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Segeln : Darf's ein bisschen weniger sein?

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Die intensiven Momente: Klein oder allein ist man dem Wasser näher Bild: Wilfried Erdmann

Wir mögen die fortgeschrittene Kultivierung und die schillernde Welt des modernen Yachtbaus. Doch Größe macht nicht unbedingt glücklich. Das Segeln kleinerer Boote hat seinen besonderen Reiz, das lernen wir von Leuten, die es wissen müssen.

          Ein analoges Instrument ist besonders schön, wenn seine Nadel zwischen acht und zehn Knoten Geschwindigkeit pendelt und es auf einem gut 19 Meter langen Tropenholztorpedo, Baujahr 1936, tätig ist. Ein frischer, in Böen deftiger Westwind schraffiert von Milwaukee kommend den Lake Michigan und drückt „Bacchant“ mächtig in den See. Dazu noch Sonnenschein und strahlend blauer Himmel. Leider ist zeitweise unklar, ob wir gleich mit Mann und Maus abgluckern oder dieses glänzend lackierte Stilmöbel unter eindeutig zu viel Tuch einfach weiter durch den Lake brettert. Niemals würden harte Burschen wie Bill, Jere oder der Gast aus dem fernen Germany zugeben, dass wir gerade ganz klar über unsere Verhältnisse segeln. Jungs tun so was nicht. Wer bremst - oder refft -, hat Angst. Kennen wir doch vom Roller-, Fahrrad- oder Audifahren, stimmt's?

          Nun gibt es eine alte und fast immer zu beherzigende Mitseglerregel, nach der Besucher an Bord niemals Tipps geben, seien sie als Vorschläge, Anregungen versteckt oder sonst wie weichgespült. Amis mögen keine „suggestions“, schon gar nicht aus Germany. Bill und Jere scheuchen den 75-Quadratmeter-Schärenkreuzer regelmäßig aus Anlass der Langstreckenregatta von Chicago zur Mackinac-Insel, das Paris-Dakar des Mittleren Westens. Die beiden werden schon wissen, ob der Mast heute draufbleibt.

          Diesem Seebär widerspricht man nicht

          Die niedrige Bordwand taucht ab. Der See strudelt um die Reling, flutet das Seitendeck und folgt dem gestreckten Heck als Wasserhügel einer mächtigen Verdrängerwelle. Die schnittig-schlanke Antiquität schießt ohne nennenswerten Ruderdruck spurtreu durch das Wasser, als wäre sie für solche Abenteuer gebaut. Die horizontlose Weite nach Norden, Osten und Süden lässt das Gewässer wie ein Meer erscheinen. Wie lange haben wir davon geträumt, diesen Renner aus kastanienbraunem Honduras-Mahagoni, dieses Asservat skandinavischen Yachtsports wenigstens einmal zu sehen. Ihn an diesem Tag zu segeln wird zum nautischen Nirwana.

          Auf Wilfried Erdmanns „Kathena Gunilla” rückt das Erleben der Natur in den Vordergrund

          Bill ist ein bulliger Gemütsmensch, der ohne kariertes Holzfällerhemd, seinen mammutgroßen Truck vor dem Milwaukee Yacht-Club und die nächste Dose Schlitz oder Miller in der Faust nicht denkbar ist. Nach dem Genuss kompaktiert Bill Emery das Blech mit der linken und guckt einen dabei direkt an. Diesem Seebär widerspricht man nicht. Jere ist ein drahtig alerter Senior und mehr der Teetrinker. Jerome D. Sullivan hat eine rundlaufende Firma zur Metallverarbeitung, was am einen oder anderen Detail an Bord deutlich wird. Der Fabrikant aus Wisconsin hat es mit seinem Business unter anderem zu diesem tipptopp gepflegten Vintage-Geschoss gebracht. Der hagere Jere hat die Dollars und Bill, seine Bootsnanny, den schöneren Job. Er schleift, lackiert und behütet das Stilmöbel, und wenn Jere Lust hat, einen Samstagnachmittag wie diesen durch den Lake zu pflügen, takelt er „Bacchant“ auf und bugsiert sie ohne Zwischenfälle aus dem Hafen.

          „Zeit, ein Nickerchen zu machen“

          Abgesehen von der Rasanz der Segelstunden wäre die Begegnung mit diesem Schlitten, mit Bill und Jere - sie liegt ein Jahrzehnt zurück - nicht weiter bemerkenswert. Doch dann rutscht einem der beiden heraus, dass Jere außer „Bacchant“ und einer kleinen Kollektion flacher, lauter und aufmerksamkeitsstark lackierter italienischer Sportwagen vorübergehend mal einen Oceanracer vom Typ Swan 65 in der Karibik bereederte und sich der Abwechslung halber noch mit weiteren Yachten vergnügt. „Mister Sullivan, wie kann man außer ,Bacchant' noch ein anderes Boot haben?“, empört sich der Gast. Welche konsumistisch frevelhafte Maßlosigkeit, denken wir. Bill setzt das Bier ab und runzelt die Stirn.

          „Listen“, entgegnet Jere, „es ist ziemlich Wurst, was für ein Boot oder wie viele du hast. Hauptsache, du hast eins und Zeit, ein Nickerchen zu machen, während dein Kumpel dich spazierensegelt.“ Am schönsten sei es, wenn die beiden bei einer leichten Brise mit Jeres „Alerion“, einem spartanischen Acht-Meter-Kielboot, einen Nachmittag auf dem Wasser verbummelten. „Da haue ich mich irgendwann hin, höre das Wasser die Planken entlanggluckern, herrlich.“ Das sei so eine Art von Glück, „stimmt's Bill?“ „Yeah“, brummt der zufrieden und nimmt noch einen Schluck.

          Erlebt der Segler mit wenig Boot nicht mehr?

          Es braucht vielleicht das Vermögen und die Gelassenheit von Mister Sullivan aus dem Mittleren Westen, um zu solcher Klarsicht zu kommen. Vielleicht ist es auch das fortgeschrittene Alter, in dem man zunehmend begreift, was im Leben zählt. Der Mann hat recht. Haben wir nicht die schönsten, intensiv genossenen Stunden auf der Kante einer Einmannjolle zwischen bewaldeten Ufern verbracht? Erlebt der Segler mit wenig Boot nicht mehr?

          Natürlich erliegen wir dem Spektakel des Grandiosen, dem verblüffend Andersartigen, vermeintlich noch nie Gesehenen, der Novität. Wir mögen die fortgeschrittene Kultivierung, auch Fetischisierung eines gediegenen Klassikers oder die gelegentlich schillernde Warenwelt des modernen Yachtbaus. Doch oft ist das alles ein kostspieliger wie zeitraubender Schritt vom Wasser weg. Wozu diesen Umweg machen, den ganzen Aufwand endloser Stunden Bootspflege, Reparaturen, Umbauten auf sich nehmen, vom Geld gar nicht zu reden?

          Um Segeln zu Leben

          Die meistgesegelten Boote sind Jollen und kleine, offene Kielboote. Weil immer gerade etwas nicht in Ordnung ist, es Mühe macht, die große Yacht aus dem Hafen zu bugsieren und überhaupt, bleiben die meisten Schiffe an ihrem Liegeplatz. An Bord größerer Yachten meint man oft eine beklemmende Miesepetrigkeit zu sprüren. Auffällig häufig begegnen wir den zufriedenen, vergnügt winkenden Seglern auf kleinen Booten. Das nordische Folkeboot etwa, ein Gefährt von siebeneinhalb Meter Länge, scheint Individualisten anzuziehen und Menschen, die im Großen und Ganzen mit der Welt und sich im Einklang sind.

          Mit handlichen Booten wird offenbar das Privileg, abzulegen, die Leinen vom Land- und Arbeitsleben für einige kostbare Stunden zu lösen, anders wahrgenommen. Wozu in die Ferne schweifen, sagt sich der mehrfache Weltumsegler Wilfried Erdmann seit Jahren: „Um Segeln zu leben, braucht der Mensch nicht eine Yacht und den Ozean, es genügen auch eine Jolle und unsere Küsten und Seen.“ Nach vielbeachteten Törns über die sieben Meere legte Erdmann im vergangenen Jahrzehnt mal mit einem sechs Meter langen Zugvogel, später mit einer Hansajolle zur monatelangen Odyssee ab. Nachzulesen ist das in „Mein grenzenloses Seestück“ und in „Ein deutscher Segelsommer“. Während einer Begegnung im Herbst 2003 bei mehr als reichlich Westwind zu viel war zu spüren, wie die elementare Auseinandersetzung mit Wind und Wellen den versierten Segler beschäftigte. Erdmanns „Kathena Gunilla“ war an jenem Sonntag eines der wenigen Boote, die segelten.

          Mit wenig Metern ist der Frühjahrsputz schnell erledigt

          Bleiben die alljährlichen Präliminarien, der Frühjahrsbootsputz, Politur, Anschliff und Lackierung. Das ist bei wenigen Metern Bootslänge flott erledigt. Wenige könnten sich dieser Fron so elegant entledigen wie Mister Sullivan mit seinem tüchtigen Bill. Aber wer hat schon die Million und einen derart kompetenten Bootsmann für das Laufende wie die turnusmäßige Schicht Klarlack auf zwei Mal 19 Metern, die Motorenwartung, Elektrik und Kühlbox.

          Und wer ein kleines Boot hat, kann im Winterlager schon mal probehalber auftakeln und gucken, ob was fehlt und alles passt, während die dicken Schlitten noch in der Halle herumstehen. Und sollte es in Kiel mal wieder so zuverlässig regnen wie in Cowes oder Lüdenscheid, bleibt man bei der ganzen Vorfreude schön trocken und geht danach mit Frau oder Freundin schön Kaffee trinken.

          Kleine Boote: Das Angebot ist groß

          Der „Bootsmarkt 2008“ (12,90 Euro, im Buchhandel oder bei www.delius-klasing.de) bietet einen umfassenden Überblick über die auf dem Markt erhältlichen Boote. Auf den ersten Seiten des Katalogs sind „Klassenboote“ aufgelistet - erschwingliche Wassersportgeräte für Segler mit Regattaambitionen von der 2,3 Meter kurzen Optimistenjolle bis zur zehn Meter langen X-99. Das nächste Kapitel stellt Dutzende offene Segelboote vor, also unproblematische und preiswerte Typen von gut zwei bis neun Meter, etwa die „Flying Sailor“ (4,30 m) von BWC Ilmensee für kleines Geld oder die 4,70 Meter messende „Sprint-Family“ von Gruben. Wer es etwas pfiffiger und kentersicher mag, sollte sich die „Twin“ oder „Unas“ von Stöberl (www.stoeberl-polytechnik.de) ansehen. Das smarte Kimmkielkonzept vereint wenig Tiefgang mit ansprechender Segelleistung und problemloser Bootslagerung auf dem Anhänger und die Woche über an Land. Pflegeleichte Kunststoffboote sind mit einer Politur im Frühjahr segelklar.

          Mit dem schwedischen Kielbootklassiker „Folkeboot“ steuert man mit zwei Tonnen schon die Yachtkategorie an und braucht einen Wasserliegeplatz, was mit Verpflichtungen und Kosten verbunden ist. Allerdings gibt es wenige Rümpfe, an denen das Wasser so schön entlangplätschert wie an den Leisten des geklinkerten Folkeboots.

          Wer nicht gleich den Wert eines gebrauchten Fiesta, neuen Polo oder anständig ausgestatteten Audi A3 Sportback fürs Segeln ausgeben mag, blättert im Gebrauchtbootmarkt der Fachzeitschriften, in der Secondhandpostille „Bootsbörse“, googelt die Jolle seiner Wahl einfach mal oder gibt den Suchbegriff bei Ebay ein. Ausgebuffte Schnäppchenjäger orientieren sich den Sommer über und sehen sich im Herbst in den Segelclubs und Bootswinterlagern um (schwarzes Brett). Der entscheidende Tipp zum Schluss: einen Traum wie „Bacchant“ nicht zu lange angucken. Ihn auf gar keinen Fall segeln! Man ist dann für normale und bezahlbare Boote versaut und wird sein ganzes Seglerleben von Begehrlichkeiten geplagt.

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