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Probefahrt Aprilia RS 660 : Die goldene Mitte

Aprilia verspricht sich viel von der RS 660, dem Sportmotorrad, das niemanden überfordert und die nächste Saison vergolden soll. Bild: Hersteller

Aprilia baut einige fürchterlich starke Maschinen. Für Normalkönner mit Normalgeldbeutel gibt es jetzt die RS 660. Sie zählt eindeutig zur Mittelklasse. Aber ...

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          Mittelklasse ist kein Begriff mit elektrisierender Wirkung. Klingt zu sehr nach mittel und zu wenig nach Klasse. Die Mittelklasse steht für Vernunft auf halbhohem Niveau, für Verzicht auf Extravaganz, sie ist lediglich die Vorstufe zum wahrhaft Begehrenswerten und hält in aller Regel einen Respektabstand zu dem, was die technische Spitze repräsentiert. So ist das auch bei den Motorrädern. Die neue Aprilia RS 660 zählt eindeutig zur Mittelklasse. Aber ...

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Die Maschine, die in diesen Tagen für 10.770 Euro inklusive Nebenkosten auf den Markt kommt, fühlt sich nach mehr an. Besonders gilt das für die elektronische Ausstattung, die weit über das hinausgeht, was in der Mittelklasse üblich ist. Aprilia bietet das komplette Programm, präsentiert sich als Vorreiter der Branche, der das, was sich im Oberhaus des Motorradbaus etabliert hat, in vollem Umfang auch eine Etage tiefer spendiert. Gemessen daran, erscheint der Preis fair. Zumal die Verarbeitung des vollverkleideten Alltagssportlers außerordentlich ansprechend wirkt.

          Um eine Sechsachsen-Sensorbox der jüngsten Generation herum gruppiert sich eine Schar rechnergesteuerter Assistenzsysteme. Zum Repertoire der RS zählen eine in acht Stufen justierbare Traktionskontrolle, dreistufiges ABS mit Schräglagenerkennung, dreistufig einstellbare Motorbremse, Wheelie-Kontrolle sowie mehrere Einstellmöglichkeiten für die Entfaltung der Motorleistung. Zusammengefasst wird all das in drei Fahrprogrammen für den Straßenbetrieb sowie zwei weiteren für die Nutzung der RS auf der Rennstrecke. Ein Tempomat zählt genauso zur Serienausstattung wie ein Quickshifter fürs kupplungslose Schalten in beide Richtungen. Die Systeme regeln fein, der Schaltassistent funktioniert herausragend. Für den Rennstreckeneinsatz lässt sich das Schaltschema umkehren.

          Teil des Netzwerks ist die LED-Lichttechnik. Im Fall einer harten (Not-)Bremsung flackert, sofern diese Funktion nicht deaktiviert ist, das Warnblinklicht auf. Das Umschalten zwischen Tagfahr- und Abblendlicht erfolgt mit Hilfe von Lichtsensoren automatisch, gleichfalls der Wechsel des übersichtlich gestalteten TFT-Farbbildschirms vom Tag- auf den Nachtmodus und umgekehrt. Das Cockpit stellt zudem unterschiedliche Ansichten für Alltag und Rundkurs zur Verfügung.

          Bunter Haufen: Acid Gold, Apex Black und Lava Red heißen die Farbvarianten. Letztere soll mit ihren Lila- und Rottönen an die RS 250 von 1994, einer prominenten Rennmaschine der Zweitakt-Ära, erinnern. Bilderstrecke
          Probefahrt : Aprilia RS 660

          Grundsätzlich neu ist das alles nicht, aber in dieser geballten Form in dieser Preisklasse unseres Wissens bisher einmalig. Die Bordsensorik wird auch zur Aktivierung des serienmäßigen Kurvenlichts genutzt: Im Dunkeln werden in Schräglage zusätzliche LEDs zugeschaltet, die in den Bogen hineinleuchten. Wie gut sie das tun, lässt sich noch nicht bewerten, weil unsere Probefahrt bei Tage stattfand. Als einzige echte Enttäuschung während der 250-Kilometer-Runde stellte sich die Blinker-Abschaltautomatik heraus. Die scheint stupide nach Schema F vorzugehen, mit dem Ergebnis, dass das Blinken stets erst nach einer gewissen, zumeist viel zu langen Zeit aufhört. Kein Vergleich mit den smarten Blinkern von Harley oder BMW, die Abbiege- oder Einfädelvorgänge erkennen.

          Das pralle, mit Ausnahme dieses Punkts überzeugende Elektronikpaket – Smartphone-Konnektivität inklusive – ist von jenem der Aprilia RSV4, des mehr als 200 PS starken Supersportlers aus Noale in Venetien, abgeleitet. Gleiches gilt für den Motor. Der Reihenzweizylinder basiert auf der vorderen Zylinderbank des 1100-Kubik-V-Vierzylinders der RSV4. Mit 270 Grad Hubzapfenversatz an der Kurbelwelle imitiert der kompakte Twin einen grollenden V-Motor. Mit exakt 100 PS bei 10.500/min liegt seine Nennleistung ein klein wenig über dem, was gebraucht wird im normalen Leben mit einem Allroundsportler, ist also genau richtig bemessen.

          67 Nm Drehmoment bei 8500/min weist das Datenblatt zudem aus, auf den ersten Blick ein bescheidener Wert. Doch schiebt das Triebwerk wuchtiger voran, als es die Zahl erwarten lässt. Des Rätsels Lösung: 80 Prozent des Drehmoment-Maximums sind schon von 4000 Umdrehungen an zur Stelle, 90 Prozent ab 6250/min. Hackfrei und gesittet geht der Zweizylinder in niedrigen Drehzahlen zu Werke, wuchtet sich durch eine kräftige Mitte und spielt sich schließlich nach oben hin in einen Rausch. Erstaunlicher Motor. Wer geschmeidig und unauffällig unterwegs sein will, findet in ihm den passenden Partner. Und wer auf Krawall aus ist, der bekommt Krawall.

          Aprilia macht kein Geheimnis daraus, dass der RS 660 schon bald weitere Modelle mit diesem Zweizylinder folgen werden. Zum Jahreswechsel fallen Shiver 900 und Dorsoduro 900 aus dem Programm, dann wird allein die 660er-Baureihe für das weite Feld zwischen Aprilias kleinen 125ern sowie den fürchterlich starken 1100ern zuständig sein. Eine unverkleidete Tuono 660 ist dafür in Vorbereitung sowie offenbar auch eine leichte Enduro namens Tuareg 660. Die RS 660 wird von Anfang an auch als 95-PS-Ausführung angeboten, die für Einsteiger mit A2-Führerschein auf 48 PS gedrosselt werden kann.

          Wenige Motorräder lassen sich so mühelos durchs Kurvengeknäuel scheuchen wie die schlanke, leichtfüßige RS, die laut Hersteller mit gefülltem 15-Liter-Tank lediglich 183 Kilo auf die Waage bringt. Fahrwerk und Ergonomie künden von zähem Bemühen der Entwickler, den Idealpunkt zwischen Rennhobel und Sporttourer zu treffen, was bedeutet, dass man knackige Verhältnisse vorfindet, zu aktiver Herangehensweise aufgefordert wird, aber zugleich recht komfortabel sitzt, so dass es erst nach ein paar Stunden in den Handgelenken zu knirschen beginnt. Die Brembo-Bremsanlage ist eine Macht.

          Nur aufgeklebte, nicht überlackierte Logos am Tank wirken unangemessen billig. Der Fernlichtschalter steht zu weit hervor, so dass ihn der linke Zeigefinger bei der Arbeit am Kupplungshebel oft streift. Die Folge: Ständig wird unbeabsichtigt aufgeblendet. Ansonsten handelt es sich bei der Neuen aus Noale keineswegs um einen Blender. Drei Farben stehen zur Wahl. In Acid Gold, meinen die Italiener selbst, wirkt die RS 660 am elektrisierendsten.

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