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Open Air : Die lange Rückkehr des Cabrios

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So wird der Alltag überlistet: Der offene Alfa Romeo von einst,... Bild: Hersteller

Das Auto läuft im Wind. Und es wurde nicht als verlötete Büchse erfunden: Zur Lage des Cabrios und ein Ausflug in die Geschichte des offenen Käfers. Denn aus dieser Zeit ist die Pflicht zur Schönheit geblieben.

          Käfer Cabrio im Erstbesitz: das bedeutet, dass der Eigner schon vor mindestens 30 Jahren große Weitsicht und feinen Geschmack besaß. Auch abzulesen an der Farbe Bronzemetallic, wäre peinlich am zeitgeistigen Objekt, brilliert am gereiften Kugelmugel.

          Der zeitgerechte Erwerb war kein Zufall: Ende der 1970er Jahre kämpften tapfere junge Motorjournalisten (allen voran in Österreich, damit auch das gesagt ist) um nichts Weniger als die Rettung der gesamten Spezies Cabrio. Die Bedrohung kam von grassierendem Spießertum, handfester noch von den US-Behörden: Offene Autos würden die kommenden Vorschriften nicht erfüllen können.

          Tatsächlich war ein totaler Produktionsstopp für Cabrios denkbar. Das Dilemma löste sich schließlich auf in jene Steifigkeits- und Sicherheitsmerkmale, die wir heute als Standard kennen, die auch den Mehrpreis der Cabrios gegenüber den verlöteten Büchsen ausmachen. Um beim Käfer Cabrio zu bleiben: Die Steifigkeit ist tatsächlich ein Witz, jeder Kanaldeckel walkt das ganze Auto durch, oh welch charmantes Erzittern, da fehlt dem heutigen Automenschen eine ganze Skala feinster Vibrationen. Und Crashtest-Mutmaßungen will natürlich auch keiner wissen, jetzt nicht mehr.

          ...der genial-schlichte Mazda MX-5,...

          Die Pflicht zur Schönheit

          Wenn es bis zum Ordnungsruf der Amerikaner genügt hatte, einfach das Dach wegzulassen, so musste nun das Cabrio von innen her neu erfunden werden. Im Rückblick eine nur mittelschwere Übung, aber in den Achtzigern musste man den Autofirmen zureden wie kranken Pferden, doch bitte, bitte an die Nische Cabrio zu glauben. Der Kernsatz unserer Bewegung für das Kulturgut Cabrio war: Das Auto läuft im Wind. Das Automobil wurde nicht als verlötete Büchse erfunden. Es dauerte erst einmal gut dreißig Jahre, bis geschlossene Autos ernsthaft im Angebot waren, und zehn weitere Jahre, bis sie langsam die Überhand gewannen. Aber als dann endlich aus klobigen Formen charmante Gefährte wurden, ließ sich diese neue Ästhetik mit Cabrios leichter pflegen als mit den Büchsen. Aus dieser Zeit ist die Pflicht zur Schönheit geblieben. Ein „schiaches“ Cabrio ist sinnlos, man braucht das nicht zu zerreden.

          Wir haben in unseren Kampftagen auch stark die These vertreten, dass das offene Fahren bessere Menschen aus uns macht. Wer fünfmal täglich in der Büchse Trottel rief, weiß nach dem ersten Cabrio-Tag, welch Adel an Gesinnung ihm widerfahren ist, seit ihm an der Kreuzung jeder Fußgänger an den Scheitel kann, vom listenreichen Radfahrer nicht zu reden.

          So verspielt und voller Zärtlichkeit

          Die Welt hat inzwischen Kenntnis, dass der Kampf ums Cabrio 1990 als gewonnen gelten konnte, Mazda hatte die Chance am schnellsten kapiert und mit dem MX-5 das ganze Genre einfach neu erfunden. Schlichte Gemüter wie der Cabriofahrer-an-sich kamen bei der folgenden Explosion des Marktes ins Staunen und Grummeln. Zuerst die Elektrifizierung der Riesenwelle am Stoffdach, dann die diversen Klappdach-Varianten. Denen konnten wir nicht ganz böse sein, denn sie begründeten immerhin eine eigene ästhetische Kategorie, so verspielt und voller Zärtlichkeit im Fressen und Gefressenwerden der metallenen Happen, dass wir eine Ahnung von strezzatura bekamen, lang bevor noch das Wort herüberschwappte.

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