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Regional-Bahnhof : Arriving in Montabaur

Gähnende Leere: Der Regelfall in Montabaur Bild:

Die ICE-Neubaustrecke zwischen Frankfurt und Köln ist das Vorzeige-Objekt der Bahn. Damit die Provinz auch was von der Strecke hat, wurden zwei Bahnhöfe auf halber Strecke gebaut - Limburg und Montabaur. Zu Besuch auf dem Bahnhof in Montabaur.

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          Montabaur, die kleine Stadt ohne e vor dem r, liegt auf halbem Weg an der ICE-Neubaustrecke zwischen Frankfurt und Köln. Von Frankfurt aus gesehen, sind das 92 Zugkilometer oder 40 Minuten Fahrt. Die lassen sich aufs angenehmste verbringen, in einem 2.-Klasse-Wagen, der fast als 1. Klasse durchgehen könnte: holzgetäfelte Wände, automatisch und lautlos sich öffnende Schiebetüren, straffe, bequeme Polstersitze in Blau mit reichlich Beinfreiheit, ausklappbare Kleiderhaken, schicke Milchglas-Gepäckablagen, Halogen-Leselämpchen und eine rote Leuchtschrift an den Wagenenden, die einen freundlich begrüßt. In so einem modernen Zug reist es sich schöner als im Flugzeug. Aber: Kein Flugzeug hält in Montabaur. Vom ICE 820 Frankfurt-Dortmund wird das verlangt. Um 10.30 Uhr setzt er sich im Frankfurter Hauptbahnhof in Bewegung.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Es sind genug Zweifel geäußert worden, ob es Sinn hat, an einer Hochgeschwindigkeitspiste, auf der die Züge der neuesten ICE-Generation mit Tempo 300 um jede Minute kämpfen, im Abstand von ungefähr 20 Kilometer zwei Haltepunkte einzurichten. Genützt hat das nichts: Die Länder Hessen und Rheinland-Pfalz haben mit Limburg und eben Montabaur beide ihren ICE-Bahnhof bekommen, den sie unbedingt haben wollten (der Limburger ist noch nicht ganz fertiggestellt). "Es ist nun mal so entschieden worden, jetzt müssen wir damit leben", meint ein Bahn-Sprecher, der eigentlich gar nicht viel zu dem Thema sagen möchte. "Alle Beteiligten versuchen, das Beste daraus zu machen."

          Für eine Zeit von fünf Jahren ist beiden Städten eine stündliche Verbindung garantiert worden. Danach, so heißt es, entscheide "der Markt". So lange bremst ein Teil der eiligen ICEs pflichtgemäß für die beiden Städte, der Rest donnert durch. Zur Zeit gibt es an Wochentagen in Montabaur 20 ICE-Stopps (19 in Limburg), vom 15. Juni an wird die Zahl sogar noch auf 21 (in Limburg 23) erhöht - zur Freude der Pendler. Denn Arbeitnehmer, die frühmorgens in die Ballungsräume aufbrechen und abends ins Ländliche heimkehren, stellen die meisten der etwa 1100 Menschen, die den Bahnhof Montabaur täglich nutzen. Und in der Zwischenzeit? Da sinkt er in einen ausgedehnten Mittagsschlaf andalusischer Qualität.

          Die rote Leuchtschrift im ICE 820 scheint das zu wissen, sie unterschlägt Montabaur und nennt als Haltepunkte: "Frankfurt (M) Hbf - Frankfurt Flugh - Köln-Deutz - Düsseldorf Hbf - Essen Hbf - Dortmund Hbf." Wenigstens im Faltblatt "Ihr Reiseplan", das an jedem Sitzplatz ausliegt, taucht die Kreisstadt im Westerwald zwischen dem Frankfurter Airport und Köln-Deutz mit der Ankunftszeit 11.10 Uhr auf.

          Eine Mittelgebirgslandschaft mit üppiger Vegetation fliegt an den Passagieren vorbei, als das Display schließlich verkündet: "We will shortly be arriving in Montabaur. In Kürze erreichen wir Montabaur." Als der pfeilschnelle Zug zum Stehen kommt, erwacht der dösende Bahnhof, doch nach zwei Minuten haben ihn die paar Leute, die ausgestiegen sind, schon wieder verlassen. Wer nun in dem menschenleeren Gebäude außerhalb der Stadt zurückbleibt, meint, aus Versehen in eine verbotene Zone geraten zu sein. Ohne das Rauschen der nahegelegenen Autobahn 3 wäre die Stille vollkommen. Denn sogar die Rolltreppen bleiben wieder stehen.

          Spiegelnder Boden, graue Kacheln, Glas, Edelstahl - blitzblank ist der Bahnhof Montabaur. Todschick: Hier endlich erkennt man die wahre Bedeutung dieses Begriffs. Es gibt ungefähr acht Läden in dem Gebäude, aber alle stehen leer. Es gibt ein "WC-Center" mit freiem Eintritt, aber Notdürftige sind nicht in Sicht. Da ist ein Warteraum, aber niemand sitzt drin. So ist das "DB ReiseZentrum", also der Kartenverkauf, allein auf weiter Flur. Bei 1100 potentiellen Kunden am Tag sei es schwierig, Pächter für die Geschäfte zu finden, läßt die Bahn wissen: "Wo soll der Umsatz herkommen?" Es habe durchaus Interessenten gegeben, heißt es von anderer Seite, aber die seien durch hohe Pachtforderungen verschreckt worden.

          Also bleibt es vorerst dabei: keine Zeitungen, keine Postkarten, keine Blumen, kein Kaffee, keine Rosinenbrötchen. Allein eine gelb-grüne Imbißbude mit dem Namen "Supp . . .erb" sorgt draußen vor dem Bahnhofseingang für ein bißchen Umsatz. Nierengulasch für 2 Euro 80 weist die Speisekarte als teuerstes Gericht auf, Mohrenkopfbrötchen sind für 75 Cent zu haben, Pommes für einszwanzig. Zur morgendlichen Stoßzeit zwischen sechs und acht rückt immerhin noch ein Bäcker mit seinem Wagen an.

          Bei diesem kulinarischen Angebot ist es vielleicht gut, daß man dank der guten ICE-Verbindungen schnell wieder weg ist aus dem Geisterbahnhof. Den Fahrplan hat man ruckzuck auswendig gelernt. Um 12.51 Uhr zum Beispiel fährt ein ICE nach Frankfurt, und für kurze Zeit geht es vergleichsweise turbulent zu auf Bahnsteig 1: Sechs Leute steigen ein. Dann ist wieder Ruhe.

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