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Tourist Trophy auf Isle of Man : Das älteste, schnellste, gefährlichste, umstrittenste aller Straßenrennen

Schön links bleiben und dann rechtsrum: Die berühmte Kurve von Creg-ny-Baa zwischen den Meilensteinen 34 und 35 in den Bergen der Isle of Man, im Hintergrund Kate’s Cottage. Bild: James Wright/ Suzuki

Eine Runde über die Rennpiste der Isle of Man ist ein Erlebnis. Besonders wenn man einen trifft, der seine Frau um ein Haar als Witwe zurückgelassen hätte.

          Als Milky in der Mauer einschlug, war er ungefähr 250 Sachen schnell. Man kann sich den Crash noch heute auf Youtube ansehen. Der Anblick ist schwer auszuhalten. Die Tourist Trophy (TT) von 2003 war Milkys letzte. Jeder Meilenstein, jede markante Stelle des 60-Kilometer-Kurses hat einen Namen, TT-Fans kennen sie alle. An der Unfallstelle bei Ballacraine sind wir gerade eben vorbeigekommen, da setzt sich ein BMW mit der Aufschrift POLICE vor unsere Motorradfahrer-Gruppe. Die Botschaft ist klar: Wir haben euch im Auge, übertreibt es nicht. Am Ortsende beschleunigen die Polizisten stramm und jagen mit Tempo 130 auf die zweispurige Landstraße hinaus.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Wir spielen kurz mit dem Gedanken, zum Überholen anzusetzen. Mit unseren 150-PS-Suzukis wäre das kein Problem. Aber es kommt Gegenverkehr. In Cronk-y-Voddy biegt der Streifenwagen nach links vom Hauptweg ab, und so werden wir nie erfahren, wie die Polizei der Isle of Man reagiert, wenn sie auf der Landstraße mit 160 überholt wird. Oder mit 200, was ebenso legal wäre.

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          Radarfallen gibt es nicht auf dieser Insel hoch droben in der Irischen See. Wozu auch, es gibt kein Tempolimit außerhalb der Ortschaften. Während der Tourist Trophy gibt es auch innerhalb keins. Wenn das älteste, schnellste, gefährlichste, umstrittenste aller Straßenrennen stattfindet, donnern sie durch die Dörfer, dass die Wände wackeln. Gerade Abschnitte wie Sulby Straight werden mit 320 km/h absolviert. So gehen alljährlich Ende Mai, Anfang Juni Bilder um die Welt, die Betrachtern den Atem rauben.

          Die wahren Helden, heißt es dann, oder: alles Verrückte, das müsste verboten werden. Aber mit dem Verbieten haben sie es nicht so auf der Isle of Man. 40 000 Gäste reisen zur Tourist Trophy an und geben 20 Millionen Pfund aus. Die Mehrheit der Bevölkerung steht fest hinter ihrer TT, die ein ganz erheblicher Wirtschaftsfaktor ist. Als einmal über die Einführung eines Tempolimits abgestimmt wurde, gab es ebenfalls ein eindeutiges Ergebnis: abgelehnt.

          Seit 1907 kommen bei der TT Menschen ums Leben, Fahrer (bisher mehr als 240) wie Zuschauer. Der berühmt-berüchtigte Mountain Course über 37,733 Meilen (60,725 Kilometer) führt über gewöhnliche Straßen. Laternen- und Ampelmasten, Verkehrsschilder, Häuserecken und Telefonzellen werden abgepolstert, was lächerlich wirkt angesichts des Zustands der Straßen, der Enge der Ortsdurchfahrten, der Abwesenheit von Sturzzonen, wie sie jeder echte Rennkurs aufweist. Als Start-Zielgerade dient die Glencrutchery Road im Hauptort Douglas, eine Wohngegend.

          Die Schnellsten legen die Runde in 17 Minuten zurück und erreichen Durchschnittsgeschwindigkeiten von 213 km/h, weit mehr als in der Moto GP. Fährt man die Strecke ab, ist es einem unbegreiflich, wie das möglich ist.

          300 Kurven, Bögen, Einlenkpunkte hat sich ein Fahrer einzuprägen, dazu Kuppen, an denen die Maschinen abheben, Senken, in denen sie zusammengestaucht werden, Brücken, Buckel, Kanaldeckel. Baumbestand am Straßenrand erzeugt bei Sonnenschein ein Lichtgewitter wie in der Disko, Fliegen und Mücken prasseln aufs Visier, Bordsteine, Böschungen, Abhänge, Zäune, Mauern lauern am Rand. Massive Mauern von der Art, wie Milky eine erwischte. Für einen Moment war er nicht zu 100 Prozent konzentriert gewesen, schimpfte wegen einer kleinen Ungenauigkeit bei der Linienwahl mit sich selbst. Weniger als 100 Prozent verzeiht die TT nicht.

          Seine Frau war damals schwanger. Als sie zur Ultraschalluntersuchung beim Frauenarzt lag, schoben sie Milky im Rollstuhl an die Pritsche, damit er das Ungeborene im Bauch betrachten konnte. Das Baby, das in jenem Jahr zur Welt kam, Milkys einziger Sohn, war der Grund, weshalb er seiner Frau versprach, mit dem Rennsport aufzuhören, wieder einmal, und sich diesmal tatsächlich daran hielt. Milky hatte einen Wimpernschlag zu früh eingelenkt, war mit der rechten Schulter gegen das Mauerwerk gekracht, wurde von der Maschine gerissen. Die Ärzte schnitten ihn der Länge nach auf. Seiner Frau rieten sie, sich aufs Abschiednehmen vorzubereiten. Schulter, Brustkorb, Lunge, Niere und so weiter. Er war am Verbluten.

          Im linken Bein steckt ein langer Nagel

          Das war nicht Milkys schlimmster Unfall. Die vielen Brüche an Fingern, Knöcheln, Armen, allein fünfmal die Schulter, verbucht er unter gewöhnlichen Begleiterscheinungen des Rennfahrerdaseins. Im linken Bein steckt zwischen Knie und Hüfte ein langer Nagel. Sein schlimmster Unfall, meint er heute, war jener in Pembrey, Wales, bei dem er derart mit dem Kopf aufschlug, dass er für sechs Monate sein Erinnerungsvermögen verlor und ihm während all der Zeit schwindelig war wie einem Volltrunkenen. Selten trifft man einen fremden Menschen, der auf Anhieb so sympathisch ist wie Richard „Milky“ Quayle von der Isle of Man. Er ist auf entwaffnende Weise freundlich und erscheint so zufrieden wie einer, der im Leben immer nur Glück hatte.

          Hatte er nicht. Aber nichts scheint ihn umzuwerfen und seine Begeisterung für die Tourist Trophy erschüttern zu können. Nur drei gebürtigen Manxmen, erzählt Milky, gelang es seit 1907, die TT zu gewinnen: Tom Sherad 1922/23, Neil Kelly 1967 - und ihm selbst 2002. Das macht ihn stolz. Erzählt er von seiner Heimat, dieser eigenwilligen Insel, deren Staatsoberhaupt zwar die Queen ist, die aber weder zum Vereinigten Königreich gehört noch zur EU, die ihr eigenes Geld, ihre eigenen Gesetze, ihre eigene Regierung hat, das älteste Parlament sowie die älteste Pferdestraßenbahn der Welt sowie eine eigene Katzenrasse ohne Schwanz, die im Verlauf der Jahrhunderte von allen möglichen Eroberern heimgesucht wurde, sich von niemandem ein Tempolimit vorschreiben lässt, die eine Steueroase ist und in den 14 Tagen der TT das Fest des Jahres feiert, dann fällt oft das Wort Stolz. Dann haut er sich mit der Faust gegen die flache Hand und sagt: „Wir haben immer überlebt.“

          Mit 16 fing es an

          Selbst Milky überlebte. Heute, im Alter von 42, verdient er sein Geld mit einer Autovermietung und liefert in der Flaute des Winters Pizza aus. Zudem sichtet er im Auftrag der TT-Organisation Bewerbungen von Fahrern, die erstmals teilnehmen wollen, bewertet ihr Können, sortiert die aus, die überfordert scheinen, schult die anderen, zeigt ihnen vom Auto aus den Kurs, wieder und wieder. „Man muss sich unendlich viel einprägen. Man muss sich extrem konzentrieren können. Und man darf nie nachlassen.“

          Mindestens 10 000 Mal ist Milky den Mountain Course in seinem Leben schon gefahren. Mit 16 fing es an. „Wann immer ich Geld in die Finger bekam, gab ich es für Benzin aus.“ Es gäbe also keinen besseren Tourguide als ihn für unsere Gruppe Motorjournalisten, denen Suzuki hier ein neues Motorrad vorstellt. Milky lobt sie höflich, die GSX-S 1000 F. Er muss nicht heucheln, denn es ist eine vorzügliche Maschine.

          Durchschnittsgeschwindigkeit von 213 km/h

          Die ersten 24 Meilen sind flach, Dörfer, Weiden, Bäume, Bäche, unübersichtliche Ecken, schnelle Passagen. Braddan Bridge, Greeba, Glen Helen, McGuinness’s - wer stürzt, purzelt nicht über ein Kiesbett, sondern steht womöglich nie wieder auf. Je weiter die Gruppe vorankommt, desto rätselhafter wird es für jeden Einzelnen, wie man auf dieser Strecke eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 213 km/h erreichen kann. In Ramsey geht es rechts ab und hinauf in die kahlen, unbewohnten Berge bis Brandywell auf 422 Meter, von dort über den markanten 90-Grad-Rechtsknick von Creg-ny-Baa wieder hinunter bis zum Hauptstädtchen Douglas.

          Zwei- oder dreimal auf freier Strecke kommen wir mit unseren Höchstgeschwindigkeiten in die Nähe des Durchschnittstempos der TT-Fahrer. Schon das kostet Überwindung, fühlt sich geradezu surreal an und wirft die Frage auf: Sind die alle irre? Wie kann man ein so hohes Risiko gehen?

          Freizügigkeit in Sachen Tempolimit

          Milky, der als Junge an ein Bubengesicht aus der Milchschokoriegel-Reklame erinnerte, sieht es so: „Wenn man etwas Gefährliches tut, lernt man sein Leben zu schätzen. Man fühlt sich lebendig und nicht bloß existent.“ Die Zahl von ein paar hundert Toten, meint er, sei gar nicht mal so hoch, wenn man den langen Zeitraum seit 1907 bedenke sowie die Tatsache, dass in den 14 Tagen einer TT rund eine halbe Million Trainings- und Rennkilometer zusammenkämen.

          Das ganze Jahr über ziehen die herb-schöne Insel und ihr Mountain Course Touristen an. Der Fahrstil im Alltagsverkehr kommt einem ziemlich normal vor. Die Freizügigkeit in Sachen Tempolimit begleitet die POLICE mit „fein abgestimmter und angemessener“ Überwachung, wie sie auf Anfrage mitteilt. Das führe zu einem „vernünftigen Umgang“ mit den Regelungen. Die beruhten auf Erfahrungen und statistischen Auswertungen über einen langen Zeitraum hinweg sowie auf einer sorgfältigen Risikobewertung. „Die Polizeibehörde der Isle of Man heißt Motor-Enthusiasten auf der Insel willkommen. Wir möchten, dass sich die Leute hier erfreuen und ihren Freunden mitteilen, welche phantastische Insel das ist, wobei unser Fokus immer auf der Sicherheit liegt.“

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