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Probefahrt Bentley Bentayga : Und 150.000 Euro für die Uhr

Bentley Bentayga: Den Modellnamen haben sich die Briten von den Kanarischen Inseln geholt. Dort trägt ein markanter Fels diesen Namen Bild: Hersteller

Nichts ist unmöglich: Jetzt gibt es sogar einen 301 km/h schnellen Bentley fürs Gelände. Wer zum Bentayga greift, wird mit Superlativen beliefert. Eine erste Probefahrt.

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          Beginnen wir mit den Preisen, weil deren Gefüge schon etwas gewöhnungsbedürftig für den gemeinen Nachwuchsmillionär sind: Der neue und erste Geländewagen von Bentley kostet 208.500 Euro. In der Grundausstattung. Weil sich mit der kaum jemand sehen lassen will und es vor allem darauf ankommt, der Erste im Freundeskreis zu sein, legen die Briten eine auf 608 (das ist nicht ganz zufällig die Zahl an Pferden unter der Haube) Exemplare limitierte First Edition auf. Die erfordert fröhlich aufgewertet 300.000 Euro. Zuzüglich 150.000 Euro für den Tourbillon. Dieses Meisterstück der Uhrmacherkunst steuert Breitling bei. Leider kann die Manufaktur nur vier Stück im Jahr herstellen, und so werden die meisten Eigner mit einem gewöhnlicheren Zeitmesser auskommen müssen.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Apropos Zeit. Der Bentayga, wie der für Show und Schlamm entwickelte Bentley heißt, erscheint in diesen Tagen und damit genau zum falschen Moment. Die russische Wirtschaft ist kollabiert, die chinesische zum Wackelkandidaten mit steuerbehördlichen Argusaugen geworden, saudisches Öl sprudelt günstig wie lange nicht mehr. Da wird der Kundschaft wohl die Lust am Kaufrausch vergehen. Ganz im Gegenteil, sagt Bentley-Chef Wolfgang Dürheimer. Der Bentayga komme genau zur rechten Zeit, denn jetzt setze er ungekannte Impulse. Und die ohnehin nicht so konjunkturanfällige Klientel, die durchschnittlich sieben Autos besitze und sich bei der Anschaffung eines Geländewagens bislang dem Range Rover zugewandt habe, könne nun im Haus bleiben.

          4000 bis 5000 Bentayga-Einheiten jährlich hatte Bentley anlässlich erster Berührungen im vergangenen Jahr anvisiert. Nun liegen eigenen Angaben zufolge schon mehr als 5000 Bestellungen für den nicht bei jedermann Liebe auf den ersten Blick auslösenden Bentley vor. Falls die Konjunkturdellen wirklich nicht durchschlagen und kein innerbetrieblicher Kannibalismus einsetzt, müssten die Briten als Ganzes Ende 2016 mehr als 15 000 verkaufte Fahrzeuge ausweisen. Denn 2015 fanden mehr als 10 000 der klassischen Fahrzeuge, also Mulsanne, Flying Spur und Continental, frische Abnehmer.

          Wer zum Bentayga greift, wird mit Superlativen beliefert. Geschmeidig, kraftvoller Zwölfzylinder mit sechs Liter Hubraum, 608 PS und 900 Newtonmeter Drehmoment. Die genügen, um das mindestens 2,4 Tonnen schwere und fünf Meter lange Gefährt in 4,1 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h zu katapultieren. Der Vortrieb endet, das war Ehrensache, jenseits der Konkurrenzdemütigungsschwelle bei 301 km/h. Als Normverbrauch werden 13,1 Liter genannt, ein theoretischer Wert.

          Zur Kraftübertragung dienen die bekanntermaßen gute Achtgangautomatik von ZF, ein elektrisch gesteuerter Torsen-Allradantrieb mit hecklastiger Verteilung im Verhältnis 60 zu 40 und Reifen von Pirelli im Walzenformat 285 45 R 21. Gefertigt wird die Aluminium-Stahl-Karosserie im Volkswagen-Werk Bratislava. Danach wird sie ins englische Crewe geschickt, wo sie in 130 Stunden Handarbeit lackiert und endmontiert wird. An Bord ist so ziemlich alles, was technisch modern und edel ist, auch eine Anhängerkupplung, der Bentley darf 3500 Kilogramm Boot ziehen.

          Der Bentayga ist innen ebenso ein Fest wie die klassischen Limousinen und Coupés aus Crewe.

          Die Luftfederung mit reaktionsschnellem Wankausgleich sorgt für bewegende Fahrerlebnisse ohne Magenkrisen. Überraschend leichtfüßig wirkt der Bentayga, aber auf eine die Dynamik noch mehr fördernde und den mächtigen Wendekreis verringernde Allradlenkung wurde verzichtet. Dafür bietet Bentley acht Straßen- und Geländeprogramme, die auch Offroad ihre Wirkung nicht verfehlen, 17 Standard- und 90 Sonderfarben, 1800 Watt Musik aus 18 Lautsprechern und einen Fahrersitz mit 22 Funktionen. Die im VW-Mutterkonzern gerade etwas kritisch beäugten Programmierer haben ausgerechnet, dass die zum Betrieb ihres Ensembles notwendigen Softwarezeilen die einer Boeing 787 übertreffen.

          Zunächst offeriert Bentley die Version mit vier oder fünf Sitzplätzen. Eine mit sieben Plätzen auf gleicher Länge wird 2017 folgen. Dann erscheint zudem der erste Diesel der Bentley-Geschichte, ein Achtzylinder. Er wird wegen des Abgasskandals zunächst nicht für Amerika homologiert, erscheint aber in Europa unerlässlich. Im dritten Lebensjahr wird dem Bentayga ein an der Steckdose aufladbarer V6-Benzinhybrid zuteil, der 50 Kilometer elektrische Reichweite haben soll. Der Hybrid wird auch in allen anderen Baureihen Einzug halten. Ein rein batterieelektrisches Auto hält Dürheimer für unnötig, das sei für Bentley kein „positionierungsrelevantes Thema“.

          Ein Coupé vom Geländewagen indes schon, es ist ebenso in Arbeit wie ein puristischer zweisitziger Sportwagen. Schließlich brauchen die Briten weitere Impulse, wollen sie ihre hehren Ziele erreichen. 2025 will Bentley 20 000 Autos verkaufen.

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