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Boschs „magische Hand“ : Der Unfall, der dann doch nicht passierte

Bild: Bosch

Lässt sich ein rutschendes Motorrad noch aufhalten? Eine Möglichkeit ist die „magische Hand“. Durch eine Rückstoßkraft soll die Maschine auf Linie gehalten werden.

          2 Min.

          Was sie vorhaben, klingt verrückt. Es ist aber nicht so verrückt, dass sie es nicht zumindest mal versuchen wollen. Forscher des Fahrzeugzulieferers Bosch arbeiten an einem Assistenzsystem, mit dem ein stürzendes Motorrad doch noch abgefangen und in der Spur gehalten wird. Es geht dabei um die Verhinderung von Unfällen in Kurven, bei denen die Räder des Motorrads wegrutschen, weil in Schräglage zum Beispiel ein zu spät bemerkter Ölfleck, Kies, nasses Laub oder von einer Land- oder Baumaschine verlorener Dreck überfahren wird.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Solche Stürze nehmen ihren Lauf, weil auf einer rutschigen Stelle der Reibwert verlorengeht und die Seitenkraft am Reifen einbricht. Bosch-Forscher haben sich nun die Frage gestellt, wie in einem derartigen Fall innerhalb von Millisekunden eine zusätzliche, externe Seitenkraft erzeugt werden kann, die das Motorrad wie eine „magische Hand“ hält, die also einen Unfall, der schon im Gange ist, doch noch unterbindet.

          Eine mögliche Lösung ist es nach Meinung der Fachleute, das rutschende Motorrad durch eine Rückstoßkraft auf Linie zu halten. Dazu könnten an der Maschine Gasdruckspeicher – ähnlich denen der Airbag-Systeme in Automobilen – angebracht werden. Wird über Sensoren und Algorithmen ein seitliches Wegrutschen eines Reifens erkannt, zündet das System, so dass das Gas über eine Düse entweicht. Durch diese Rückstoßkraft würde das Motorrad gehalten.

          Sicherheit des Motorradfahrens erhöhen

          Eine Technik wie diese (Arbeitstitel „Rutschverhinderer“), sei noch Jahre von einer Serienreife entfernt, hebt Bosch hervor. Ob es dazu überhaupt komme, sei noch nicht sicher, hieß es während einer Presseveranstaltung zum Thema Unfallforschung und Technologien zum automatisierten Fahren, bei der es unter anderem auch um die Entwicklung von radargestützten Assistenzsystemen für Motorräder ging. Während, wie berichtet, die ersten Serienmotorräder mit Radarsensoren und adaptivem Tempomat im Jahr 2020 auf den Markt kommen werden, wollte Bosch mit dem Rutschverhinderer ein Beispiel dafür präsentieren, in welch unterschiedliche Richtungen derzeit gedacht werde mit dem Ziel, die Sicherheit des Motorradfahrens zu erhöhen und Unfallzahlen zu senken.

          Zwar befindet sich der Rutschverhinderer mittels seitlichem Düsenstrahl in einem frühen Stadium der Entwicklung mit ungewissem Ausgang, doch scheint nicht ausgeschlossen, dass etwas daraus wird. An einer zuverlässigen Sturzerkennung müsse gearbeitet werden, berichteten Fachleute. Es gelte herauszufinden, unter welchen Umständen welche Kraft für welchen Zeitraum ausgelöst werden müsse.

          Zudem müsse geklärt werden, wo die zusätzlichen Bauteile wie Gasgeneratoren, Tanks und Düsen an den Motorrädern untergebracht werden könnten. An einem Experimentalfahrzeug montierten Bosch-Techniker provisorisch die klobigen Komponenten an der Hinterradschwinge sowie am Rahmen hinter dem Vorderrad. Verschiedene „Rutschszenarien“ wurden schon in Fahrversuchen mit einem Testfahrer nachgestellt, bis hin zum absichtlich herbeigeführten Sturz sowie dem Vermeiden eines solchen dank der „magischen Hand“.

          Dass es mittlerweile gelingt, das Wegrutschen des Rades beim Überfahren rutschiger Stellen in Schräglage durch seitliche Schubkraft zu verhindern, demonstrierte Bosch jetzt auch bei einem Fahrversuch vor Journalisten auf dem Testgelände des Unternehmens in Renningen nahe Stuttgart. Zunächst rollte ein Testfahrer ohne aktivierten Rutschverhinderer in Schräglage über einen Schotterfleck und wäre zum Sturz gekommen, wenn er nicht von am Motorrad montierten Stützrädern aufgefangen worden wäre. Danach wiederholte er den Versuch mit aktiviertem System und wurde von der auf dem rutschigen Fleck ausgelösten seitlichen Schubkraft gehalten.

          „Wir überlegen nun, wie man das Ganze praxisgerecht angehen könnte“, äußerte eine am Forschungsprojekt beteiligte Bosch-Mitarbeiterin. Derzeit seien noch so viele Fragen offen, dass mit einer Markteinführung innerhalb der nächsten fünf Jahre nicht zu rechnen sei.

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