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Selbst gebastelter Oldtimer : Mr. Brown fährt zurück in die Zukunft

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Die klassische Linie, das klassische Grün: Es sieht aus wie ein Aston Martin, ist aber keiner. Auch wenn wieder ein David Brown die entscheidende Rolle spielt Bild: Tom Debus

Andere Männer kaufen einen Oldtimer, wenn sie die Midlife-Crisis erwischt. Oder einen neuen Sportwagen. David Brown hat keines von beidem getan und sich stattdessen selbst ein Auto gebaut. Sein Speedback ist nagelneu und trotzdem irgendwie von gestern.

          Am liebsten wäre er Rockstar geworden. Oder wenigstens ein Geheimagent wie James Bond. Doch was bleibt einem als Sohn eines großen Traktoren- und Baumaschinenherstellers schon anderes übrig, als in die Fußstapfen seines Vaters zu treten? Also hat David Brown - nicht zu verwechseln mit dem Aston-Martin-David-Brown - keine Songs komponiert, keine Gitarren zertrümmert, keine Blondinen vernascht und keine Fernsehgeräte aus Hotelfenstern geworfen. Sondern er hat Muldenkipper gebaut. So viele Muldenkipper, dass er zwischenzeitlich 3500 Mitarbeiter hatte, aber dafür nicht mehr sonderlich viel Spaß im Leben.

          Mittlerweile ist er knapp 60, seine Firma ist versilbert, seine Ehe geschieden, und jetzt holt Mr. Brown ein bisschen was nach. „Ich muss niemandem mehr Rechenschaft ablegen und mache nur noch, was mir Spaß macht“, sagt der Brite und genießt heute das Leben, das er als junger Mann hätte führen wollen. Er hat seine erste Schallplatte aufgenommen, eine Brauerei und Schnapsbrennerei mit dem feinsinnigen Namen „Bad Company“ gegründet, weil das auch der Name einer Rockband ist. Er fördert junge Marketing-Genies, verkauft Granit in London und New York und genießt ansonsten das Leben. Das ist ja nicht schlecht. Aber warum schafft es ein steinreicher Brite auf der Suche nach seinem Glück auf diese Zeitungsseite? Weil er jetzt sogar ein Auto baut. Denn andere Männer in seinem Alter würden sich vielleicht einen Oldtimer kaufen oder wenigstens einen Sportwagen, wenn sie die Midlife-Crisis packt. Aber weil Brown schon genügend Oldtimer („die sind doch immer kaputt“) und Sportwagen („die sieht man an jeder Ecke“) besitzt, im Grunde doch ein Macher ist und den Fahrzeugbau von der Pike auf gelernt hat, entwickelt er seinen Traumwagen lieber gleich selbst.

          Stilmix: Man nehme von jedem etwas

          Und weil sich die Arbeit schließlich lohnen muss, wird das Auto danach auch verkauft: Für 495 000 Pfund plus Steuern. Dass sich das zum Beispiel in Deutschland am Ende auf rund 750 000 Euro summiert, scheint die reichen Raser nicht zu stören: Fünf Autos sind schon bestellt, sagt Brown, für ein weiteres Dutzend hat er ernsthafte Interessenten, und gerade eben war mal wieder ein Pärchen aus Deutschland zur Probefahrt bei ihm in Gaydon und hofft, dass es bei den Ersten ist, die um Weihnachten herum seinen Traum teilen dürfen.

          Mit einem Design von gestern

          Dass Browns Wagen, der „Speedback“, verdächtig nach genau jenem Aston Martin aussieht, der seit „Goldfinger“ als ewiges Bond-Auto gilt, muss man wohl entschuldigen. Denn erstens war das neben dem Jaguar E-Type, von dem der Speedback die Scheinwerfer hat, dem Maserati 3500 GT, von dem der Grill inspiriert wurde, und dem Ferrari Daytona, der Pate für das Heck stand, der vielleicht begehrteste Sportwagen jener Zeit. Und zweitens kann der Unternehmer ja auch nichts dafür, dass er den gleichen Namen trägt wie jener David Brown, der Aston Martin nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ruhm und Ehre gebracht und danach jeder Baureihe seine Initialen vorangestellt hat. So wurde aus der Nummer fünf der DB5, der nicht nur dem anderen David Brown bis heute als schönster Aston Martin aller Zeiten gilt.

          Der Chef fährt selbst. Man beachte den roten Himmel

          Die liebevoll in 2000 Stunden Handarbeit gedengelte Aluminium-Karosserie des Speedback nimmt die Linien dieses DB5 wieder auf und zeigt für Brown, welches Auto James Bond heute fahren sollte: Die Haube ist schier endlos lang und wunderbar sanft geschwungen, die Kabine flach und das Heck so fließend wie die Wellen am Beach von Brighton an einem ruhigen Sommertag. Nur die LED-Spots hinter den kreisrunden Frontgläsern beamen den Speedback ins neue Jahrtausend.

          Geholfen hat Mr. Brown ein Team von gerade einmal vier Leuten, zu dem unter anderen der Designer Allan Mobberley zählt, der bei Land Rover zuletzt den Discovery in Form gebracht hat. Die vielleicht coolste Idee am ganzen Auto kommt aber vom jüngsten Mitglied des kleinen Unternehmens - einem Praktikanten. Inspiriert von der Picknick-Klappe eines Range Rover, hat er eine dritte Sitzbank in den Kofferraum des Speedback konstruiert, die sich mit zwei Handgriffen entgegen der Fahrtrichtung aus dem Boden klappen lässt. Viel stilvoller kann man seinen Champagner auf dem Parkplatz kaum genießen - egal ob man nun ein verhinderter Rockstar oder ein Geheimagent ist.

          Runde Heckleuchten und vier dicke Endrohre müssen sein. Hochmodern: Heckklappe mit tiefer Ladekante

          Das Design ist von gestern, aber die Plattform ist von heute. Denn unter der schmucken Hülle steckt ein vergleichsweiser schnöder Jaguar XKR, an dessen Antrieb Brown nichts geändert hat. „Warum auch?“, fragt der Brite. Denn erstens ist der fünf Liter große V8-Kompressor mit seinen 510 PS, den 625 Newtonmeter Drehmoment und vor allem mit seiner wunderbaren Klangfarbe keine schlechte Wahl. Und zweitens wollte Brown ein modernes Auto, wie gesagt. Aber es spricht noch etwas für den Jaguar als Basis: seine Herkunft. Denn genau wie David Brown Automotive und eigentlich alles, was in der englischen Autoindustrie mal Rang und Namen hat oder hatte, sitzt Jaguar in Gaydon. Dort hat Brown auch die nötigen Spezialbetriebe gefunden, die seinen Wagen in Handarbeit montieren. „Made in England“, sagt Brown deshalb stolz, und ein bisschen Patriotismus kann ja nicht schaden, wenn man den Union Jack sogar im Firmenlogo verewigt hat.

          Wer mit Brown in seinem Speedback durch die Midlands fährt, sich in den feuerroten Ledersesseln aalt und den Kontrast zwischen der riesigen, fast barocken Holzvertäfelung und dem funkelnden Chrom-Zierrat genießt, der erliegt schnell den Reizen des Gran Tourismo.

          „Das Leben ist Rock ’n’ Roll“, sagt der verhinderte Rockstar und folgt dieser Philosophie bis hin zur Farbgebung des Speedback: „Stundenlang haben wir zusammengestanden und den richtigen Lack gemischt“, erzählt Brown und umschreibt die Farbe als Pistolengrau mit einer Spur von burgundernem Rosenrot. Ob der Speedback ein Erfolg wird? Klar, wäre es schön, wenn sich die vielen Millionen und die unzähligen Stunden rechnen würden, die er in das Projekt gesteckt hat. Doch wenn nicht, ist das auch kein Beinbruch. Schließlich hatte er wenigstens seinen Spaß dabei.

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