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Schnellwege fürs Fahrrad : Das blaue Band der E-Mobilität

Stark beansprucht: Ein Abschnitt des Radschnellwegs verläuft als Fahrradstraße, die so stark befahren ist, dass der Verkehr das erste Piktogramm des schnellen Radlers zerbröselte - letzte Spuren unterm Vorderrad. Bild: Pardey

Brauchen wir Schnellwege fürs Fahrrad? Verkehrsplaner sind sich ziemlich einig: Ja. Aber wie könnten die aussehen? Das kann man in Göttingen praktisch erfahren.

          Wo immer die Förderung des Fahrradverkehrs Thema ist, da wird die Forderung nach Fahrrad-Schnellwegen erhoben: „Autobahnen fürs Fahrrad“, so eine bildhaft-griffige Formulierung für Vorrang, kreuzungsfreie Trassen und eine der Automobilwelt anverwandelte Service-Park-und-Rast-Infrastruktur, sind der Schlager der Saison. Das war im Februar beim Kongress der - auf diesem Feld absolut tonangebenden - Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Kreise und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen (AGFS) so. Und es war nicht anders, als in Berlin im April der Kongress Vivavelo wieder einmal die Politik in die Pflicht zu nehmen versuchte. Schnellwege fürs Fahrrad werden bereits in Berlin genauso wie im Ruhrgebiet oder im Ballungsraum Rhein-Main geplant. Im wunderschön - natürlich auf Französisch - besungenen Göttingen, wo frischgebackene Doktoren eine Gänseliesel küssen und ihr Blumen bringen, lassen sich Nutzen und Grenzen eines Radschnellwegs im städtischen Raum praktisch erproben, soll heißen: erradeln.

          Automatische Verkehrszählung
          Hans-Heinrich Pardey

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Dichte, Tempo und Dominanz des Fahrradverkehrs haben in der niedersächsischen Universitätsstadt Ausmaße, die für den Fremden, egal, ob er nun zu Fuß, mit dem Auto oder mit dem Fahrrad in ihr unterwegs ist, beinahe beängstigend sind. Göttinger radeln nicht nur auf Fahrradstraßen - wo dies erlaubt ist - gern zu dritt bei knapp 20 km/h entspannt klönend nebeneinander her. Sogar eine Mehrheit der Taxifahrer kreuzt beim Abbiegen begleitende Radwege höchst achtsam und in defensiver Manier. Auf größeren Kreuzungen machen Pulks von im Ampeltakt heran schießenden Radfahrern überraschende 90-Grad-Wendungen, wie man sie sonst nur von Sardinenschwärmen oder Zugvögeln kennt. Göttinger Radler halten allerdings, ganz anders als etwa die in Frankfurt, auch vor der roten Ampel: Die Gefahr, vom pedalbetriebenen Querverkehr niedergemäht zu werden, erscheint einfach zu groß. Göttingen ist, mindestens so sehr wie das immer wieder angeführte Münster, eine Fahrradstadt - und dies, obwohl die Topographie der Stadt keineswegs topfeben ist, sondern nennenswerte Steigungen aufweist.

          Mit Bundesmitteln gefördert

          So geht es auch vom Hauptbahnhof zum Nordcampus der Universität mäßig, doch stetig bergan. Das ist die summa summarum bescheidene vier Kilometer kurze Route des Radschnellwegs in Göttingen - zugleich ein vier Kilometer langes Lehrstück darüber, was als Radschnellweg im städtischen Raum geht und was nicht geht. Denn es gibt einiges, was man ganz anders machen müsste, um den hohen Anspruch einer „Autobahn“ fürs Fahrrad zu erfüllen. Aber wenn sich dieses Ideal überhaupt in einer Kernstadt verwirklichen lässt, dann würde es unverhältnismäßig mehr baulichen Aufwand, also wesentlich mehr finanzielle Mittel erfordern, als sie in Göttingen mit rund 1,8 Millionen Euro zur Verfügung standen.

          In der Praxis sind Geisterradler unterwegs, und die Lage ist manchmal unübersichtlich.

          Anfang und Ende dieses Schnellwegs, der sich als erster ausdrücklich dem Elektroradler andient und als solcher mit Bundesmitteln gefördert zum Vorzeigestück ausgebaut wurde, sind prosaisch. Oben an der Otto-Hahn-Straße, hinter dem Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, versickert das blaue Band des Radschnellwegs etwa so unauffällig wie die Donau zwischen Immendingen und Möhringen - auf einmal ist die blaue Markierung einfach weg. Gewöhnliche, überdurchschnittlich gut ausgebaute Radwege, wie man sie am Rande Göttingens allenthalben antrifft, führen jedoch weiter. Unten am Hauptbahnhof, unweit des Fahrradparkhauses und eines der gigantischsten und chaotischsten Fahrradparkplätze der Republik, beginnt der Radschnellweg ähnlich unspektakulär in Fortsetzung eines vorhandenen Fahrradwegs - auf einmal sind die blauen Randmarkierung, die riesigen Piktogramme und Richtungspfeile einfach da.

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