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Sensationeller Fund : Der erste Porsche war ein Elektroauto

In einem unglaublich guten Zustand: Der 116 Jahre alte Egger-Lohner Bild: Porsche

Gut 70 Jahre galt der Egger-Lohner C.2 als verschollen. Es ist das allererste Fahrzeug, das Ferdinand Porsche konstruierte: im Jahr 1898.

          Als die Räder gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts laufen lernen, sieht es eine Zeitlang so aus, als mache der elektrische Antrieb das Rennen, nicht der Verbrennungsmotor. Die Elektrizität ist noch eine neue Kraft, welche die Menschen über Gebühr in ihren Bann zieht. Beim Wiener Unternehmen „Bela Egger & Co.“, 1896 in „Vereinigte Elektrizitäts AG“ umfirmiert, arbeitet schon seit 1893 der junge Ferdinand Porsche. Schnell wird das Talent des Autodidakten, der abends noch Vorlesungen an der Technischen Universität besucht, sichtbar. Doch an stromernde Autos denkt bei Egger keiner – noch nicht.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Als der Wiener Kutschenfabrikant Jacob Lohner erkennt, dass die Zeit der Pferde als Transportmittel zu Ende geht, kommt es zu einer Zusammenarbeit mit Egger. Lohner hat Studienreisen durch Amerika und Europa unternommen, er will sowohl Benzin- als auch Elektrokutschen bauen. Die geringere Lärm- und Abgasbelastung wird schon damals als Vorteil elektrisch betriebener Fahrzeuge genannt. Egger soll die Elektrotechnik für die Kutschen des zwanzigsten Jahrhunderts liefern.

          Wie eine Kutsche ohne Pferde

          Schon am ersten elektrischen Fahrzeug arbeitet der nun 23 Jahre alte Porsche mit, doch mit gelenkten Hinterrädern und einem Elektromotor vorn ist das Konzept weit von der Praxis entfernt. Das nächste Elektromobil konstruiert Porsche selbst. Der Egger-Lohner C.2 rollt Ende Juni 1898 erstmals über Wiener Straßen. In wichtige Bauteile wie die Radnaben schlägt Porsche die Bezeichnung „P1“ ein – sein erstes Auto.

          Obwohl es auf den ersten Blick wie eine Kutsche ohne Pferde aussieht, steckt es voller Ideen: Vorderachsschenkel-Lenkung, den 130 Kilo schweren, achteckigen E-Motor (Oktagon) hat Porsche ebenfalls selbst konstruiert. Das Triebwerk hängt stoßgedämpft an der Hinterachse. Die Leistung beträgt 3 PS, sie ist kurzfristig auf 5 PS steigerbar. Die Kraft wird mit einem einstufigen Differentialgetriebe über Zahnkränze auf die innen verzahnten Radnaben übertragen. Ein „Controller“ (schon damals als Anglizismus) bietet 12 Fahrstufen (sechs vor, zwei zurück, vier Bremsstufen).

          Die Passagiere in der zweiten Sitzreihe sitzen über dem 500 Kilogramm schweren Batteriekasten. Die Blei-Akkus, „System Tudor“, 44-Zellen-Akkumulator, 120 Amperestunden, machen eine Reichweite von rund 80 Kilometern bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h möglich. In der Spitze sind mit den 5 PS kurzfristig 35 km/h drin. Das 1,35 Tonnen wiegende Fahrzeug ist überraschende 2,55 Meter kurz und hat einen Radstand von 1,60 Meter.

          So sah der Egger-Lohner vor 112 Jahren aus Bilderstrecke

          Gebremst wird mit Bandbremsen (wie damals bei einer Kutsche) oder nach einen Druck auf den Lenkradkranz elektrisch – im Prinzip kann man von einem Zweikreis-Bremssystem sprechen. Auf das Fahrgestell konnten verschiedene Aufbauten (offen oder geschlossen) gesetzt werden, die Holzräder hatten schon Luftreifen. Eine mechanische Bremse gegen das Rückwärtsrollen lässt sich Porsche zudem einfallen: ein Dorn, der sich in der Straße festkrallen soll, sichert das Fahrzeug. Hintergrund: Die Lohner-Fabrik (zu Hoch-Zeiten entstehen dort jährlich 20000 Pferdekuschen) steht in einem für Wiener Verhältnisse bergigen Stadtteil, mit dem Rückwärtsrollen hatte es bei Fahrversuchen immer wieder Probleme gegeben.

          Im September 1899 gewinnt Porsche mit seinem P1 in Berlin nach gut anderthalb Stunden mit 18 Minuten Vorsprung eine Wettfahrt für Elektromobile. Die Distanz hatte 40 Kilometer betragen, es ging nach Zehlendorf und zurück, die Chronisten schreiben von einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25,8 km/h. Wenn man so will, ist das Porsches erster Sieg in einem Rennen. Anlass war die „Internationale Motorwagen-Ausstellung“, bei der 120 Unternehmen ihre Autos zeigten, 19 Hersteller davon hatten sich auf E-Mobile konzentriert. Porsche hatte drei Schiedsrichter an Bord, mehr als die Hälfte der anderen Teilnehmer kam nicht ins Ziel.

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