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Pedelec mit Brennstoffzelle : Mit dem Wasserstofffahrrad um die Ecken gezischt

  • -Aktualisiert am

Nicht schön, aber innovativ: Pedelec von Linde Bild: Pardey

Linde baut ein Pedelec mit Brennstoffzelle als Versuchsträger. Tank und Brennstoffzelle sind nur an einen Rahmen geschraubt. Es faucht und fährt.

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          Als Fahrradfreund das „H2 Bike“, das Brennstoffzellen-Pedelec von Linde, nicht nur auf schicken Bildern, sondern in natura zu sehen, heißt, sich zu sagen: O.k., das da ist doch nicht einmal ein Prototyp, das ist erst einmal nur ein Versuchsträger. Diese Technik müsste noch vollkommen anders in das Rad, das meint: in die Linien eines Rahmens integriert werden. Tank und Brennstoffzelle, das ist hier - anders als der Motor - doch alles nur drangeschraubt an einen Rahmen, dessen Form von Rädern der Marke Cannondale bekannt ist. Sorry, aber da müsste dringend ein Fahrradmensch ran.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Der allererste Eindruck, während das Rad hinaus auf die Straße geschoben wird, ist dann aber: Es sieht viel schwerer und unhandlicher aus, als es tatsächlich ist. Es fühlt sich eigentlich an wie die meisten Elektrofahrräder. Es wird ja auch, bis auf ein paar Kleinigkeiten, dank des Standard-Antriebs von Bosch (Performance Line), ganz genauso bedient. Intuvia, das vertraute Display, zeigt: Saft ist da, wir starten mit mittlerem Unterstützungsgrad, der Motor meldet sich mit moderatem Zusatzschub zur Stelle, und alles ist wie immer in diesen elektrischen Zeiten. Doch auf dem Unterrohr steht: „I run on hydrogen“. Merken lässt sich davon auf den ersten Kilometern hinaus aus dem Gallusviertel in den Frankfurter Westen rein gar nichts: ein Pedelec wie alle Bosch-Bikes.

          Rad mit Brennstoffzelle und Wasserstofftank
          Rad mit Brennstoffzelle und Wasserstofftank : Bild: Pardey

          Dann aber, auf einem Radweg neben einem belebten Trottoir, geschieht völlig Unerwartetes: Erschröckliches, mit diesem altertümlichen Wort ist es am besten beschrieben. Es zischt nicht nur, plötzlich faucht ein halbes Dutzend Kampfkater unter dem Sattel und zwischen den munter pedalierenden Beinen. Dieses Fauchen ist so laut, dass es nicht nur den damit noch nicht vertrauten Fahrer ein wenig beunruhigt, sondern auch ältere Damen auf dem Gehweg nebenan einen kleinen Satz mit ihrem Rollator tun lässt. Und gleichzeitig hat der kurzbehoste Fahrer das Gefühl, ihm werde ans Bein - nun ja, ein wenig feucht gespritzt. Tatsächlich münden da zwei Schläuchlein ins Freie, und aus denen tropft und spuckt es mit Geräuschen, als ob ein Fünfjähriger mit einem Strohhalm den letzten Rest Cola aus dem Becher schlürft.

          Nach einiger Zeit verstummt das Fauchkonzert der Brennstoffzelle wieder, das Batteriesymbol im Display zeigt einen neuen Füllstand, und das H2 Bike fährt sich wieder wie ein anderes Pedelec mit Boschmotor. Die anfängliche Sorge, durch den voluminösen Wasserstofftank werde das Rad unhandlicher, bestätigt sich nicht. Bloß ein Vorbehalt bleibt: Nein, eine Schönheit ist dieses Rad nicht.

          Als Wärmetauscher dient das obere Rahmenrohr

          Aber, auf seine Weise, ein kleines Wunderwerk der Technik. Statt einen großen Akku mitzuschleppen, erzeugt sich das Linde-Rad seinen Strom selbst aus Wasserstoff und Luftsauerstoff, der durch ein Gebläse eingesogen wird. Damit hätten wir den Übeltäter entlarvt, die von Baltic Fuel Cells in Schwerin hergestellte Brennstoffzelle selbst faucht nicht, sie funktioniert wie ihre größeren Geschwister in Automobilen, nur halt im Miniaturformat. Als Elektrolyt wird eine ionenleitende Kunststofffolie verwendet. Etwa die Hälfte der im Wasserstoff enthaltenen Energie wird in Strom umgewandelt, die andere in Wärme, die irgendwo hinmuss. Als Wärmetauscher dient das obere Rahmenrohr - daher also das warme Gefühl zwischen den Beinen.

          Als Abfallprodukt entsteht nichts als Wasser, das Rad ist also emissionsfrei. Hinsichtlich des Wasserstoffs gilt das nur eingeschränkt, er wird bis heute zum weitaus größten Teil aus Erdgas hergestellt. Als Energiequelle hat er seine Vorteile, er ist sauber und hat in Bezug auf das (niedrige) Gewicht einen viel höheren Energiegehalt als etwa Benzin. Bedenkenträger können sich beruhigen: H2 ist im Fall eines Lecks weniger gefährlich als Erdgas.

          Reichweite bis zu 100 Kilometer

          Der Druckbehälter erinnert aus der Ferne an eine Thermoskanne, er fasst gut 1,3 Liter, das entspricht bei einem Druck von maximal 340 bar einem Energiegehalt von rund 1000 Wh. Das ist für ein E-Bike viel, Linde verspricht eine Reichweite bis zu 100 Kilometer - abhängig natürlich davon, wie viel Kraft der Radfahrer seinem Hilfsmotor abfordert. Wie viel bleibt, lässt sich mit etwas Übung am Manometer ablesen, das am Behälter den aktuellen Druck anzeigt. Mehr wäre möglich, mit heutiger Technik sind sogar 700 bar beherrschbar, allerdings mit überproportional steigenden Kosten. Und was ist, wenn der Tank leer ist? Man könnte sich an einer heimischen Tankstelle mit 20 Liter Inhalt bedienen, stellt sich Linde vor. Das dauert sechs Minuten.

          Ganz ohne Batterie geht es trotzdem nicht. Die Brennstoffzelle muss erst auf Betriebstemperatur kommen, was je nach Außentemperatur ein paar Minuten dauern kann. Der Antrieb wird so lange aus einer Pufferbatterie mit 60 Wh Kapazität gespeist. Die Elektronik regelt, wann sich die Brennstoffzelle zuschaltet - also dann, wenn es der Fahrer nicht erwartet, deshalb das plötzliche Entsetzen unterwegs. Das ganze Ensemble wiegt nicht mehr als 3,7 Kilo, das liegt im Rahmen dessen, was sonst im Pedelec an Batterien mitgeführt wird. So kommt das ganze Rad auf 23,6 Kilogramm, auch das ist nicht ungewöhnlich.

          Ungewöhnlich dürfte freilich der Preis sein, wenn es denn einen gäbe. Das Wasserstofffahrrad soll ja nur zeigen, was möglich ist. Geplant ist eine Pilotserie von hundert Stück, mit denen Politiker herumfahren dürfen. Die gute Nachricht für alle Interessenten: Laut Linde wäre in Serienproduktion ein vierstelliger Preis möglich. Das wird noch dauern. Da bleibt noch Zeit, an der Optik zu feilen.

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