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Skoda Octavia Combi : Mit Haken und Ösen

Jenes seit dem Jahr 2005 gebaute Raumschiffs, das in seinem dezent-straffen Kleid vielleicht noch klassenloser geworden ist Bild: Hersteller

Skoda hat den Octavia Combi noch geräumiger gemacht. Die umgeworfene Rückbanklehne fügt sich zu einer schier endlosen Ebene. Billig sind die Autos aus Tschechien nicht mehr. Aber ihren Preis wert.

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          Skoda hat sich einen beeindruckenden Ruf erarbeitet. Gut, günstig, zuverlässig und versehen mit cleveren Detaillösungen wollen die tschechischen Autos aus dem VW-Konzern sein. Das stimmt auch. Allerdings erfordert der Punkt „günstig“ inzwischen eine Relativierung. Skoda mögen preiswert sein, billig sind sie nicht mehr.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Die Liste der kostenpflichtigen Zutaten ist inzwischen fast so lang wie jene von Oberklassemarken. Sogar Allradantrieb ist verfügbar. Man muss der Fairness halber aber sagen: Immerhin enthält das Angebot, im Gegensatz zu manchem Konkurrenten, allerlei Verführungen, man muss ja nicht jeder erliegen.

          Wer sich mit der Einstiegsvariante beschränkt, kommt schon mit 16.640 Euro zu dem praktischen Tschechen

          Die jüngste Offerte kommt in Form des neuen Octavia Combi, jenes seit dem Jahr 2005 gebauten Raumschiffs, das in seinem dezent-straffen Kleid vielleicht noch klassenloser geworden ist als der nie wirklich adrette VW Golf Variant. Wer sich mit der Einstiegsvariante beschränkt, kommt schon mit 16 640 Euro zu dem praktischen Tschechen. In seiner höchsten Ausbaustufe erfordert er indes 30.500 Euro.

          Und mit dem ein oder anderen Kreuz in der Ausstattungsliste lassen sich Werte erreichen, die an der Marke von 40 000 Euro kratzen. Da stockt schon manchem der Atem. Uns wurde der 150 PS (110 kW) kräftige Zweiliter-Diesel mit dem automatischen DSG-Getriebe zugeführt, zum Basispreis von 29 210 Euro: eine forsch eingepreiste, aber freudvolle Kombination dieses Kombinationskraftwagens.

          Falls mal eine Schrankwand zur Mitnahme ansteht, ist der Combi mithin erste Wahl

          Wir würden ihn der Limousine vorziehen, obgleich wir zugestehen müssen, dass auch diese in ihrer jüngsten Form an Anziehungskraft gewonnen hat. Und sie macht dem Combi sein vielleicht stärkstes Argument streitig, das der Transportfähigkeit. Schon die Limousine wartet mit üppigen 590 bis 1580 Liter Kofferraum auf. Da musste der Combi natürlich nachlegen und drüberliegen, und so kontern die Tschechen die hauseigene Attacke mit 610 bis 1740 Liter. Falls mal eine Schrankwand zur Mitnahme ansteht, ist der Combi mithin erste Wahl.

          Aber auch für den Transport von Fahrrädern oder den Einkauf im Supermarkt eignet er sich gut. Die Rückbanklehne kann geteilt umgeworfen werden, sie fügt sich dann zu einer schier endlosen Ebene, wir glaubten, die Erdkrümmung erkennen zu können. Die Entriegelung erfolgt entweder am Sitz oder im Kofferraum mittels eines Hebels, auf dessen Kommando hin die Lehne indes nur etwas vorklappt und nicht umfällt, weshalb mit der Hand nachgeholfen werden muss. Schwere Wasserkisten lassen sich leicht über die angenehm niedrige Ladekante hieven. Und weil Skoda grundsätzlich gern mit Haken und Ösen arbeitet, finden sich auch im Octavia Combi haufenweise praktische Helferlein.

          Aber auch für den Transport von Fahrrädern oder den Einkauf im Supermarkt eignet er sich gut

          Dort lassen sich zum Beispiel Taschen oder Einkaufstüten umfallsicher einhaken. Der Laderaumboden ist doppelt ausgeführt, seine stabile Abdeckung lässt sich mit einer Hand zusammenfalten und gibt dann ein erweitertes Fach preis, unter dem sich zumindest in unserem mit tschechischem Kennzeichen dargereichten Testwagen ein echtes Reserverad befand, das ist ein besonderes Wort des Lobes wert. Man fragt sich, wo die Jungs von Skoda den Platz hernehmen, oder wo so viele andere Konstrukteure den Platz hin konstruieren.

          Die Heckklappe schwingt erfreulich weit auf, die Stehhöhe darunter genügt größeren Ansprüchen. Nur sollte das aufgefahrene Garagentor nicht zu tief hängen, sonst sind unschöne Kratzer die Folge. Der Befehl zum Öffnen wird elektrisch erteilt. Am Fahrerplatz gibt es dafür eine Taste, die allerdings nur den Vorgang des Öffnens auslöst, als Schließer fühlt sie sich nicht zuständig. Die Bewegung geht gleichmäßig, aber nicht besonders zügig voran, man wünschte sich etwas mehr Schwung, vor allem im Regen.

          Die Liste der kostenpflichtigen Zutaten ist inzwischen fast so lang wie jene von Oberklassemarken

          Der neue Octavia Combi ist breiter und länger als sein Vorgänger. Das macht ihn im Stadtgewühl nicht unbedingt praktischer, ein unbeherrschbares Dickschiff ist er mit seinen 4,66 Meter Länge aber natürlich nicht geworden. Dafür zieht im Innenraum erfreuliche Schulterfreiheit ein. Auch der Zustieg in die zweite Reihe gelingt nun geschmeidiger, die breiten Türen schwingen weit auf und geben einen üppigen Ausschnitt frei, der keine Verrenkungen erfordert. Die Sitze vorn wie hinten sind bequem, der Mittelplatz hinten in der Mitte ist wie üblich nur eingeschränkt reisetauglich. Das Armaturenbrett übernimmt die Vorgabe aus Wolfsburg, es ist mithin klar gezeichnet, und das meiste liegt gut zur Hand, aber es ist eben auch alles etwas klassisch zubereitet.

          Das DSG ist prinzipiell eine feine Sache, aber zur perfekten Harmonie findet das Getriebe mit der Start-Stopp-Automatik nicht. Wirft sie die Maschine nach dem Ampelstart wieder an, ruckelt es im Gebälk. Wird der Fuß von der Bremse genommen, zieht der Skoda mit scharfem Kraftschluss an, um dann in ein kleines Loch zu fallen. Derlei lässt sich durch beherzten Tritt auf den Akzelerator bis zur Unmerklichkeit überbrücken, aber man will ja im Dienste der Sparsamkeit nicht allzeit mit Bleifuß unterwegs sein. Dabei macht es der Octavia seinem Kommandanten leicht, so zügig wie genügsam unterwegs zu sein. Der Zweiliter-Vierzylinder läuft kraftvoll und ausreichend zivilisiert, 320 Nm Drehmoment zwischen 1750 und 3000/min und 1500 Kilogramm Leergewicht sind schöne Eckdaten. Von 0 auf 100 km/h zieht der Skoda in 8,7 Sekunden, erst bei 213 km/h gewinnen die Widerstände die Oberhand. Trotz gelegentlicher Ausnutzung der gebotenen Leistung errechneten wir einen erfreulichen Durchschnittsverbrauch von 6,2 Liter auf 100 Kilometer.

          So hat Skoda ein gelungenes Paket geschnürt, das die Tschechen freilich nicht allein gezaubert haben. Am Tag, als der Skoda ging, kam ein Seat Leon. Der ist nach unserer subjektiven Meinung der schönere VW Golf. Und es dauerte keine zehn Sekunden, bis wir uns darin zurechtfanden. Die Wolfsburger Gleichteileliebe reicht eben von Mlada Boleslav bis Barcelona. Das senkt Kosten, kostet aber Individualität.

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