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Rekordfahrer Canon Ball Baker : Mit der Indian unter Apachen

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Wenig Proviant: Der Rennfahrer Erwin George „Cannon Ball“ Baker durchquerte die Vereinigten Staaten mit kleinem Gepäck. Bild: Getty

In 276 Stunden auf zwei Rädern von der West- an die Ostküste der Vereinigten Staaten: Der Rekordfahrer Erwin „Cannon Ball“ Baker war eine schillernde Persönlichkeit und ein PR-Genie in eigener Sache.

          7 Min.

          Als Erwin George Baker am 3. Mai 1914 in San Diego um neun Uhr morgens mit seiner rund sieben PS starken Zweizylinder-Indian im strömenden Regen nach New York aufbricht, hat er bestenfalls eine vage Vorstellung davon, welche Strecke auf ihn wartet. Zwar ist ihm bekannt, dass zwischen seinem Startort am Pazifik und seinem Ziel an der Atlantikküste rund 3000 Meilen liegen, doch welchen Weg er dorthin finden wird, liegt für ihn noch im Dunkeln. Es gibt kein durchgehendes Wegenetz von Küste zu Küste, kaum befestigte Straßen und auch keine verlässlichen Karten. Sein Trip ist in vielerlei Hinsicht eine riskante Fahrt ins Ungewisse.

          All das hält Baker jedoch nicht davon ab, eine vollmundige Ankündigung vorauszuschicken: Schon lange vor dem Start hatte er den Reportern der größten Zeitungen des Landes erzählt, dass er den bestehenden Rekord für eine Coast-to­Coast-Durchquerung der Vereinigten Staaten mit einem Motorrad – der zu der Zeit bei etwas mehr als 20 Tagen steht – um volle drei Tage unterbieten werde. Obendrein schließt er mit seinen Sponsoren einen überaus selbstbewussten Vertrag nach dem Motto: „No record, no money.“ Sollte er scheitern, müssen sie ihm keinen Cent zahlen. So verfolgt das ganze Land, ob Baker seine Ankündigung tatsächlich wahr macht.

          Das große Selbstbewusstsein hatte Baker sich hart erarbeitet. Geboren wurde er im März 1882 in einer schlichten Blockhütte in Dearborn County in der Nähe von Lawrenceburg im Südosten von Indiana. Als seine Eltern nach Indianapolis umsiedeln, ist er zwölf Jahre alt. Schon wenig später beginnt er in der Indianapolis Drop Forge Company eine Lehre als Maschinist und schuftet fortan zehn Stunden täglich in der riesigen Schmiede – für 88 Cent am Tag. Schon bald träumt er von einem anderen Leben.

          Die Indian lernt er 1906 kennen

          Baker ist noch keine 23 Jahre alt, als er einen riskanten Schnitt wagt und den sicheren Job hinschmeißt, um sich einer Varieté-Truppe anzuschließen. Die fahrenden Künstler ziehen mit einem Sammelsurium an Zirkusnummern durchs Land, und weil Baker sich durch die harte Arbeit in der Schmiede bestens trainiert zeigt und obendrein als leidenschaftlicher Fahrradfahrer über große Ausdauer verfügt, geben sie ihm eine Chance. Zunächst ist Baker Mädchen für alles, bis sich dann herausstellt, dass er ein ausgezeichneter Boxer ist. Kein anderer kann wie er bis zu elf Sandsäcke gleichzeitig bearbeiten. Geradezu unschlagbar jedoch ist er in einer weit profaneren Disziplin: dem Sackhüpfen. Er wird zum festen Mitglied des Ensembles und lernt so auch all die propagandistischen Grundlagen, die für die Truppe überlebenswichtig sind. Dazu gehört die Vorankündigung eines Gastspiels in den Zeitungen ebenso wie die Verbreitung von Plakaten und Handzetteln in den Tournee­orten schon Tage vor dem Auftritt. Dieses Know-how sollte ihm später noch zugutekommen.

          Stationen eines Rennfahrerlebens: Zieleinfahrt in Los Angeles im Jahr 1923, ... Bilderstrecke
          Rekordfahrer : Erwin „Cannon Ball“ Baker

          Im Jahr 1906 kauft sich Baker dann ein Motorrad, eine Indian aus dem erst fünf Jahre zuvor in Springfield, Illinois, gegründeten Werk. Schnell entwickelt er sich zu einem versierten Fahrer und ergreift im Jahr 1908 bei einem Picknick auf dem Rummelplatz von Crawfordsville die spontane Möglichkeit, an einem Motorradrennen auf unbefestigter Strecke teilzunehmen. Er bringt seine Indian mit weitem Abstand als Erster über die Ziellinie, streicht die beachtliche Siegprämie ein und glaubt, seine wahre Begabung erkannt zu haben. Abermals gibt er seinem Leben eine andere Richtung, hängt das Varieté an den Nagel und arbeitet an einer Karriere als Motorradrennfahrer.

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