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Probefahrt Mercedes E-Klasse : Intime Kühle und intelligente Eleganz

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.; Hersteller

Mehr von allem: Der Mercedes-Benz E fährt teilautonom, und der Diesel schweigt so stark. Im Innenraum lebt die detailfreudige Einrichtung. Eine erste Probefahrt.

          Links zieht einer vorbei, von rechts kommt einer rüber, hinten drängelt der Gemüselaster, dazwischen drei Motorroller. Die portugiesische Hauptstadt Lissabon hat etwa 560.000 Einwohner, und warum heute Morgen alle auf der Autobahn A5 in höchster Eile unterwegs sind nach Estoril, das weiß nicht einmal der blank polierte Mercedes-Benz E 220 d. Er ist aktuell das beste Fast-Oberklasse-Auto und kostet ohne Extras 47.124 Euro, mit Extras wird er dann wegen seiner kontrollierten Neigung zum teilweise automatisierten Fahren zur attraktiven Intelligenzbestie und kommt auf knappe, empfindliche 60.000 Euro.

          Von April an rollt die zehnte Generation der Stuttgarter Ober-Mittelklasse zu den Händlern, zum Verkaufsstart stehen jedoch nur zwei Motorversionen zur Wahl, neben dem E 220 d wird der E 200 mit Benzinmotor und 184 PS (135 kW) für 45.303 Euro angeboten. Der stärkere E 350 d mit V6-Diesel und 258 PS (190 kW) zum Grundpreis von 55 602 Euro folgt im Sommer.

          Alle Start-Versionen schalten zum Verkaufsbeginn serienmäßig mit der neuen Neungang-Automatik 9G-Tronic, angetrieben werden selbstverständlich die Hinterräder, Höchstgeschwindigkeiten liegen bei 240 oder 250 km/h. Die Diesel fahren mit einem Normverbrauch von 3,9 oder 5,1 Liter, der Benziner wird mit 5,9 Liter angegeben, und alle kommen mit den Fähigkeiten für den Einstieg in das vollkommen autonome Fahren. „Intelligent Drive ist ein großer Schritt zum autonomen Fahren“, sagt Ola Källenius, noch jugendlich wirkender Vertriebschef, der schon den Tornister packt für noch höhere Aufgaben. Erst als künftiger Technik- und Entwicklungschef und dann vielleicht als Konzernlenker. Viele halten ihn für den designierten Nachfolger von Dieter Zetsche.

          Unsere Aufgaben sind an diesem kalten Morgen auch nicht von niederer Art. Vom Atlantik her fallen über den 220 d erste Ausläufer eines Orkantiefs, und vor uns werden gerade einige Portugiesen von Panik-Bremsattacken überfallen. Wir rühren keinen kleinen Finger und vertrauen auf die E-Intelligenz des Autos. Sensoren schrecken die Assistenten auf, sie lenken gegen den Wind und bremsen und aktivieren sich selbst für einen „aktiven Spurwechsel“ zum Überholen. Wir nehmen wieder Fahrt auf, das hätten wir alles aber auch in eigener Regie übernehmen können, tausendmal berührt, Volant und Bremse, und es ist nichts passiert.

          Das ist den Mercedes-Benz-Entwicklern nicht unbekannt, aber sie üben in der neuen E-Klasse das autonome Fahren, beherrschen das Einparken von außen (was für ein Auftritt auf dem Boulevard!) und sind auch noch überzeugt vom edlen Inhalt ihres Tuns: „Wir erhöhen mit diesen Systemen die Sicherheit und entlasten den Fahrer“, sagt Källenius. Ob die Mercedes-Benz-Kunden sich wirklich der Sensoren-Regie anvertrauen wollen, das wird im Gespräch mit dem künftigen Technik-Chef nicht ganz klar. Einer muss damit anfangen, sagt Källenius. Dass autonomes Fahren auf absehbare Zeit eher eine Fortbewegung in reichen Ländern für eine winzige Minderheit ist, das stört ihn nicht.

          Liebevoll gestalteter Sessel

          In diesem E 220 d ist nicht nur dynamische Intelligenz präsent. Er trägt eine intelligente Eleganz vor, die es bisher bei Mercedes nicht gab. Dabei geht es nicht um Üppigkeit in barocken Formen und nicht um die Coolness eines Fortschritts, der sich in Wucht, in Watt oder in Recheneinheiten messen lässt. Im Innenraum leben die detailfreudige Einrichtung, die liebevoll gestalteten Sessel, die gut geformte Bank, die ungemein präzise gezeichneten Bildschirme und die Nähte und die farbliche Abstimmung, es entsteht eine nicht aufdringliche, aber deutlich zu spürende Intimität: Wir glauben gerne, dass sich Ingenieure und Designer endlich nicht um die Realisierung technischer Prinzipien verdient machten, sondern sich um ihre künftigen Passagiere bemühten.

          Ob konfigurierbare Bildschirme mit drei unterschiedlichen Stil-Welten nötig sind, ob man fünf Dutzend unterschiedliche Farben für Leuchtleisten im Innenraum benötigt und man mit Streicheleinheiten für empfindliche Tasten im Lenkrad Befehle geben muss, die zusätzlich an anderen Stellen zu vollziehen sind, das müssen die Kunden entscheiden.

          Wir würden uns für diesen kleinen Diesel entscheiden. Er überzeugt mit der Laufkultur eines Manfred Germar und mit der zähen Energie des Emil Zatopek. Alles alte Helden, wie das Dieselprinzip selbst, das im 220 d mit Hochdruck-Einspritzung, Aufladung und Vollalu-Block immer jünger wird. Ob der später kommende E 350 e mit seiner Hybridtechnik alles besser kann, das wird sich erst noch zeigen müssen. Für die dieselscheuen Amerikaner ist er wohl die richtige E-Klasse.

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