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Segelyacht Shogun 50 : Maskuliner Egotrip

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Rippen am Bug und ein Krieger im Vorsegel - das ist die ungewöhnliche Shogun 50. Bild: Klaus Andrews

Mal zeigen, wo der Hammer hängt: Die Shogun 50 aus Schweden ist eine Art segelnder Aventador.

          3 Min.

          Der Blick in Messehallen und Marinas zeigt den unübersehbaren, sich beschleunigenden Hang zum Bequemen. Schon mittelgroße Charter-, Familien- und Urlaubsboote sind schwimmende Wochenendhäuser mit Küchenzeile, fließend Warmwasser, Geschirrspüler, Waschmaschine, Flachbildschirm und mindestens um das Fußende herum zugänglichem Queensize-Bett. Von etwa 15 Meter Länge an wiederholt es den Komfort, wie ihn vermögende Leute zu Hause haben.

          Die Branche weiß, dass die Familienerweiterung um ein schwimmendes Spielzeug nur zustande kommt, wenn die Frau kein Veto einlegt. Entsprechend wird es Schritt für Schritt dezimeterweise zur Weltneuheit aufgebläht. Fachjournalisten gehen mit Zollstöcken durch die Kajüten und vergleichen Kojenmaße. Wie der Kofferraum im Auto werden allen Ernstes Stauräume in Schapps, Schränken und Backskisten an Bord „ausgelitert“. Ob moderne Wobos (Wohnboote) segeln, lässt sich am Messestand nicht beurteilen, scheint aber angesichts des maßgeblichen Platzgesichtspunkts ohnehin nachrangig.

          Da ist die Shogun 50 als maskuliner Egotrip eines schwedischen Seglers erfrischend anders. Anstelle des senkrechten oder vorwärts geneigten Bugs fängt er mit einem rückwärts eingezogenen Vorsteven an, der den Zug des Vorstags ohne zusätzlichen Unterbau aufnimmt. Der Schlachtschiffbug erhielt zusätzlich drei eigenwillige Rippen. Das sieht nochmals anders aus und weist das Spritzwasser bei schneller Fahrt ab. Zwar ist diese Bugpartie im Schärengarten einfach nur unpraktisch, weil damit weder, wie in Skandinavien üblich, vorwärts an einer Insel angelegt werden kann, noch das Boot im Hafen über den Bug zu verlassen oder zu betreten ist. Aber herkömmlich praktische Bugformen gibt es seit Jahrzehnten schon.

          Der rote Salon: Nun ja, zumindest bequem sieht das Sofa aus. Bilderstrecke

          Bootseigner Mats Bergryd ist, so dürfen wir die Verhältnisse zusammenfassen, finanziell aus dem Gröbsten raus und in einem Alter, wo Männer noch mal richtig Gas geben. So war er vor einigen Jahren reif für eine „Club Swan 50“. Abgesehen vom saftigen Preis hat dieses Boot der angesehenen finnischen Nautor-Werft viele Vorzüge. Mit seinem rückwärts geneigten Zerstörerbug und martialischen Look fährt es bereits im Stehen. Es hat den Sexappeal eines anders gefalzten Lamborghini Aventador nebst passender Begleitung.

          Noch besser ist, dass es nicht bloß elend im Wind herumsteht wie üblich uncoole, von Kompromissen domestizierte Hafendatschen. Man kann sich damit bei den einschlägigen Veranstaltungen, wo es landseitig unter anderem auch markante Sportwagen gibt, blicken lassen. Sie heißen Nations Trophy und finden statt, wo es Sonne, Wind, Geld und abends beim Galaempfang aparte Begleitung gibt. Vor Palma de Mallorca, Saint-Tropez, Monaco oder Porto Cervo.

          Ein paar Freunde zusammenbetteln

          Nun machte der Schwede aber die betrübliche Erfahrung, dass sein neues Boot jenseits des mediterranen Club-SwanParalleluniversums auf Dauer doch gravierende Nachteile hat. Er musste jedes Mal telefonisch ein paar Freunde zusammenbetteln, die mit ihm segeln gehen. Zweitens hat die Club Swan mit ihrem Dreieinhalb-Meter-Kiel zu viel Tiefgang für die Gewässer rings um Stockholm. Schöne Ankerbuchten und Passagen zwischen den Inseln blieben Bergryd verwehrt. Also ließ er Håkan Södergren und seinen Sohn Oskar ein neues Boot entwickeln, das mit angehobenem Kiel ganze zwei Meter tief geht.

          Bergryd wollte ein Dual-Purpose-Boot, um den entsetzlich geschundenen Begriff des Cruiser-Racers zu vermeiden, eines, das in der leichten Brise zwischen den Birken und Kiefern der geschützten Stockholmer Schären fährt und mit dem er bei der Langstreckenregatta Gotland Runt zeigt, wo der Hammer hängt. Auf mehreren hundert Meilen draußen auf dem offenen Meer geht es deftig zu. Es sollte sich allein bewegen lassen oder mit einer halben Fußballmannschaft sportlich segeln. Der hinter dem Kiel stehende Mast entlastet das Vorschiff und bietet Platz für vier handhabbare Vorsegel.

          Die Segeltragezahl verrechnet in einer speziellen Formel das Gewicht des Boots mit seiner Segelfläche. Sie ergibt den Agilitätsfaktor. Dank konsequenter Karbonbauweise bis hin zur Kielflosse, die den 3,6 Tonnen schweren Bleitorpedo um anderthalb Meter automatisch anhebt, gelang es trotz Kielkastens und -hydraulik, das Nettogewicht des Boots mit 7,9 Tonnen unter dem der Swan zu halten. Die Segeltragezahl von annähernd 6 mit Großsegel und Fock ist wie bei der Swan ein kerniger Regattabootwert. Mit dem amwind-tauglichen Code-Zero, wie das heute übliche große Vorsegel genannt wird, geht der Agilitätsfaktor mit 7,4 durch die Decke. Damit segelt die Shogun 50, wie ein Aventador mit 700-PS-Mittelmotor fährt.

          Für diese Sonderanfertigung schlägt die seit 1886 bestehende Rosättra-Werft in Norrtälje neben ihrer Linjett-Range hübscher Tourenboote ein neues Kapitel auf. Unter der Projektleitung von Daniel Gustafsson, einem der drei Brüder, die die Rosättra-Geschichte gerade mit yachtbaulich interessanten Leuchtturmprojekten wie diesem fortschreiben, entstand die Shogun 50 aus mit Epoxidharz verklebten Karbon-Gelegen und Eichenfurnier über Dinvycell-Schäumen unterschiedlicher Dichte. Marström Composite, mit Hightech-Komponenten für Grandprix-Boote schon eine Weile im Thema, trug mit der leichten Doppelruderanlage, dem Kiel und Rigg bei. Die Kielflosse aus Karbon anstelle eines Stahlprofils sparte gut 300 Kilo, die als Bleiballast ganz unten besser untergebracht wurden als darüber. Weitere ortsansässige Spezialisten halfen den Gustafsons, das yachtbauliche Level ins 21. Jahrhundert zu heben.

          Für 1,7 Millionen Euro (inklusive Mehrwertsteuer) bauen die Schweden die Shogun 50 noch mal – mit Rippen am Bug, sechs Kojen, einem Toilettenraum und farblich hoffentlich anderen Polstern. Man bekäme dafür ein SeBo, ein Segelboot. Wie sich es im Vergleich zur Club Swan 50 macht, bleibt ebenso offen wie die Frage, ob die spezielle Form auch in einigen Jahren noch gefällt.

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