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Singlespeed und Fixie : Mehr Fahrspaß mit nur einem Gang

Ein Ritzel an der Nabe in einem nach hinten offenen Bahn-Ausfallende Bild: Pardey

Beim Fahrrad scheint alles wiederzukommen: Singlespeed und Fixie rollen als hochmodische Fahrräder aufs Nötigste beschränkt daher, als seien sie bei jahrzehntealten Vorbildern abgeguckt: mit nur einem Gang und für ganz Harte auch ohne Freilauf.

          Dass ein „Fully“ ein vollgefedertes Mountainbike ist, gehört inzwischen zum Weltwissen jedes einigermaßen rüstigen Opas. Mit der bezüglich eines neuen Fahrrads nicht unüblichen Frage nach der Zahl der Gänge kann man sich neuerdings jedoch blamieren. Denn als Enkelversteher muss man sich zwei neue Fachausdrücke merken: Angesagte Fahrräder sind generell das „Singlespeed“ und - in seiner verschärften Form - das „Fixie“. So oder so: Die haben nur einen Gang und das mit oder ohne Freilauf. Fehlt der, heißt das auf Deutsch Starrgang oder auf Englisch „fixed gear“ - daher Fixie.

          Hans-Heinrich Pardey

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Ein-Gang-Räder waren ein Vierteljahrhundert lang der Normalfall, bis sie von den 1920er Jahren an allmählich von Rädern mit Gangschaltung abgelöst wurden. Dass sie nun wieder in breiterer Auswahl als käufliche Fahrradmodelle im Laden stehen, ist der Abschluss einer etwa anderthalb Jahrzehnte langen Entwicklung, die aus dem Fahrzeug einer subkulturellen Szene erst eine Mode und nun Mainstream gemacht hat.

          Ganz am Anfang stehen amerikanische Fahrradkuriere, die ein unverwüstliches Schnellfahrrad haben wollten und darauf verfielen, Bahnrennräder mit Starrgang ohne Bremsen und Schaltung zu benutzen. Am Ende der Entwicklung schiebt der urbane Berufspendler vorsichtig sein durchgestyltes Singlespeed in die S-Bahn: Es hat ihn im Büroanzug vom Bahnhof bis zum Arbeitsplatz gebracht - nur bei schönem Wetter versteht sich.

          Zahnriemen statt Kette

          Bremsen und Schaltung verschleißen

          Die Fahrradkuriere wollten nicht mehr als das Allernötigste: Bremsen und Schaltung verschleißen, also weg damit. Abgesehen von der Geschwindigkeit und dem Fahrspaß bietet ein Bahnrennrad mit Starrgang noch einen Vorteil, der allerdings Körperbeherrschung und die richtige Technik voraussetzt: Man kann mit so einem Rad vor der Ampel bremsen und stehen bleiben, ohne sich abzustützen und ohne umzufallen. Das Vorderrad wird etwas angewinkelt, und durch sachtes Vor- und Zurücktreten balanciert der Fahrer bei diesem „Stehversuch“ (so heißt es sportlich) sich und sein Fahrzeug aus. Selbstverständlich ist Radfahren ohne Bremsen im deutschen Straßenverkehr verboten; ob der Starrgang zusammen mit einer weiteren Bremse die StVO-Forderung nach zwei voneinander unabhängig wirksamen Bremsen erfüllt, ist umstritten. Da das Bremsen mit blockierendem Hinterrad auf die Reifen geht, offeriert Schwalbe mit dem Durano Skid einen rechten Radiergummi für Fixie-Fahrer.

          Nahmen die Fahrradkuriere zunächst, was sie an Rahmen und Komponenten bekommen konnten, war schon 2003, als Recep Yesil und Holger Patzelt die Marke „Fixie Inc.“ starteten, vor allem Design im Spiel. Schön, stählern schlank und puristisch waren diese „Cycles for Heroes“ aus Karlsruhe. Aber noch 2006 stand ein Modell wie das „Peacemaker“ als Exot, allerdings als ein allseits beachteter Exot auf der Eurobike. Seitdem tummeln sich immer mehr Fahrradhersteller in dieser Nische, und es sind keineswegs nur Ausgründungen der Szene. Die baut weiterhin alte Rahmen mit antiquarischen Komponenten auf, während abgesehen vom nach hinten offenen Bahn-Ausfallende (zur Kettenspannung nicht unbedingt nötig, aber am praktischsten) so ziemlich alles zu gehen scheint: Singlespeed und Fixie sind ja auch keine Bauformen, sondern lediglich eine Antriebsart, die im BMX-Rädchen oder Dirtbike genauso vorkommen kann wie in einem Alu-Rennrahmen, grell eloxierte Komponenten inklusive.

          Schwarze Stahlrohr-Schönheit

          Ein paar Fahreindrücke: Nach dem „Curbeside“ von Felt, dessen Ausfallende in Großaufnahme oben zu sehen ist, bot das „Black Betty“ von Contoura (rechts unten im Bild) Gelegenheit, einige Zeit mit nur einem Gang unterwegs zu sein. Die schwarze Stahlrohr-Schönheit hat unter messerschmalen Schutzblechen im Hinterrad eine Nabe von Sram, die den vertrauten Namen „Torpedo“ spazieren führt.

          Hier handelt es sich aber nicht um die gute alte Drei-Gang-Schaltnabe mit Freilauf und Rücktritt von Fichtel & Sachs. Die Amerikaner, von denen die Fahrradkomponenten-Sparte des deutschen Herstellers 1997 übernommen wurde, bieten unter dem traditionsreichen Namen eine zwischen Starrgang und Freilauf umschaltbare Singlespeed-Nabe an.

          Man steckt von der Seite durch ein Loch in der Hutmutter einen Schraubendreher ins Herz der Nabe, und mit einigen Umdrehungen wird aus Freilauf Starrgang. In die Diskussion, ob diese Fixierung auf Dauer den brutalen Kräften standhalten kann, die auf eine Fixie-Nabe mit Vorwärts- und Zurücktreten einwirken, wird hier nicht eingestiegen: Das Rad wurde ganz überwiegend mit Freilauf und 48 Zähnen vorn und 18 hinten bewegt, was - wenn die Topographie Steigungen und Abfahrten bereithält - Fahrspaß genug bietet.

          Auf beiden Seiten des Nabenkörpers je einen Zahnkranz

          Die Torpedo-Nabe ist eine bequeme, aber auch teurere Sache als eine „Flip-Flop-Nabe“, die auf beiden Seiten des Nabenkörpers je einen Zahnkranz hat - der eine starr, der andere mit Freilauf. Zum Wechsel zwischen beidem muss flink das Hinterrad ausgebaut und umgedreht werden. Den passenden Schlüssel dafür hat der Fahrer des „Gridlock“ von Felt immer dabei - sinnigerweise mit einem Kronkorkenheber als nächstwichtigem Werkzeug kombiniert und mit Flügelmuttern an den Rahmen geschraubt.

          Das Modell „Brougham“ des gleichen Herstellers setzt noch eins drauf: Es ist zwar ein Fixie, aber kein Singlespeed, sondern bietet drei verschiedene Übersetzungen mit Starrgang. Erst recht bietet sich das Singlespeed für den Carbonriemen an.

          Wer mit nur einem Gang unterwegs ist, dem zuckt nicht nur der Daumen dauernd am Lenkergriff dorthin, wo er schalten möchte. Dem Fahrer teilt sich der Charakter des Fahrrads ungleich deutlicher mit, als wenn sich die Übersetzung anpassen lässt. Schön für den Handel: Zum kompletten Lifestyle braucht auch der Singlespeeder noch etliche Accessoires, von der Umhängetasche aus - möglichst gebrauchter - LKW-Plane bis zum Trikot, das nach Wolljersey und farblich so aussieht, als habe Gino Bartali es durchgeschwitzt in die Wäscherei gegeben.

          Zur Vertiefung oder als Ersatzhandlung

          Offen gesagt: Nicht allen ist es gegeben, auf Anhieb mit einem Ein-Gang-Rad oder gar einem Starrgang glücklich zu werden. Aber nicht bloß die Ängstlichen werden sich vielleicht erst noch etwas eingehender einlesen wollen. Bitte schön: Andrew Edwards und Max Leonhard betonen in „Fixies - Die aufregende Welt der Fixed-Gear-Bikes“ (144 Seiten, Covadonga Verlag, 19,80 Euro) den sportlichen Aspekt und zeigen kunterbunt viel Fahrradschönheit. - Der Coolness des urbanen Radelns widmet sich als „Magazin für Singlespeed, Fashion & Lifestyle“ das Spoke Magazine (Delius Klasing Verlag, 4,40 Euro, im Zeitschriftenhandel). Ein Zitat, alles in Großbuchstaben: „Viel Alkohol, viel Spaß, Trick-Contest - ein bisschen wie die Anfangszeit des Skate-Boarding.“ - Wer weniger eine Lifestyle-Bauanleitung auf breiter Basis von Konsumtipps sucht, findet in der aktuellen Nummer 2 des Fahrradkultur-Magazins „fahrstil“ (15 Euro im ausgesuchten Fahrradfach- und Zeitschriftenhandel, sicherer aber im Internet unter www.fahrstil-magazin.de) ein Interview mit dem „Godfather of German Singlespeeding“. Von ihm - bürgerlich Zweiradmechanikermeister Peter Horsch und als solcher beim Darmstädter Fahrradhersteller Riese und Müller Produktmanager für Elektroräder - erfährt man unter anderem, wie alles so gekommen ist mit dem Ein-Gang-Rad in Deutschland. Und auch wie eine 14-Gang-Rohloff-Nabe sich auf Singlespeed umrüsten lässt: mit Bauschaum.

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