https://www.faz.net/-gy9-oxu8

Reparaturklausel : GVA befürchtet teure Ersatzteile infolge eines neuen Herstellermonopols

  • -Aktualisiert am

Bis vor wenigen Jahren legten zumindest die Premiummarken der Automobilwelt noch Wert darauf, das Herzstück ihrer Produkte, den Motor, selbst zu fertigen. Heute gilt es keineswegs mehr als Sakrileg, wenn im Rolls-Royce ein BMW-Herz schlägt.

          2 Min.

          Bis vor wenigen Jahren legten zumindest die Premiummarken der Automobilwelt noch Wert darauf, das Herzstück ihrer Produkte, den Motor, selbst zu fertigen. Heute gilt es keineswegs mehr als Sakrileg, wenn im Rolls-Royce ein BMW-Herz schlägt oder ein von Peugeot/Citroën und Ford gemeinsam entwickelter Sechszylinderdiesel den Jaguar S-Type antreibt. Eingefleischte Markenliebhaber mögen den durch derlei Transplantationen verursachten Identitätsverlust betrauern. Sie seien jedoch daran erinnert, daß inzwischen rund 80 Prozent aller Bauteile eines Automobils nicht mehr originär sind, sondern von Zulieferern bezogen und nur noch mit dem Logo des jeweiligen Autobauers gekennzeichnet werden.

          Dieses Logo ist bares Geld wert: Eine Frontleuchteneinheit für einen 5er-BMW beispielsweise kostet beim Vertragshändler 275 Euro, beim freien Teilehändler dagegen nur 180 Euro. Beide Teile stammen vom selben Zulieferer - in diesem Fall Hella - und unterscheiden sich lediglich durch das BMW-Signet. Ein Golf-Vorderkotflügel schlägt als "Volkswagen-Originalteil" mit 91 Euro zu Buche, fürs gleiche Geld gibt es im Teilehandel fast drei Exemplare ohne VW-Logo. Was den kostenbewußten Autobesitzer im Reparaturfall freut, mißfällt aus naheliegenden Gründen den Automobilherstellern, weshalb sie mit nicht immer seriösen Argumenten in Anzeigenwerbung oder Betriebsanleitungen versuchen, die Qualität nachgefertigter Teile schlechtzureden. So hatte sich zum Beispiel BMW zu der Behauptung verstiegen, beim Einbau nicht vom Werk freigegebener Bremsbeläge erlösche die Betriebserlaubnis. Und Opel warnte seine Kunden vor der Montage nichtautorisierter Dachgepäckträger, bis ein Gericht unter Androhung einer deftigen Ordnungsstrafe diese Formulierung in der Betriebsanleitung untersagte. Die Aktenschränke des Gesamtverbandes Autoteile-Handel (GVA) sind inzwischen prall gefüllt mit Urteilen dieser Art.

          Seit 1998 versuchen die deutschen Automobilhersteller verstärkt, den freien Handel mit Karosserieteilen mit Hilfe des sogenannten Designschutzes auszubremsen. Nach Angaben des GVA registrierte das Bundespatentamt bis heute rund 20 000 Geschmacksmusterschutz-Anmeldungen für Kotflügel, Türen, Windschutzscheiben, Front- und Heckleuchten und andere Außenhautteile. Hintergrund ist die mehrfach vertagte Revision der EU-Richtlinie 98/71/EG, die am 16. Juni dieses Jahres abermals auf der Brüsseler Tagesordnung stehen wird. Der GVA hofft dort auf die Einführung der sogenannten Reparaturklausel, die Ende vergangenen Jahres zur Freude der Automobilindustrie von der Bundesregierung für den deutschen Markt abgelehnt worden ist. Diese Klausel, in anderen EU-Ländern wie Italien, Spanien, Großbritannien, Belgien oder den Niederlanden längst existent, würde ein auf dem Designschutz für Karosserieteile gründendes Ersatzteilmonopol der Autohersteller verhindern.

          Sollte ihre europaweite Einführung scheitern, sieht der GVA-Vorsitzende Hartmut Röhl die deutschen Autofahrer auf der Verliererstraße: Nicht nur die Reparaturkosten für Unfallschäden würden künftig steigen, sondern als logische Folge auch die Versicherungsprämien. Einen weiteren Aspekt bringt Alexander Graf Lambsdorff, EU-Spitzenkandidat der FDP Nordrhein-Westfalen, zur Sprache: den drohenden Verlust Tausender deutscher Arbeitsplätze durch den dann zu erwartenden Reparaturtourismus nach Belgien, den Niederlanden, Polen und anderen Anrainerstaaten. Der Markt für karosserieintegrierte Ersatzteile stellt immerhin ein Volumen von zehn Milliarden Euro in der EU und 2,5 Milliarden Euro in Deutschland dar. Schon heute haben die Automobilhersteller an diesem Markt, der zu 98 Prozent aus Unfallreparaturen resultiert, einen überdurchschnittlich hohen Anteil von 74 Prozent, während sie bei Verschleißteilen nur auf 55 Prozent kommen.

          Weitere Themen

          VW Passat Variant Video-Seite öffnen

          F.A.Z.-Fahrbericht : VW Passat Variant

          Der Passat ist ein VW-Klassiker wie der Golf. Die achte Generation fährt ausgereift und fast schon alleine. Im Spitzenmodell ist uns aber der Verbrauch zu hoch.

          Topmeldungen

          Tesla-Fabrik in Deutschland : Angriff im Heimatmarkt

          Für die deutschen Autohersteller wird der Wettbewerb noch schwieriger, wenn Tesla in Brandenburg eine große Fabrik baut. Ein Selbstläufer ist das Projekt allerdings nicht – Tesla muss sich auf einen harten Wettkampf einstellen.
          Die Köpfe hinter der Marke: Porsche-Design-Geschäftsführer Jan Becker (rechts) und Design-Chef Roland Heiler

          Porsche-Design-Chefs : Wann ist ein Mann ein Mann?

          Porsche Design steht für Männlichkeit, Geld und Stil. Im Interview sprechen die Chefs der Marke über neue Rollenbilder, gläserne Garagen – und anderen Luxus, den die Welt nicht braucht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.