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Probefahrt Škoda Octavia : Der bessere Bruder?

  • -Aktualisiert am

Und so fuhr er als Erlkönig durchs Land: der neue Škoda Octavia Bild: Hersteller

Praktisch, pragmatisch und ohne Brimborium – so hat es der Škoda Octavia zum heimlichen Helden auf dem Golfplatz gebracht. Die nächste Generation kommt dem VW Golf noch näher. Wenn das mal nicht den Familienfrieden stört.

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          In Österreich ist er bereits das Auto Nummer Eins und bei uns führt er die Importwertung an – im Windschatten des VW Golf ist der Škoda Octavia zu einem Bestseller geworden, der zumindest als Kombi seinen Bruder aus Wolfsburg längst überflügelt hat. Und jetzt geht das Familienduell in die nächste Runde. Denn kaum hat die Muttergesellschaft die achte Generation ihres Dauerbrenners präsentiert, bereitet auch die Tochter die Premiere ihres wichtigsten Modells vor. Das wird spannend, glaubt Jan Burgard von der Strategieberatung Berylls in München: „Mit jeder Modellgeneration rückt der Octavia den Technikspendern von Volkswagen näher auf die Pelle.“ Das gilt allerdings nicht nur für Ausstattung und Qualität, sondern auch für eine andere Disziplin: „Eine Billigmarke ist Škoda längst nicht mehr, die Tschechen verlangen mittlerweile beinahe VW-Preise,“ sagt Burgard.

          Wie viel der neue Octavia kosten wird, will Firmenchef Bernhard Maier zwar noch nicht verraten. Doch was man für sein Geld bekommt, daraus macht er kaum mehr ein Geheimnis. Er ist so stolz auf die vierte Octavia-Generation der Neuzeit, dass er noch vor der offiziellen Weltpremiere am 11. November eine Handvoll Journalisten zu den sonst unter Ausschluss der Öffentlichkeit organisierten Abnahmefahrten bittet. 

          „Noch geräumiger, praktischer und sicherer als je zuvor. So macht Škoda mit der neuen Generation einen großen Schritt nach vorne“, gibt er den Takt vor und stempelt den Octavia zum Motor der Marke: In den vergangenen sechs Jahrzenten habe das Modell seinen Teil dazu beigetragen, dass sich Škoda so positiv entwickelt habe. Und so soll es weitergehen. Dabei baut Meier freilich vor allem auf die Möglichkeiten des Mutterkonzerns. Technik-Vorstand Christian Strube hat entsprechend tief in den Modularen Querbaukasten gegriffen, aus dem auch der Golf entstanden ist.

          Wie der Vetter aus Wolfsburg will der Octavia mit Motoren punkten, die bis zu 14 Prozent sparsamer und deutlich sauberer sind. So gibt es hier wie dort die ersten Benziner, die mit 48-Volt-Technik zu Mild-Hybriden werden, die Diesel stoßen mit doppelter AdBlue-Einspritzung bis zu 80 Prozent weniger Stickoxide aus, und, dem Golf sei Dank, bekommt der Octavia nun seinen ersten Plug-In-Hybrid, der bei Škoda genau wie bei VW in zwei Leistungsstufen angeboten wird. In der CNG-Technik ziehen beide ebenfalls am gleichen Strang und bieten den identischen Erdgas-Motor an.

          Wie der Vetter aus Wolfsburg will der Octavia mit Motoren punkten. Bilderstrecke
          Probefahrt : Škoda Octavia

          Einen hohen Anteil an gemeinsamen Systemen gibt es zudem bei den elektronischen Errungenschaften vom digitalen Cockpit mit zwei Zehn-Zoll-Bildschirmen und einem Head-Up-Display über die LED-Matrix-Scheinwerfer und das Online-Infortainment mit eigenem Appstore bis hin zu den Assistenten, die nun auch beim Ausweichen helfen oder beim Öffnen der Tür nach Radfahrern und anderen Verkehrsteilnehmenr schauen.

          Obgleich Škoda im allgemeinen und der Octavia im besonderen dem VW-Konzern also zu verdanken hat, ist es weniger die Nähe zum Golf, die den Octavia ausmacht. Besonders gut ist der Škoda dort, wo er sich seinen eigenen Weg erlaubt. Die Form ist natürlich eine Frage des Geschmacks, zumal sie bei den Prototypen noch mit Folie kaschiert ist und man innen außer dem neuen Lenkrad mit nur noch zwei Speichen und eigenwilligen Bedienwalzen noch nicht viel erkennen kann. Doch mit seinem Format ist der Škoda der klare Sieger: In jeder Richtung nochmal ein paar Millimeter gewachsen, bietet er deutlich mehr Platz als die meisten Konkurrenten und alle Mitglieder der Wolfsburger Großfamilie. So kann man nicht nur unerreichte 630 Liter hinter der Heckklappe des nun 4,69 Meter langen Kombis verstauen, sondern auf der Rückbank auch als Erwachsener bequem sitzen.

          Spätestens wenn der nächste Winter kommt

          Und dann ist da noch die Rubrik Simply Clever, in der sich schon wieder ein paar pfiffige Petitessen mehr finden, die oft gerade wegen ihrer Einfachheit beeindrucken. So simpel eine zweite, kleinere Tasche an der Rücklehne des Vordersitzes sein mag, so praktisch ist sie, wenn die Hinterbänkler darin ihre Handys verstauen können. Wer mal eine Dashcam benutzt und sich am Kabelsalat hinter der Scheibe sattgesehen hat, der wird sich über die USB-Schnittstelle am Dachhimmel freuen. Und spätestens wenn der nächste Winter kommt, ist der Schneebesen sinnvoll, den die Tschechen als Alternative zum allfälligen Regenschirm in das Staufach der Tür schieben.

          Da der Altmeister auf Abruf, der immer als ein bisschen langweilig gilt, als verstaubt und vor allem als überteuert, dort der Aufsteiger aus Tschechien, der mehr Technik und mehr Platz für weniger Geld bietet und sich geschickt ein smartes Image gegeben hat – dieses Duell, das durch den nahezu parallelen Generationswechsel hier wie dort noch an Dramatik gewinnt, lenkt einmal mehr den Blick auf die schwierigen Beziehungen innerhalb der Wolfsburger Mehrmarken-Welt. Der Erfolg Škodas geht durchaus zu Lasten von VW, und Beobachter schreiben immer wieder von der schwierigen Abstimmung im Konzern. Mal droht den Tschechen deshalb angeblich eine Neupositionierung als Billigmarke, mal wollten die Auguren Anzeichen erkennen, dass Škoda aus der Zentrale zum Schutz der Kernmarke eingebremst wird.

          Natürlich wird es zwischen Mutter und Tochter wie in jeder guten Familie auch mal knirschen. Doch spricht man die Manager der Marken auf die vermeintlichen Spannungen an, herrscht eitel Sonnenschein. Škoda-Chef Meier jedenfalls will von einem Zwist mit der Zentrale nichts wissen und sieht die Marke  eher als Bollwerk gegen die Koreaner denn als VW-Konkurrenten. Entwicklungsvorstand Strube kann sich über mangelnde Unterstützung aus der Zentrale nicht beklagen, so tief wie er für den neuen Octavia in den MQB greifen durfte. Und VW-Chef Herbert Diess hat gerade in einem Gespräch mit der Agentur Reuters klargestellt, dass Škoda keine Beschneidungen fürchten müsse. Im Gegenteil traue er der Marke das größte Wachstumspotenzial zu und wolle deshalb für ausreichende Produktionskapazitäten sorgen. Schließlich habe sich die Marke in den vergangenen Jahren zu einer stabilen Stütze für Umsatz und Rendite entwickelt, an der man an in der teuren Phase der Transformation nicht wackeln werde.

          Analyst Burgard sieht denn auch kein großes Problem in der vermeintlichen Rivalität der Marken: Die Kundenloyalität nehme immer stärker ab. So habe Škoda tatsächlich die Chance, immer häufiger auch VW-Kunden zu gewinnen, so wie es VW auch bei Audi mache, sagt der Fachmann. Allerdings sei das kein Drama. „Das ist durchaus im Sinne der Volkswagen-Gruppe. Schließlich gilt es, die Neuwagenkäufer im Konzern zu halten.“ Das scheine zu funktionieren, sagt Burgard. Schließlich entfielen im vergangenen Jahr 23,8 Prozent aller europäischen Neuzulassungen auf VW-Marken.

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