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Seekajaks : Eleganz aus dem Eismeer

  • -Aktualisiert am

Mit solch einer Flosse hätte das Paddelboot sicher eine irre Beschleunigung. Bild: mauritius images

Sie sind schnell, sie sind robust, sie sind seegängig. Vor allem aber machen sie jede Menge Spaß: Seekajaks. Die schmalen Boote taugen für nahezu jedes Gewässer.

          6 Min.

          Der erste Eindruck: So ein Seekajak kommt elegant daher. Der Rumpf ist, im Verhältnis zur Bootsbreite, sehr lang, der Decksprung positiv, das Deck also gewölbt. Zwischen Stand-up-Paddlern und Motorbooten bietet ein Seekajak ein Bild überlegener Ruhe auf dem Wasser. Durch die Bootslänge, so eine der ersten Lektionen, wird ein widerstandsarmes Wellenbild erzeugt. Dadurch spart der Paddler Energie, was sich auf langen Strecken auszahlt. Für die sind diese Boote konstruiert. „Länge läuft“ gilt nicht nur auf dem Meer, sondern genauso gut auf einem Stadtsee.

          Ein bisschen gewöhnungsbedürftig ist es schon, wenn sich die Sitzposition im Boot ungefähr eine Handbreit unterhalb der Wasserlinie befindet. Direkter lässt sich die Nähe zum nassen Element wohl nur beim Schwimmen erleben. Der erste Einstieg wird zur Herausforderung. Der schmale, flache Rumpf scheint am Anfang extrem kippelig. Wirklich stabil wird das Boot erst, wenn es Fahrt aufgenommen hat. Dann wiederum wird ein Seekajak plötzlich erstaunlich laufruhig. Die Fachwelt spricht von geringer Anfangs- und hoher Endstabilität. Haben die Konstrukteure dem Boot ausreichend Kielsprung verpasst, läuft der Kajak fast von allein auf der Welle. Bei ruhiger See durchtrennt der Bug das Wasser scheinbar ohne jeden Widerstand. Ist der Einstieg erst einmal geschafft - auf Binnenrevieren zumeist vom Steg aus, am Meer über das Heck oder die Bootsseite in der Brandung - dann erreicht der Seekajak fast spielerisch höhere Geschwindigkeiten und gewinnt mit jedem Knoten mehr Stabilität.

          Mehr Komfort geht nicht. Die Sitzschale soll dem Fahrer möglichst viel Halt bieten. Bilderstrecke

          Seekajaks sind im Vergleich zu anderen Paddelbooten recht teuer. Schon für Einsteigermodelle sind schnell 1500 bis 2000 Euro fällig. Und das, obwohl beim ersten Blick nicht allzu viel dran zu sein scheint. Es herrscht Purismus. Beim Blick in die Hauptluke, vorbei an der Sitzschale, die dem Paddler Halt geben und auf langen Fahrten ein Mindestmaß an Bequemlichkeit bieten soll, liegt im vorderen Rumpfteil der Bereich für die Beine. Beidseitig angebracht befinden sich dort verstellbare Fußstützen. Diese werden an Schienen mit ihrem Abstand zur Sitzschale so positioniert, dass die Beine leicht angewinkelt sind und die Oberschenkel über den Knien sich an zwei Schenkelstützen am Rand der Sitzluke pressen lassen.

          Ungewöhnliche Sitzposition

          Der Grund für die anfangs gewöhnungsbedürftige Sitzposition liegt in der Anatomie des Menschen. Weil sich jede Oberkörperbewegung über die Hüfte bis in die Zehenspitzen überträgt, paddeln die Beine gleichsam mit. Deshalb wird unter den Füßen ein Widerstand benötigt. Und mit den Schenkeln verkantet der Paddler seinen Unterkörper so im Boot, dass er es aus der Hüfte heraus seitlich stabilisieren kann.

          Seekajaks haben gewöhnlich zwei oder mehr Schottwände. Eine begrenzt den Fußraum, eine zweite Schottwand ist im hinteren Rumpfbereich, direkt hinter der Sitzschale eingebaut. Wieviel Prozent des gesamten Bootsvolumens jeweils das Cockpit und die beiden abgeschotteten Sektionen haben sollten, darüber können die Spezialisten trefflich streiten. Wenn ein Seekajak keine Abschottungen besitzt, wie es beispielsweise bei einem Faltboot der Fall ist, kommt meist eine sogenannte Seesocke zum Einsatz: Das ist ein wasserdichter Sack, der über den Süllrand gezogen wird und in dem der Paddler sitzt. Die Seesocke hat genauso wie die Abschottungen die Funktion, die Menge des Wassers zu begrenzen, die etwa im Falle einer Kenterung ins Cockpit eindringen könnte. Zu einem richtigen Seekajak gehört aber auch eine Lenzpumpe, die es mit Hand- oder Fußbetrieb und auch elektrisch gibt.

          Keine Sorge vor dem Untergang

          Sorgen machen, dass ein Seekajak untergehen könnte, muss man sich nicht. Moderne Boote sind unsinkbar. Das ist gut zu wissen, weil sich durch die Flachheit des Bootes schon kleinere Wellen über Deck brechen. Durch die zwei Schotts, die das Cockpit begrenzen, entstehen im Bug und im Heck Auftriebskörper, die für ausreichend Schwimmfähigkeit sorgen, auch wenn das Cockpit voll Wasser läuft. Eine Spritzdecke, die direkt um die Hüfte des Kajakfahrers abschließt und rundherum über den Süllrand der Einstiegsluke gespannt wird, soll dies eigentlich verhindern. Und dies sogar dann, wenn ein Könner das umgeschlagene Boot mit der berühmten Eskimorolle wiederaufrichtet. Gerade von Anfängern aber wird die Spritzdecke häufig offen gelassen. Sie fürchten, bei einer Kenterung Panik zu bekommen und die Decke nicht vom Boot lösen zu können, um anschließend auszusteigen. Wie man das macht, wenn man mit dem Kopf nach unten unter dem kieloben treibenden Boot im Wasser hängt, das bringen einem die Kanuklubs im Winter im Schwimmbad als Erstes bei. Erst wenn das Aussteigen ruhig und sicher beherrscht wird, kann man darangehen, die Eskimorolle zu lernen.

          Für den Notfall sind über die gesamte Länge des Decks am Bootsrand Halte- und Sicherheitsleinen gespannt. An Bug und Heck befinden sich sogenannte Toggles, Plastikgriffe, die über ein kurzes Tau mit dem Bootskörper verbunden sind. Sie dienen an Land zum Tragen oder Ziehen des Bootes. Steigt der Fahrer im Wasser aus dem Kajak aus, kann er sich an einer dieser Möglichkeiten festhalten, ohne sich zu verletzen oder die Verbindung mit dem Boot zu verlieren.

          Gute Erreichbarkeit

          An das hintere Schott schließt, leicht seitlich versetzt zur besseren Erreichbarkeit, eine Tagesluke an. Darin werden Gegenstände verstaut, die schnell greifbar sein müssen: ein Snack für zwischendurch, eine Flasche Wasser, vielleicht ein mobiles GPS-Gerät. Aber während der ersten Paddelversuche bleibt der Griff hinter sich eher die Ausnahme. Wasserdichte Luken vorn und hinten auf dem Deck erlauben das Beladen der abgeschotteten Sektionen mit dem Bedarf für längere Touren. Je nach Volumen des Rumpfes lassen sich so - klug verteilt - ein Zelt, ein Schlafsack, einige Lebensmittel und Wechselbekleidung unterbringen.

          Bei Booten mit Steueranlage befinden sich im Fußraum zusätzlich zwei Pedale. Mittels Seilzügen wird ein Ruderblatt, das am Heck angebracht ist, bedient. Für viele überzeugte Seekajakfahrer haben richtige Seekajaks aber keine Steueranlage. Ein Grund ist die Sicherheit: Was nicht dran ist, kann auch nicht kaputtgehen. Auch beim Wiedereinstieg nach einer Kenterung, der oft über das Heck vorgenommen wird, stellt eine Steueranlage eine Verletzungsgefahr dar. An Booten ohne Steueranlage befindet sich im hinteren Unterwasserschiff ein Skeg. Wie eine Finne am Surfbrett sorgt es für Kursstabilität. Eine Hilfe, die besonders der ungeübte Fahrer gern nutzt. Mittig unterm Achterschiff angebracht, lässt sich mit etwas mehr Erfahrung sogar das gesamte Boot mit dem Skeg trimmen. Je nachdem, ob die Anlage ausgefahren oder versenkt wird, verändert sich der Lateralplan des Rumpfes, und der Kajak verändert seine Fahrtrichtung.

          Außen klassisch – innen Hightech

          Derartige Feinheiten der Bootsbeherrschung sind für Anfänger aber noch wenig interessant. Die volle Konzentration liegt, besonders bei den ersten Fahrversuchen mit dem Doppelpaddel, darauf, den Kurs zu halten. Denn es ist nicht einfach, die Kraft gleichmäßig in Vortrieb umzusetzen. Dabei helfen kann ein Kompass, der im vorderen Decksbereich angebracht ist. Dem Anfänger dient er als Hilfe beim Kurshalten; der geübte Fahrer braucht ihn auf langen Strecken zur Orientierung auf dem Meer.

          Auch Seekajaks, die klassisch und elegant aussehen, sind meistens Hightech, vor allem aus fertigungstechnischer Sicht. Eine kleine Schar von Enthusiasten baut sich traditionell aus Holz und gefirnistem Stoff nach Art der Inuit ihre Seekajaks selbst. Früher wurden die Boote in den Vereinigten Staaten und Großbritannien, wo der moderne Seekajak herstammt, noch aus Holz gefertigt. In einer Stitch and Glue genannten Bauweise wurden Hölzer durch Drähte fixiert und anschließend mit Harz dauerhaft miteinander verbunden. Doch diese Zeiten sind vorbei. Das Oberdeck moderner Boote besteht zumeist aus glasfaserverstärktem Kunststoff, Matten, die in mehreren Schichten in Form gebracht und dann mit Polyesterharz getränkt werden, bevor sie aushärten.

          So lassen sich die zahlreichen Formteile wie Luken und Vertiefungen für Beschläge besser modellieren. Das Unterschiff besteht häufig aus Diolen, der hohe Bruchfestigkeit und Robustheit wegen. Wird der Seekajak zum Beispiel beim Anlanden auf dem Strand über einen Stein gefahren, kann ein weicher Diolenrumpf die Belastung besser vertragen als Glasfaserkunststoff, der brechen kann. Aber auch Kevlar, Aramidfaser und Karbon werden häufiger als Bootsmaterial verarbeitet: Die Kajaks können dadurch leichter werden, jedoch steigt dann auch der Preis des Bootes.

          Beim Kauf auf Körpergröße achten

          Ein Spantengerüst im Bootskörper, wie es etwa ein Faltboot hat, sucht man vergebens. Seekajaks werden in einer Form gebaut. Einzig die einlaminierten Schottwände dienen als zusätzliche Versteifungen. Die traditionelle Form ist ein U-Spant oder ein abgeflachter Rundspant, der im Bereich des Vorschiffs und des Achterschiffs in einen V-Spant übergeht, der mit einem Kielsprung versehen ist. Diese Bootsform bietet beim Einsatz in der Welle die größtmögliche Stabilität und das beste Verhältnis zwischen eingesetzter Energie und erzieltem Vortrieb. Jedoch gibt es von verschiedenen Herstellern unterschiedliche Rumpfformen. Das gilt auch für die Bootsbreite, die Länge, das Volumen und den dadurch entstehenden Auftrieb. Bei einem bevorstehenden Kauf sollten diese Faktoren berücksichtigt werden, ausgehend von der Körpergröße des Fahrers und seinem Gewicht.

          Anfängern, die sich auf eine Großgewässer- oder gar Küstenfahrt wagen wollen, ist der Gang zu einer Seekajakschule oder zur 1985 entstandenen Salzwasserunion strikt zu empfehlen. Diese größte deutsche Vereinigung zur Förderung des Seekajakfahrens hat ein ganzes System von Ausbildungskursen entwickelt, bei denen naturgemäß Sicherheit und Rettungstechniken im Vordergrund stehen. Zwar gibt es, anders als in vielen Sportbootbereichen, in Deutschland keine Scheinpflicht für Seekajaks, aber der richtige Umgang mit Boot und Meer erlernt sich besser unter professioneller Aufsicht. Auch gibt es dabei die Möglichkeit, ein Boot zu leihen und auszuprobieren, bevor übereilte Kaufentscheidungen getroffen werden.

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