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Rennboot Cigarette 515 : Haben Sie mal Feuer?

  • -Aktualisiert am

Die Cigarette 515 auf dem Weg vom ruhigen Hafen zum Inferno. Bild: Wanke

Cigarette lässt es rauchen auf dem Wasser. Mit der neuen 515 kratzt der Bootsbauer aus Florida an den 200 km/h.

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          Der Name Cigarette steht im Wassersport für Renntechnik, für Produkte, wie sie im Automobilbau von Anbietern wie Mercedes-AMG bekannt sind. Die legendäre Marke wurde vor fast 50 Jahren von Don Aronow gegründet, einem rennbegeisterten Millionär, der zuvor schon mit Formula- und Donzi-Booten Weltmeistertitel errungen, die Unternehmen aber wieder verkauft hatte. Don Aronow starb 1987, die Werft existiert aber weiterhin.

          Auch der Beginn einer Allianz mit Daimler-Tochter AMG liegt inzwischen gut zehn Jahre zurück. Die führt in regelmäßiger Folge zur Präsentation von Sondermodellen, die von rennfertigen Sportwagen inspiriert sind. Während der diesjährigen Miami Boat Show wurde das erste neue Modell seit der 50’ Marauder vorgestellt, das mit vollem Namen Cigarette Racing 515 Project One inspired by Mercedes-AMG heißt. Diese Baunummer eins soll kein Einzelstück bleiben, sondern die Basis bilden für das neue Flaggschiff der Marke, kurz 515 genannt.

          Auf den ersten Blick handelt es sich um eine verlängerte 50’ Marauder, doch ist die Neue eine komplette Neukonstruktion, die auch in der Breite deutlich zugelegt hat. Unterm Strich ergibt das eine um 30 Prozent gewachsene Grundfläche, die sich sowohl in der Cockpitgröße als auch hinsichtlich der Fahreigenschaften deutlich bemerkbar macht. Im Heck gibt es nun vier statt drei Sitzplätze, die maximale Besatzung beträgt sechs Personen.

          Fahrer und Beifahrer thronen vorn im Cockpit auf Kohlefaser-Einzelsitzen mit hinterleuchteten Logos, werden über ein 24-Zoll-Multifunktions-Touchdisplay von Garmin mit Daten versorgt. Die niedrige Kabine des Sportgeräts mit zwei Sitzreihen à drei Plätzen ist gar nicht mal ungemütlich. Wer darin gelegentlich übernachten will, bestellt eine Doppelkoje, die ganz vorn eingebaut wird.

          Bei 4000 Umdrehungen liegen schon 54 Knoten an, wer 1000 Touren drauflegt, hat 85 Knoten (157 km/h) erreicht. Bilderstrecke
          Fahrbericht : Rennboot Cigarette 515

          Wie im Fall des Vorbilds, dem Mercedes AMG Project One, wurde auf Kohlefaser-Leichtbau gesetzt. Da solche Laminate aber recht empfindlich sind, setzt die Werft das Material nur auf der Innenseite des Rumpfs ein, vertraut für die äußere Schicht auf robustere Glasfasergewebe. Zusammengehalten werden die Geflechte durch Vinylesterharz, das auf Epoxidmolekülen basiert und kaum Wasser aufnimmt. Dadurch wird Osmose vermieden, das Eindringen von Wasser und das Delaminieren der Fasern. Da im Vakuumverfahren gefertigt wird, kommt nur so viel Harz zum Einsatz, wie wirklich nötig, was zur Gewichtsreduktion beiträgt. Für einen möglichst niedrigen Schwerpunkt weist das Deck einen höheren Kohlefaseranteil auf. Das Cockpit als konstruktiver Bestandteil des versteifenden Stringersystems besteht sogar zur Gänze aus Karbon. Das gilt auch für die Schotten im Bug, während mittschiffs Glasfaser- und Kevlargewebe verwendet werden. Obwohl die Neue erheblich größer ausfällt als die 50er, ist sie nicht schwerer, sondern weist mit 6,4 Tonnen das identische Gewicht auf.

          Aus der Rennabteilung von Mercury stammen die Motoren, es sind die stärksten des gesamten Sortiments. Die beiden V8-Alu-Aggregate mit neun Liter Hubraum, zwei obenliegenden Nockenwellen und Vierventiltechnik werden mit wassergekühlten Doppelturboladern zwangsbeatmet. Jedes der Kraftpakete vom Typ Mercury Racing 1550 entwickelt mit handelsüblichem 91-Oktan-Benzin 1350 PS (1007 kW). Wird der 1052-Liter-Tank mit 112-AKI-Rennkraftstoff befüllt, stehen dem Skipper zweimal 1550 PS (1156 kW) zur Verfügung. Die Aufgabe, die ganze Wucht ins Wasser zu befördern, wird M8-Z-Antrieben mit Trockensumpfgetriebe und CNC-gefrästen Fünfblatt-Oberflächenpropellern der Dimension 17,5 × 36 übertragen.

          Eine Runde mit solch einem Boliden zu drehen ist ein ganz spezielles Erlebnis. Brachialtechnik dieser Art auf dem Wasser verlangt üblicherweise nach einer sehr sensiblen Gashand und sorgsamer Trimmarbeit, um solch ein Geschoss in die Gleitfahrt zu bekommen. Erst dann können die Hebel hemmungslos nach vorn gelegt werden. Nicht so bei der 515. Mit ihrem deutlich breiteren Rumpf schwimmt sie schneller auf. Mit weitaus geringerem Aufwand wird nach nur sieben Sekunden bei 2500 Touren mit 27 Knoten (50 km/h) die Gleitfahrt erreicht. Nachtrimmen ist unnötig, und die Propeller ziehen bei gefühlvollem Gasgeben keine Luft. So weit also eine deutliche Verbesserung im Vergleich zur 50er.

          Was dann folgt, fühlt sich nach Inferno an. Vehemente Beschleunigung wird von einer Geräuschkulisse begleitet, die mit dem Pfeifen der Turbolader nach Düsenjäger klingt. Bei 4000 Umdrehungen liegen schon 54 Knoten an, wer 1000 Touren drauflegt, hat 85 Knoten (157 km/h) erreicht. Bei voller Drehzahl von 6700 Umdrehungen sind wir bei sehr stabiler Wasserlage mit 106 Knoten (196 km/h) unterwegs. Als effiziente Reisegeschwindigkeit, falls man davon bei solch einer Rakete überhaupt sprechen kann, gibt der Hersteller 64 Knoten (118 km/h) an. Damit sollen Distanzen von bis zu 420 Seemeilen (plus 15-Prozent-Tankreserve) machbar sein.

          Während das Geschwindigkeitspotential dem der 50’ Maurauder entspricht, sofern die gleichstark motorisiert ist, spielt der Rumpf der Neuen beim allgemeinen Fahrverhalten und der Wendigkeit seine Überlegenheit aus. Ist die Gleitfahrt gerade erreicht, sind verhältnismäßig enge Kurven von anderthalb bis zwei Bootslängen Durchmesser fahrbar. Allerdings verdoppelt sich dieser Wert schon, wenn nur fünf Knoten zugelegt werden. Wie nicht anders zu erwarten, ist die Fahrt durch Wellen dank des tiefen V-Rumpfs mit 24 Grad Aufkimmung sehr geschmeidig. Weniger als das wäre bei einem Preis von mindestens 2,2 Millionen Euro aber auch inakzeptabel. Die Betriebskosten kommen natürlich extra.

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