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Renault Twizy speciale : Die fahrende Espresso-Maschine

Das e-Espresso-Mobil Bild: Dettweiler

Der Renault Twizy ist eines der kleinsten Elektroautos. Trotzdem ist noch Platz für Verwöhnaroma: für eine Espressomaschine mitsamt Zubehör.

          2 Min.

          In diese Schlange stellt man sich gern an. Es wartet zwar auch ein leckerer Espresso oder Cappuccino, den die Frau mit dem Kurzhaarschnitt nach klassischer Art mit Mühle und Siebträgermaschine zubereitet. Doch eigentlich will man, während der tiefschwarze, dickflüssige Kaffee gemächlich in die kleine Tasse tröpfelt, etwas über sie und ihr Gefährt wissen. Es ist ein Elektroauto von Renault, das wissen wir schon. Aber was guckt hinten aus dem Twizy heraus und was versteckt sich hinter dem Fahrersitz? Und wo gibt es so ein Auto zu kaufen?

          Tanja Botthof ist solche Fragen gewohnt, wenn sie auf Festen, Messen oder Ausstellungen den Gästen einen Espresso serviert. „Es geht nicht um den Kaffee, sondern mehr um die Attraktion“, gibt sie im Gespräch offen zu und erzählt, wie sie zu ihrem Espresso-Twizy kam. Sie hatte ein Foto des Prototypen in einem Magazin gesehen, ihn sich dann in Köln bei der Kaffeerösterei angeschaut, die ihn gebaut hat, und den Besitzer sofort gefragt: „Baust du mir auch so einen?“ Ein paar Wochen später gab es dann einen zweiten Twizy mit der Siebträgermaschine im Rücken.

          Ihre Mission, die Kultur des guten Kaffees mit ihrem Elektromobil aufsehenerregend rund um Frankfurt den Menschen näherzubringen, wurde erst einmal gestoppt, bevor sie überhaupt richtig beginnen konnte. Weil sie das Auto in Köln gekauft hatte, musste sie es noch einmal in Frankfurt bei der Zulassungsstelle vorführen. Der Prototyp konnte nicht als Präzedenzfall dienen, weil dieser noch keine Betriebserlaubnis hatte. Die Behörde war also auf so ein Gefährt nicht vorbereitet.

          Wo denn die Fahrgestellnummer sei, habe man sie bei der Zulassungsstelle gefragt, nachdem „zehn Mann“ danach gesucht, sie aber nicht gefunden hätten. Der Aufsatz am Heck versperrte die Sicht darauf, also musste ein Loch in die Stoßstange geschnitten werden, damit man sie sehen kann. „Ich war damals schockiert“, sagt Botthof, weil sie befürchtete, dass sie vielleicht nie eine Betriebserlaubnis bekommen hätte. Man habe sie „so was von nach Hause geschickt“.

          Tanja Botthof mit ihrem umgebauten Twizy Bilderstrecke
          Tanja Botthof mit ihrem umgebauten Twizy :

          Sie hat die Zulassung bekommen. Nach sechs Wochen und vielen Nachbesserungen wie Schraubenwechsel, Platztausch des Wasserfilters oder Verkleidung scharfer Kanten. Der technische Umbau steht jetzt auch in ihren Papieren.

          Was einen handelsüblichen Twizy von ihrem Mobil im Wesentlichen unterscheidet, ist die geöffnete Rückseite, in der die Espressomaschine steckt. Dort bleibt sie auch während der Fahrt, nur dass sie dann durch einen Holzkastenaufsatz verdeckt ist. Hinter dem Fahrersitz sitzt zudem ein riesiger Wassertank inklusive Filter, um den Kaffee pressen und die Milch aufschäumen zu können. Daneben ist eine riesige Gasflasche installiert, die Energie für die Siebträgermaschine liefert. Sie klemmt nicht am Akku des Elektroautos - den braucht Botthof zum Fahren -, sondern eben am Gas. Ihr weitester Ausflug sei im Übrigen Wiesbaden gewesen. Bis dorthin und zurück reiche der Akku gerade so.

          Leider lässt sich im Twizy nicht alles unterbringen, so dass sie zu ihren Events mit einem zweiten Auto anreist, in dem sie Mühle, Tisch, Stuhl, Milch und Becher unterbringt. Das ist ein Nachteil gegenüber den eher bekannten mobilen Espressostationen, die auf der Pritsche eines Piaggio Ape untergebracht sind. Und der Preis. Allein das Auto plus Zulassung, Gründungsprozess und ihre Website „valentinas.cc“ haben rund 30 000 Euro gekostet. Mittlerweile beziffert sie die Kosten auf das Doppelte, denn sie hat eine Garage angemietet und somit laufende Betriebskosten wie ein stationäres Café. In fünf Jahren soll sich ihre Investition amortisiert haben.

          Wer Tanja Botthof mit ihrem Espresso-Mobil für sein Event bucht, bezahlt rund 100 Euro pro Servicestunde. Sie hat einen Reisegewerbeschein. Meist steht sie auf öffentlichen Veranstaltungen, Buchungen für private Events wie Hochzeiten nehmen allmählich zu. Sie kann sich allerdings auch spontan dort hinstellen, wo es erlaubt ist und keine Miete kostet. So hatte sie kurzerhand ihren Twizy geschnappt, als vor der russischen Botschaft in Frankfurt demonstriert wurde, weil Putin ein Gesetz gegen Homosexualität abgesegnet hatte. Den Kaffee gab es umsonst, sie verstand ihre Aktion als eine Spende. Die Schlangen waren entsprechend lang.

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