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Segelyachten : Endlich mal ein richtig leeres Boot

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Spitzentechnik in klassischem Gewand: „Firefly“ ist die verkleinerte Version einer J-Class-Yacht in John-Pierpont-Morgan-Rabenschwarz Bild: Rick Tomlinson

Klappkojen statt Edelholz: Die „Firefly“ ist keines dieser protzigen Boote, deren Aufgabe sich darin erschöpft, den üblichen Landlebenskomfort auf dem Wasser zu duplizieren.

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          Wir leben in einer seltsamen Welt. Während die Mehrheit derer, die von ihrer Arbeit leben, von Krise zu Krise schlechter dasteht, gibt es eine wachsende pekuniäre Oberschicht. Die weiß nicht, wie sie das Geld ausgeben soll. Ihr bietet die Luxusartikelindustrie, zu deren schillernder Abteilung der Yachtbau zählt, zunehmend ausgefalleneres Spielzeug an, große Motor- und Segelyachten.

          Mit einem durchzugsstarken Spritsäufer durchschnittlicher, in Südfrankreich kaum zur Kenntnis genommener Größe ist schon mit wenigen hochsommerlichen Fahrten vom Yachthafen zum Badestrand die Jahresheizölrechnung eines Einfamilienhauses verfeuert. Dabei wird man an dieser Küste erst mit einem 60 Meter langen oder bei passenden Bedingungen 60 Knoten schnellen Schlitten zur Kenntnis genommen.

          Eine ganze Flotte

          Einer, der sich in dieser seltsamen Branche auf den Stil und Charme von Segelyachten vergangener Zeiten spezialisiert hat, ist André Hoek. Mitte der achtziger Jahre stieg der clevere Holländer auf die gerade erst losschwappende Retrowelle. Sie hält bis heute an. Mittlerweile surft er sie mit seinen „nieuwe klassiekers“ so variantenreich und geschickt, dass der Eindruck entstehen kann, Hoek verkörpere sie.

          Sein 17 Personen starkes Konstruktionsbüro entwirft meist Segelyachten mit antiquiertem Löffelbug und einer ansehnlich geschwungenen Deckskante. Sie wird von einem oder zwei niedrigen Aufbauten überragt, die so anachronistisch wie ein viktorianischer Eisenbahnwaggon verglast sind. Wie in der seglerisch guten alten Zeit enden Hoeks Yachten mit einem apart aus dem Wasser gehobenen Heck. Unter dem Schiffsbauch gibt es allerdings keinen herkömmlich langen Kiel, wie die sichtbaren Proportionen des Rumpfs vermuten lassen, sondern eine zeitgemäß kurze Kielflosse und ein separates Ruder. Bislang hat Hoek eine ganze Flotte in dieser Manier entworfen, von elf bis hin zu 80 Meter Länge.

          Ein klarer Abstieg: Immerhin ist weiß lackiert.
          Ein klarer Abstieg: Immerhin ist weiß lackiert. : Bild: Joep Niesink

          Als prototypisch klassische Yacht gilt die J-Class. In dieser etwa 40 Meter langen, rund 150 Tonnen schweren Bootsklasse wurde in den dreißiger Jahren um den America’s Cup gesegelt. Die längst ausgestorbenen Dinosaurier der Regattabahnen gelten als Quintessenz der klassischen Yacht. Abgesehen von einer kleinen Eignerkabine mit Tagestoilette waren sie unter Deck ziemlich leer. Die magere Ausstattung hielt den bei schmalen Yachten entscheidenden Ballastanteil hoch. Aus funktionalen Gründen trugen die Glattdecker kein Deckshaus, allenfalls eine spitzkappenartige Behausung für das Schiebeluk über der steilen Stiege ins Schiff.

          Als Elisabeth Meyer die einstige Sopwith-Yacht „Endeavour“ des englischen Flugzeugfabrikanten und Pokalherausforderers Ende der achtziger Jahre in eine zum Blauwassersegeln und für Chartertörns mit allem erdenklichen Komfort versehenen Luxusschlitten verwandelte, begann eine bis heute andauernde Fehlentwicklung. Unter Deck wurde die damals vielbewunderte Yacht vollständig mit vertäfelten Kajüten ausgebaut und unter den Bodenbrettern der Kabinen mit moderner Technik wie Hilfsmotor, Stromerzeuger, Meerwasserentsalzer und Klimaanlage, Kühlkompressoren für die Eisboxen, Tanks, Batteriebänken, Wandlern und Hydraulikpumpen vollgestopft.

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