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Segelyacht : Krachen lassen, wenn’s kribbelt

  • -Aktualisiert am

Breitengrad: Unter Krängung zeigt die Elan E4 die enormen Ausmaße ihres Cockpits. Bild: Claus Reissig

Die Segelyacht Elan E4 ist ein Cruiser-Racer im besten Sinne. Leicht, schnell, aber auch familientauglich. Geeignet für all jene Segler, die eine junggebliebene Crew an Bord haben.

          Die slowenische Elan-Werft behält ihre Zwei-Linien-Strategie bei: Fahrten- und Charterboote einerseits, Sportyachten andererseits. Zu Letzteren zählt das ehemals als Elan 350 gestartete Modell E4. Die knapp elf Meter lange Yacht unterscheidet sich nur marginal von ihrer Vorgängerin, außer der Namensänderung (zwischenzeitlich hieß sie Elan 360) ist das Konzept auffällig, das schnelles Reisen unter Segeln ermöglicht. Untypisch für einen Cruiser ist ihr Heck breit und flach, das Gewicht niedrig und der Ballastanteil gering.

          Findet die Elan die richtigen Wellen bei passender Windstärke und -richtung, sind verhältnismäßig hohe Geschwindigkeiten bis hin zum Surfen drin. Damit bekommt das Yachtsegeln eine Dimension, in die ansonsten nur Regattasegler vorstoßen: Der Umgang mit dem Gerät wird leichter, spielerischer, aber auch intensiver. Das mag nicht für jede Crew passen, aber mit der E4 besteht zumindest die Option - und das mit einer fahrtentauglichen Innenausstattung mit zwei oder drei Kabinen. Das Interieur mit Oberflächen aus gleichmäßig gemasertem Kunstholz (Möbel „Blond Oak“ mit Fußboden „Wave Grey“ und viel Weiß, das einfach Weiß heißt) wirkt hell und leicht, passend zu den nur knapp fünfeinhalb Tonnen Leergewicht der Yacht.

          Familienfreundlich und trotzdem Luxus

          Und aufs Gewicht kommt es an. Mancher Fahrtensegler mag beim Anblick zweistelliger Werte auf der digitalen Logge zusammenzucken, aber er darf an dieser Stelle gern weiterlesen. Denn das slowenische Schiff meistert die schnelle Fahrt sicher und souverän. So ein kleiner Ritt auf der Welle gehört nicht zu den unbeherrschbaren Situationen, den darf man ruhig als Luxus ansehen. Das Segeln mit der E4 vermag Hochgefühle hervorzurufen, wie wir an einem Tag mit schönem Segelwind in der Gegend um den Kieler Leuchtturm erlebten. Bei manch anderem auf dem Markt befindlichen Boot wird Familienfreundlichkeit häufig mit wenig Potential, kleinen Segelflächen, schweren Kielen, Behäbigkeit gleichgesetzt.

          Das mit zwei Steuerrädern ausgestattete Cockpit reicht fast über die gesamte Schiffsbreite von dreieinhalb Metern. In der Wende erfordert das von der Besatzung eine gewisse Mobilität, für Fahrtensegler sind die Wege ungewohnt lang. Auf dem jeweils neuen Bug kann man sich nicht einfach auf die gegenüberliegende Bank plumpsen lassen, sondern man muss wie auf einer Regattayacht einige Schritte zurücklegen, was ein Minimum an Sportlichkeit voraussetzt. Zudem neigt das Schiff aufgrund seines geringen Kielgewichts (1,3 Tonnen) dazu, an der Kreuz bis auf ungewohnte 30 Grad zu krängen. Die Cockpitbänke stehen so weit voneinander entfernt, dass dazwischen ausreichend Platz für eine kleine Crew im Manöver bleibt. Die Großschot wird beidseits auf den achteren, recht weit außen stehenden Winschen geführt (“German Cupper Sheeting“), auch die Genua-Winden stehen weit außen und verlangen nach junggebliebenen Seglern.

          Übung an Bord verlangt

          Für viele mögen das schon Ausschlusskriterien sein, wer sich jedoch damit anfreundet, genießt viel Platz im Cockpit. Sobald wir ein wenig abfallen und die Krängung nachlässt, kann man im Cockpit des 36-Füßers herumlaufen, auch eine Crew von drei oder vier Personen verteilt sich locker über die Fläche. Bei gut vier Beaufort schmelzen die Distanzen mit der E4 rasch. Halbwinds meldet das GPS bereits ohne Gennaker fast neun Knoten Fahrt. Ziele, die man für einen Tagestörn bisher eventuell als nicht erreichbar eingestuft hatte, bekommen den Stempel „machbar“. Schieben raumschots lange Windseen an, bringt selbst der Autopilot Geschwindigkeiten im zweistelligen Bereich zustande.

          Der blaue Salon: Unter Deck herrscht sportliche Nüchternheit. Kein Mahagoni, kein Glanz in dieser Hütte.

          Man sollte erwarten, dass solche Konzepte das Nachwuchsproblem der Segelei, das fraglos vorhanden ist, wenigstens zum Teil lösen können. Dazu gehört, dass sie auch von den Händlern und Segelschulen verstanden und vermittelt werden. Mit Booten wie der Elan E4 wird das Yachtsegeln zu einer Sportart, die nach mehr als nur einer kurzen Einweisung, nach Auseinandersetzung und Übung verlangt. Über solch intensive Erlebnisse ließe sich aber vielleicht manche Familie an Bord locken. Denn die E4 ist ein Cruiser-Racer im besten Sinne, also ein Zwitterwesen, das sowohl schnell als auch bewohnbar ist. Dass viele Yachten diese Bezeichnung als reines Marketinginstrument zu Unrecht tragen, wird klar, wenn man einmal mit der schnellen Elan unterwegs war.

          Sollte sich der Familienrat gegen ein Wochenendhaus und für die E4 entscheiden, erfordert das eine Investition von 132.000 Euro (ab Werft, ohne Segel) plus einiges darüber hinaus. Das von uns gesegelte Schiff mit Extra-Paketen namens Cruising (mehr Komfort), Performance (hochwertige Segel- und Beschlagsausstattung) und Navigator (alle Instrumente) sowie etlichem mehr repräsentierte einen Preis von 216.146 Euro. Dafür bekommt man aber auch etwas: nämlich die Wahl, es langsam angehen oder krachen zu lassen, wenn’s in den Fingern kribbelt.

          Daten und Preise

          Länge 11,60 m, Länge in der Wasserlinie 10,10 m, Breite 3,50 m, Tiefgang 2,15 m (Option 2,35 oder 1,50 m), Verdrängung 5,35 t, Ballast 1,3 t (Ballastanteil 24,3 Prozent), Großsegel 29,7 m², Genua 29,68 m², Gennaker 110 m², Wassertank 175 l, Diesel 90 l, Maschine: Volvo Penta Diesel, 29 PS (22 kW), Saildrive mit Festpropeller

          Preis ab 132 078 Euro. Serienausstattung u. a.: Mast mit doppelter Saling (Selden, 7/8-Takelung), Vorsegelrollanlage (Furlex), Winschen (Harken), Kompasse, Badeleiter. Extras u. a.: Cruising-Paket 7319 Euro (z. B. Kühlschrank, Boiler, Backofen, Landanschluss 230 V); Performance-Paket 8747 Euro (z. B. Performance-Mast, laufendes Gut Dyneema, Wanten Dyform,
          Faltpropeller); Navigator-Paket 7937 Euro (z. B. Log/Lot/Wind, Autopilot, Kartenplotter, UKW-Funk, AIS, alles von Raymarine), Segel 7170 Euro (2 × Genua, Großsegel), Transport Bremerhaven 6545 Euro, Auslieferung 2999 Euro (z. B. Kranen, Mast stellen, Übergabe, Gasprüfung)

          Konstrukteur: Rob Humphreys, CE-Kategorie A (Hochsee); Rumpf und Deck Polyester-Sandwich im Vakuum-Infusionsverfahren, einlaminierte Schotten, T-Kiel aus Gusseisen, Doppelruderanlage mit doppelten Steuerrädern und Seilzuglenkung.

          Werft: Elan, Begunje 1, SLO-4275 Begunje na Gorenjskem; Händler: Blue Yachting, Am Lesumhafen 2A, 28717 Bremen, www.blue-yachting.de

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