiel. Dabei zählt Lippitt weder Stars noch Sportler zur Kundschaft, und auch mit dem Königshaus hatte das Unternehmen noch keinen Kontakt. „Es sind vor allem ganz normale Familien aus der Nachbarschaft, die für die letzte Reise ihrer Lieben einen besonderen Wagen wünschen“, sagt der Manager, der auch im Büro den dunklen Anzug des Bestatters trägt, und skizziert eine überraschend bürgerliche Preispolitik. „Natürlich kommt es am Ende auf die Zahl der Fahrzeuge an, auf den Sarg, den Blumenschmuck und auf die Strecke, die wir zurücklegen. Aber mehr als 10  000 bis 15 000 Pfund muss man für die letzte Reise im Rolls-Royce nicht bezahlen.“

          Bis zu 15.000 Pfund kostet eine Rolls-Royce-Beerdigung

          Motorräder mit verglastem Beiwagen

          Für Lymn ist ein Rolls-Royce im Fuhrpark keine neue Mode. Im Schaufenster des Haupthauses in einer nicht sonderlich schmuckvollen Innenstadt-Randlage von Nottingahm steht ein Rolls-Royce-Leichenwagen von 1928, der bis heute zum Einsatz kommt. Genau wie die beiden Phantom-Oldtimer von 1936 und 1968 oder die vielen anderen Sonderfahrzeuge, die Lippitt im Katalog hat. Dick wie ein Telefonbuch, listet die „Service Brochure“ auf einem Dutzend Seiten neben den Rolls-Royce Motorräder mit verglasten Beiwagen für den Liegendtransport, VW Camper Vans, ein umgebautes London Taxi, einen roten Doppeldecker-Bus, Kutschen und für unwegsames Gelände und einen Land Rover Defender auf. „Das für jeden Anlass passende Fahrzeug zu haben, hat Tradition“, sagt Lippitt. Und Traditionen sind wichtig bei einem Unternehmen, das seit 1907 in diesem sensiblen Geschäft tätig ist.

          Ältere Rolls-Royce sind durchaus etwas schmuckloser.

          Trotzdem hat Nigel Lymn Rose gewisses Aufsehen erregt, als er im vergangenen Winter gleich 15 Phantom gekauft hat. Nur nicht bei Rolls-Royce selbst. „Dort werden wir, nun ja, höflich ignoriert“, berichtet Lippitt von einer demonstrativen Distanz zwischen Nottingham und dem Firmensitz in Goodwood.

          Allerdings gibt es auch keine Berührungspunkte zwischen den beiden Unternehmen. Denn die Autos hat Lymn alle gebraucht übernommen, und den Umbau erledigt eine Firma in Italien. „Das dauert je Auto ein halbes Jahr und ist mit rund einer halben Million Pfund mehr als doppelt so teuer wie das Basisfahrzeug“, sagt Lippitt. Allerdings gehen die Italiener dafür auch ordentlich ans Blech: Biemme Special Cars aus der Nähe von Venedig streckt den schon langen Phantom nicht nur auf bis zu sieben Meter, so dass neben der Hauptperson im Liegen auch noch die engsten Angehörigen im Sitzen mitfahren können. Die Karosseriebauer setzen dem Luxusliner auch einen gläsernen Lastenaufbau mit LED-Beleuchtung aufs Heck und machen ihn so zum vornehmsten Kombi der Welt. Selbst an den armen Fahrer haben sie gedacht: „Weil das Rangieren mit so einem Koloss auf engen Friedhöfen knifflig ist und man sich auf der letzten Fahrt keine Panne erlauben möchte, haben wir eigens noch Rückfahrkameras einbauen lassen“, sagt Lippitt. „Wir lernen selbst bei jedem Auto dazu und arbeiten deshalb intensiv an der Konstruktion mit.“

          Zwar ist Lymn unter der Woche mit durchschnittlich 27 Beerdigungen am Tag gut beschäftigt, und die meisten Phantoms sind ständig auf Achse. Doch am Wochenende bringt die Firma kaum jemanden unter die Erde, die teuren Dienstwagen stehen ungenutzt in der Garage. Weil das dem geschäftstüchtigen Lippitt ein Dorn im Auge war, hat er bei Lymn jetzt auch einen normalen Fahr- und Limousinen-Service aus der Taufe gehoben und bietet die Rolls-Royce-Flotte zum Beispiel für Hochzeiten an. Dass insbesondere die Bräute ein bisschen Skrupel haben, mag Lippitt zwar nicht so ganz verstehen. Zumal die Autos nicht in traurigem Schwarz, sondern in einem strahlenden Silber lackiert sind und die Kombis zu solchen Gelegenheiten natürlich in der Garage bleiben. Doch hat er längst gelernt, mit erschrockenen Mienen und auch mit deutlichen Absagen zu leben. „Irgendwann“, weiß der Bestatter, „haben wir sie doch bei uns im Auto. Und wenn es für die letzte Fahrt ist.“

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