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Royal Enfield und Ducati : Pötpötpöt gegen den Aberwitz

Inder, wie die Zeit vergeht: In Chennai baut Royal Enfield die Bullet seit 65 Jahren ohne große Veränderungen. Die Ducati Streetfighter V4 S repräsentiert den letzten Schrei. Bild: Helmut Fricke

Was ist besser: 27 PS oder 208? Royal Enfield Bullet und Ducati Streetfighter bilden die Gegenpole der Motorradwelt. Ein Erfahrungsbericht zwischen totaler Entschleunigung und irrer Beschleunigung.

          6 Min.

          Im Duell geht es meistens um Ehre und Eitelkeit, um Rache und Vergeltung. Hier geht es um nichts. Unser Duell ist ein vollkommen sinnloses und besonders ungleiches obendrein. Sein Ausgang ist so vorhersehbar wie der des Showdowns auf der Sweetwater-Farm, als der Namenlose den skrupellosen Verbrecher niederstreckte und dem Sterbenden seine Mundharmonika zwischen die Zähne steckte.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Erfreulich, wenn das Gute über das Böse siegt. Aber wir unterscheiden hier nicht zwischen Gut und Böse. Wir beschäftigen uns ganz neutral mit dem Unterschied zwischen Royal Enfield Bullet und Ducati Streetfighter V4 S. Wobei: Ein Sympathievorschuss ist der Enfield sicher. Der Inderin fliegen Herzen zu. Wegen des nostalgischen Anblicks und der niedlichen Geräusche aus dem Auspuff.

          Pötpötpöt macht die altmodische Enfield. Am anderen Ende des weiten Spektrums verfügbarer Technik röhrt die Ducati. Kein anderes Motorrad demonstriert auf so drastische Weise, welchen Weg der Fortschritt genommen hat. Generationen der Entwicklung liegen zwischen Bullet und Streetfighter, der Unterschied entspricht ungefähr dem zwischen Trabi und Porsche 911 GT3, zwischen Ente und Ferrari oder Heißluftballon und SpaceX. Die Ducati ist nur noch einen Schritt entfernt von der Rakete. Dass sie nicht abhebt, verhindern ihre allumfassenden elektronischen Systeme und die wie Tragflächen geformten „Winglets“ beidseits des Kühlers. Wie so vieles an dieser Maschine stammen sie aus dem Rennsport. Die Doppelflügel unterbinden bei hohen Geschwindigkeiten, dass die Ducati-Front sich Richtung Orbit orientiert.

          Das Cockpit der Ducati ist technisch auf dem neuesten Stand. Bilderstrecke

          Bei Tempo 270 – hier wird abgeregelt – ist man sehr dankbar für die Anwesenheit der Winglets. Sie erzeugen Zutrauen und Abtrieb, drücken laut Ducati mit bis zu 28 Kilo nach unten. Zudem erzeugen sie einen Anblick, der ins futuristische Gesamtbild passt. Im scharfen Kontrast zur Bullet: Das am längsten in Produktion befindliche Serienmotorrad der Welt sieht nicht nur alt aus, es repräsentiert tatsächlich weitgehend den Stand der Technik des Jahres 1955. Seitdem wurden nur Kleinigkeiten verändert. Noch immer gibt es den Oldtimer aus Indien fabrikneu zu kaufen, für 6000 Euro. Die Ducati kostet vier Bullets.

          Durchquert man mit der Royal Enfield ein Dorf, sollte man bereit sein, Huldigungen entgegenzunehmen. Bleiben Huldigungen aus, gibt es zumindest anerkennende Blicke ob des guten Erhaltungszustands dieses vermeintlichen Scheunenfunds. Wie nett! Die Ausstrahlung besagt: Hier stecken viele Stunden des Restaurierens und des Putzens drin.

          Über den Besuch einer Streetfighter freut sich eine friedliebende Ortschaft wie über das Auftauchen einer mit Patronengurten behängten Bande Pistoleros, hastig werden kleine Kinder ins Haus gezerrt. Der Pilot kann machen, was er will, er kann im Vorbeifahren Kusshändchen verteilen, Blumensträuße in die Vorgärten werfen oder auch einen Handstand auf dem Lenker machen, man wird ihn nicht mögen. Das Einzige, was er machen kann: schnell wieder verschwinden, bevor er das gleiche Schicksal erleidet wie Jim „Killer“ Miller anno 1909 in Ada, Oklahoma. Der wurde gelyncht.

          Gefräßige Laute aus dem Ansaugtrakt der Ducati wecken Befürchtungen, zierliche Jungfrauen könnten darin verschwinden. Fordert man mit dem Gasgriff Gemisch für die Verbrennung an, dann klingt das, als öffneten sich nicht nur vier ovale Drosselklappen, sondern die Pforten zur Hölle. Wer einmal Zeuge des automatischen Zwischengases beim kupplungslosen Herunterschalten mittels Schaltassistent wird, der weiß, wie sich ein Überfall der Dalton-Gang auf einen Zug der Southern Pacific angehört hat.

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