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Fahrbericht Piaggio MP3 530 : Geht nach hinten los

Guckt wie ein Auto: der MP3 530 im neuen Design Bild: Hersteller

Piaggio rüstet seinen Dreiradscooter MP3 auf. Das neue Spitzenmodell hat Rückwärtsgang, Rückfahrkamera und Radar.

          3 Min.

          Der neueste, teuerste MP3 von Piaggio ist ein verblüffendes Ding und wirft Fragen auf. Eine davon: Braucht ein Roller eine Rückfahrkamera? Quantensprung oder Quatsch? Wir wollen uns mit einem Urteil erst einmal zurückhalten. Jeder möge das für sich selbst entscheiden. Und am besten ausprobieren. Auch dieser MP3 mit seinen drei Rädern und der Spurweite von 465 Millimeter darf in Deutschland mit dem Autoführerschein gefahren werden, Mindestalter 21 vorausgesetzt.

          Walter Wille
          Redaktion „Technik und Motor“

          Man setzt sich also drauf und legt den Kippschalter um, der die Rückwärtsfahrfunktion aktiviert. Unverzüglich erscheint im neuen Sieben-Zoll-TFT-Schirm das Livebild der Heckkamera. Abstandsanzeigen in Grün, Gelb und Rot werden zusätzlich eingeblendet. Rot bedeutet: Keinen Zentimeter weiter, Kennzeichen dotzt an.

          Zum elektrischen Rückwärtsfahren wird nun der Starterknopf gedrückt und gehalten. Das Anfahren erfolgt ruckartig, der Rest verläuft geschmeidig. Weil sich die Neigetechnik der beiden Vorderräder verriegeln lässt, kann man beim Rückwärtsrangieren sogar beide Füße auf den Trittbrettern belassen, wobei der Boden einigermaßen eben sein sollte, damit MP3 und Fahrer nicht ins Straucheln geraten. Das war schon beim Vorgänger MP3 500 so, dem ersten seiner Art mit Rückwärtsgang. Dem in diesen Tagen zum Preis von 13 300 Euro in den Handel kommenden MP3 530 hpe Exclusive spendiert Piaggio zusätzlich die Rückfahrkamera.

          Rutschfest: Regen muss nicht sein, aber wenn, dann mit einem Dreirad, das zudem ordentlichen Wetterschutz bietet. Bilderstrecke
          Fahrbericht : Piaggio MP3 530

          Sie stellt nicht die einzige Neuerung dar. Der Dreiradroller sei komplett überarbeitet worden, lässt der italienische Zweiradkonzern wissen, der 2006 mit dem Ur-MP3 eine neue Kategorie Scooter etablierte und seitdem rund 230.000 Exemplare unterschiedlicher Hubraumklassen verkaufte. Es handele sich um das technisch komplexeste Fahrzeug in der Geschichte Piaggios.

          Das dürfte nicht übertrieben sein. Über die Rückfahrhilfe und -kamera hinaus ist der 530er mit einem Radarmodul am Heck bestückt, welches das Geschehen hinter dem Roller beobachtet, wenn er vorwärts unterwegs ist. Die rechteckige Radarschachtel unterhalb von Rücklicht und Kameraauge bildet die Grundlage für den Totwinkelwarner sowie den Spurwechselassistenten. Beide machen sich über Lichtzeichen auf dem Cockpitbildschirm bemerkbar. Braucht man das? Es funktioniert nach unserem ersten Eindruck gut und ist gewiss hilfreich, aber kein vollwertiger Ersatz für den Schulterblick. Für die Entwicklung der Radarüberwachung, die in Kurvenfahrt Schräglagenwinkel einkalkuliert, war Piaggio zufolge die in Boston ansässige Robotik-Tochter der Gruppe zuständig. Gebaut wird der MP3 am Stammsitz Pontedera nahe Florenz.

          Wahl zwischen drei Fahrmodi

          Unsere erste Probefahrt fand im strömenden Regen statt, und speziell unter widrigen Umständen mit rutschigen Straßen weiß man das Sicherheitsplus eines Dreirads immer wieder zu schätzen. Satte 280 Kilo bringt der 530 Exclusive auf die Waage, angetrieben vom Vierventil-Einzylinder, dessen Hubraum von 493 auf 530 Kubikzentimeter vergrößert wurde. Die Spitzenleistung blieb identisch – 44 PS bei 7250 statt 7750 Umdrehungen – das maximale Drehmoment wuchs um 2 auf 50 Nm bei 5250/min. Damit kommt der Brocken gut auf Trab, erreicht laut Zulassung 145 km/h Höchstgeschwindigkeit und lässt dank elektronischer Drosselklappensteuerung (Ride by Wire) nun die Wahl zwischen drei Fahrmodi, mit jeweils angepasster Traktionskontrolle.

          Eine klassische Schönheit wird aus dem Dreirädrigen nicht mehr werden, doch macht das entstaubte Design unserer Auffassung nach einen Riesensprung in die Gegenwart. Was den Luxus-MP3 im Alltag voranbringen wird, das sind der neu gestaltete, exzellenten Wetterschutz bietende Windschild, die überarbeitete, aufrecht entspannte Sitzhaltung, der große, illuminierte Stauraum unterm Sitz, der angenehmer positionierte Hebel der Feststellbremse, der Tempomat, das Keyless-System für Zündung, Sitzbank und Tankdeckel. Schnell und einfach erreichbar ist das Smart­phone­fach hinter der Windschutzscheibe. Ein Lichtsensor reguliert die Helligkeit des TFT-Displays. Per Smartphone-App lässt sich jede Menge Infotainment ins Cockpit spiegeln, Navigationshinweise inklusive. Schwach und nicht mehr zeitgemäß für einen nicht gerade billigen Technikbolzen: Die Blinker schalten nicht automatisch ab, Griff- und Sitzheizung kosten extra.

          Dann vielleicht lieber eine Nummer kleiner? Wer auf ein paar PS, auf Fahrmodi, Radar und Kameraauge verzichten kann, dem bietet Piaggio mit dem ebenfalls neu gestalteten, 20 Kilo leichteren MP3 400 hpe eine Alternative, wahlweise als Basismodell für 10.800 Euro oder in der Sportvariante für 11.300. Der 399-Kubik-Motor liefert laut Datenblatt 35 PS, 38 Nm und 135 km/h und begnügt sich nach Norm mit 3,8 Liter Benzin auf 100 Kilometer (530: 4,0 Liter). Rückwärts kann er auch – wenn man schiebt.

          Was uns zum Anfang zurückführt. Genau genommen ist es unerheblich, ob wir eine Rückfahrkamera für sinnvoll oder überflüssig halten. Forderung aus der Kundschaft, beteuern die Piaggio-Leute. Na dann.

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