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Tourist Trophy auf Isle of Man : Das älteste, schnellste, gefährlichste, umstrittenste aller Straßenrennen

Im linken Bein steckt ein langer Nagel

Das war nicht Milkys schlimmster Unfall. Die vielen Brüche an Fingern, Knöcheln, Armen, allein fünfmal die Schulter, verbucht er unter gewöhnlichen Begleiterscheinungen des Rennfahrerdaseins. Im linken Bein steckt zwischen Knie und Hüfte ein langer Nagel. Sein schlimmster Unfall, meint er heute, war jener in Pembrey, Wales, bei dem er derart mit dem Kopf aufschlug, dass er für sechs Monate sein Erinnerungsvermögen verlor und ihm während all der Zeit schwindelig war wie einem Volltrunkenen. Selten trifft man einen fremden Menschen, der auf Anhieb so sympathisch ist wie Richard „Milky“ Quayle von der Isle of Man. Er ist auf entwaffnende Weise freundlich und erscheint so zufrieden wie einer, der im Leben immer nur Glück hatte.

Hatte er nicht. Aber nichts scheint ihn umzuwerfen und seine Begeisterung für die Tourist Trophy erschüttern zu können. Nur drei gebürtigen Manxmen, erzählt Milky, gelang es seit 1907, die TT zu gewinnen: Tom Sherad 1922/23, Neil Kelly 1967 - und ihm selbst 2002. Das macht ihn stolz. Erzählt er von seiner Heimat, dieser eigenwilligen Insel, deren Staatsoberhaupt zwar die Queen ist, die aber weder zum Vereinigten Königreich gehört noch zur EU, die ihr eigenes Geld, ihre eigenen Gesetze, ihre eigene Regierung hat, das älteste Parlament sowie die älteste Pferdestraßenbahn der Welt sowie eine eigene Katzenrasse ohne Schwanz, die im Verlauf der Jahrhunderte von allen möglichen Eroberern heimgesucht wurde, sich von niemandem ein Tempolimit vorschreiben lässt, die eine Steueroase ist und in den 14 Tagen der TT das Fest des Jahres feiert, dann fällt oft das Wort Stolz. Dann haut er sich mit der Faust gegen die flache Hand und sagt: „Wir haben immer überlebt.“

Mit 16 fing es an

Selbst Milky überlebte. Heute, im Alter von 42, verdient er sein Geld mit einer Autovermietung und liefert in der Flaute des Winters Pizza aus. Zudem sichtet er im Auftrag der TT-Organisation Bewerbungen von Fahrern, die erstmals teilnehmen wollen, bewertet ihr Können, sortiert die aus, die überfordert scheinen, schult die anderen, zeigt ihnen vom Auto aus den Kurs, wieder und wieder. „Man muss sich unendlich viel einprägen. Man muss sich extrem konzentrieren können. Und man darf nie nachlassen.“

Mindestens 10 000 Mal ist Milky den Mountain Course in seinem Leben schon gefahren. Mit 16 fing es an. „Wann immer ich Geld in die Finger bekam, gab ich es für Benzin aus.“ Es gäbe also keinen besseren Tourguide als ihn für unsere Gruppe Motorjournalisten, denen Suzuki hier ein neues Motorrad vorstellt. Milky lobt sie höflich, die GSX-S 1000 F. Er muss nicht heucheln, denn es ist eine vorzügliche Maschine.

Durchschnittsgeschwindigkeit von 213 km/h

Die ersten 24 Meilen sind flach, Dörfer, Weiden, Bäume, Bäche, unübersichtliche Ecken, schnelle Passagen. Braddan Bridge, Greeba, Glen Helen, McGuinness’s - wer stürzt, purzelt nicht über ein Kiesbett, sondern steht womöglich nie wieder auf. Je weiter die Gruppe vorankommt, desto rätselhafter wird es für jeden Einzelnen, wie man auf dieser Strecke eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 213 km/h erreichen kann. In Ramsey geht es rechts ab und hinauf in die kahlen, unbewohnten Berge bis Brandywell auf 422 Meter, von dort über den markanten 90-Grad-Rechtsknick von Creg-ny-Baa wieder hinunter bis zum Hauptstädtchen Douglas.

Zwei- oder dreimal auf freier Strecke kommen wir mit unseren Höchstgeschwindigkeiten in die Nähe des Durchschnittstempos der TT-Fahrer. Schon das kostet Überwindung, fühlt sich geradezu surreal an und wirft die Frage auf: Sind die alle irre? Wie kann man ein so hohes Risiko gehen?

Freizügigkeit in Sachen Tempolimit

Milky, der als Junge an ein Bubengesicht aus der Milchschokoriegel-Reklame erinnerte, sieht es so: „Wenn man etwas Gefährliches tut, lernt man sein Leben zu schätzen. Man fühlt sich lebendig und nicht bloß existent.“ Die Zahl von ein paar hundert Toten, meint er, sei gar nicht mal so hoch, wenn man den langen Zeitraum seit 1907 bedenke sowie die Tatsache, dass in den 14 Tagen einer TT rund eine halbe Million Trainings- und Rennkilometer zusammenkämen.

Das ganze Jahr über ziehen die herb-schöne Insel und ihr Mountain Course Touristen an. Der Fahrstil im Alltagsverkehr kommt einem ziemlich normal vor. Die Freizügigkeit in Sachen Tempolimit begleitet die POLICE mit „fein abgestimmter und angemessener“ Überwachung, wie sie auf Anfrage mitteilt. Das führe zu einem „vernünftigen Umgang“ mit den Regelungen. Die beruhten auf Erfahrungen und statistischen Auswertungen über einen langen Zeitraum hinweg sowie auf einer sorgfältigen Risikobewertung. „Die Polizeibehörde der Isle of Man heißt Motor-Enthusiasten auf der Insel willkommen. Wir möchten, dass sich die Leute hier erfreuen und ihren Freunden mitteilen, welche phantastische Insel das ist, wobei unser Fokus immer auf der Sicherheit liegt.“

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