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Pflicht, oder nicht? : Der Radweg, das unbekannte Wesen

  • -Aktualisiert am

Mit der Lichthupe gemaßregelt

Auf der Fahrbahn sind Radwege in zwei Formen vorgesehen: Als Radweg mit Benutzungspflicht ist der Radfahrstreifen mit einer durchgezogenen und daher nicht zu überfahrenden Linie abgetrennt und blau beschildert. Den sogenannten Schutzstreifen markieren ein Fahrradpiktogramm auf der Fahrbahn und eine unterbrochene Leitlinie. Die darf sowohl von den Radfahrern wie von den Autofahrern - ohne wechselseitige Gefährdung, versteht sich - überfahren werden. Wer tagtäglich eine Engstelle passiert, wo an beiden Fahrbahnrändern solch ein Schutzstreifen markiert ist, erlebt - als Radfahrer wie am Steuer des Autos -, dass die Praxis von Unsicherheiten geprägt ist. Die einen Autofahrer überholen im großen Bogen und vertrauen darauf, dass der motorisierte Gegenverkehr Platz macht, indem er auf den Schutzstreifen ausweicht. Andere Autofahrer fahren langsam hinter den Radfahrern her, überholen nicht und werden dafür von Nachfolgenden mit der Lichthupe gemaßregelt. Die Rowdys drängeln die Radfahrer an die Bordsteinkante. Und wehe, ein Radfahrer bewegt sich nicht deutlich rechts von der Leitlinie!

Unsicher wirkt auch die Situation an und auf dem Radweg ohne Benutzungspflicht. Ein Praxisbeispiel: Die Straßenverkehrsbehörde schafft eine Tempo-30-Zone. Im Zuge dieser Maßnahme verliert vor der Haustür die Allee mit besonders breitem Mittelstreifen ihren Status als Vorfahrtsstraße; es gilt rechts vor links. Entlang der Richtungsfahrbahn der Allee kann an vielen Stellen links und rechts geparkt werden, teils in Parkbuchten, teils auf markierten Flächen der Fahrbahn. Der freie Straßenraum dazwischen hat etwa eine Breite von 5,50 Metern. Solange die Allee noch Vorfahrtsstraße war, verlief an ihr entlang ein verpflichtender Radweg, baulich angelegt durch Verbundsteine anderer Farbe als die des Gehwegs daneben. Entsprechend war die Beschilderung.

Hinweis, keine Verpflichtung: Piktogramm auf einem farblich abgesetzten Radweg

Eines Tages werden die blauen Radweg/Fußweg-Schilder entfernt. Ein freundlicher Herr von der Straßenverwaltung, der die Fortschritte der Tempo-30-Zone visitiert, erklärt: In einem Gebiet, wo Tempo 30 gilt, sind keine Radwege vorgesehen. Hätte er doch gesagt: Keine Radwege mit Benutzungspflicht. Denn der - mal mehr, mal weniger gut - äußerlich erkennbare Radweg verwandelt sich nicht in einen Fußweg. Er bleibt Radweg, wird allerdings zu einem ohne Benutzungspflicht. Das heißt: Man kann ihn benutzen, muss es aber nicht. Der Fußgänger, der vom Gehweg einen Schritt in Richtung Fahrbahn macht und telefonierend neben seinem am Straßenrand geparkten Auto stehen bleibt, behindert den Postboten, der auf dem Radweg entlang kommt. Der Mann mit seinem Lastenrad tut dasselbe, was auch viele Schulkinder in dieser Allee tun: Er fährt nicht auf der Fahrbahn, wo er es dürfte und wo große Piktogramme mit dem Fahrrad ohne Pedale - ja, was eigentlich signalisieren?

Geisterradler in Mengen

Sie können ja wohl nicht bedeuten, dass der Radfahrer dort fahren muss, wo Autos, von denen keines Tempo 30 einhält, ihn hupend überholen. Sie warnen allenfalls den Autofahrer, dass ihm hier Radfahrer vor den Kühler geraten können. Der ortsfremde Autofahrer allerdings rechnet beim Abbiegen von und Einbiegen in die Allee kaum damit, dass zwischen ihm und den geparkten Autos Radfahrer auf dem Radweg herauskommen könnten. Als es noch die hoch montierten blauen Schilder gab, machten die einen wenigstens im Augenwinkel darauf aufmerksam, dass da ein Radweg sei. Dass die auf der Allee entlangkommenden Radler an manchen Kreuzungen wartepflichtig sind, wird ihnen wie den Autofahrern nur auf der Fahrbahn mit einem weißen Balken angedeutet. Auf dem Radweg nicht, da können sie sich immer noch auf der Vorfahrtsstraße wähnen.

Nebenbei: Für einen nicht benutzungspflichtigen Radweg gilt das Gleiche, was für einen mit Benutzungspflicht gilt: Sie befinden sich rechts von der Fahrbahn und sind in deren Fahrtrichtung zu benutzen, es sei denn, eine besondere Beschilderung gäbe einen links von der Fahrbahn liegenden Radweg gegen die Fahrtrichtung frei. Auch diesbezüglich ließen die - immer in die erlaubte Richtung zeigenden - blauen Schilder keinen Zweifel aufkommen. Dass sich Groß und Klein in der Allee - vor allem ihrer Breite wegen - darum wenig scheren, war schon so, als die blauen Schilder noch hingen, und hat sich seitdem kaum geändert: Geisterradler in Mengen.

Radwege ohne Benutzungspflicht sollten auf alle Fälle gekennzeichnet werden. Diese Kann-Vorschrift hätte eigentlich in der Allee dazu führen müssen, dass die Piktogramme auch auf den Radwegen angebracht werden. Aber da das nicht geschah, regiert unbeschwerte Wahlfreiheit: Die einen erinnern sich, dass hier ein Radweg war, andere erkennen ihn nicht.

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