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Oldtimer-Messe : Preise, die durch die Decke gehen

Bild: dpa

Die Messe Techno-Classica ist ein Schaufenster auf einen überhitzen Markt für klassische Autos. Sechsstellige Preise sind nicht selten. Wann platzt die Blase?

          Das Interesse am alten Auto war in Deutschland noch nie so groß wie heute. Weit mehr als 300 000 Autos mit H-Kennzeichen sind angemeldet, jedes Jahr kommen gut zehn Prozent dazu. Nicht mitgerechnet sind andere historische Kraftfahrzeuge wie Nutzfahrzeuge, Zugmaschinen oder Motorräder, gut 40 000 davon gibt es. Und das sind jeweils nur die zugelassenen. In den Garagen schlummern wahrscheinlich noch einmal so viele.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Dass das alte Auto so im Trend liegt, hat auch mit der Nullzins-Situation zu tun. Das Geld sitzt einfach lockerer, wenn es auf dem Konto keine Erträge bringt. Und ein Oldtimer ist immer ein Sympathieträger - angefeindet wird man in einem alten Auto eigentlich nie, auch wenn es sehr teuer war und noch nicht einmal einen Katalysator hat. Wie teuer es war, wissen die wenigsten, auch das kann attraktiv sein.

          Viel Geld ist also im Umlauf, um die Oldtimerei herum hat sich in den vergangenen Jahren eine veritable Branche entwickelt. Am alten Auto lässt sich manches Sümmchen verdienen, mit dem Handel, dem Zubehör, den Ersatzteilen und selbstverständlich mit den Reparaturen oder gar den Restaurationen. Selbst um den Mechaniker-Nachwuchs muss man sich keine Sorgen mehr machen: Inzwischen gibt es eine Ausbildung zum Mechatroniker mit dem Schwerpunkt klassische Fahrzeuge. Dann wird doch wieder gelehrt, wie ein Vergaser eingestellt wird.

          Mehrere Oldtimer-Messen haben sich inzwischen in Deutschland etabliert; die Techno-Classica in Essen ist diejenige mit der größten Tradition, sie findet seit 1989 statt, also jetzt zum 28. Mal. Älter ist allerdings die Freiluft-Messe Veterama in Mannheim, die seit 1976 existiert. Dieses Jahr ist es wieder im Oktober so weit, rund 50 000 Besucher werden erwartet.

          Wird bald wieder wie neu sein: Land Rover Serie 1 Bilderstrecke

          Nach Essen kommen viermal so viele Interessierte, die Messe dauert allerdings nicht nur ein Wochenende, sondern fünf Tage. Der Mittwoch ist seit geraumer Zeit Vorschau-Tag, ab 14 Uhr können die Fans zum erhöhten Eintrittspreis von 45 Euro aufs Gelände, bis 20 Uhr. Reduzierte Karten gibt es keine. Sonst kostet das reguläre Tagesticket 25 Euro. Schon am Mittwochnachmittag war die Messe voller Menschen. Das Publikum ist noch männlicher und älter als auf Automessen ohnehin. Frauen sieht man kaum. Eines ist klar, die Messe ist auch eine Verkaufsmesse, wer einen guten Fang machen will, muss früh kommen, sonst ist die Messe gelesen.

          Das Preisniveau ist jedoch extrem hoch, so hoch wie selten. Wer durch die kleinteiligen 21 Hallen schlendert oder manchmal auch irrt - das Messegelände am Grugapark besticht nicht durch Übersichtlichkeit -, fragt sich sofort, wer das nur bezahlen soll. Schilder mit sechsstelligen Preisen sind beinahe die Regel, nicht die Ausnahme. Und auch sonst ist das Niveau hoch. Man sieht Käfer, für die 59 000 Euro verlangt werden, an Preise um 60 000 oder mehr für alte VW-Busse hatte man sich ja schon gewöhnt.

          Hübsch ist der kleine Vespa 400 mit seinem Rolldach, ein Wägelchen wie das Goggomobil, eher noch winziger. Es ist restauriert, die Kleinigkeit von 28 900 Euro steht auf dem Preisschild. Den Vespa entdecken wir auf dem Freigelände zwischen den Hallen. Hier stehen die angeblichen Schnäppchen. Eine schwarze Corvette von 1972 soll 25 800 Euro kosten. Daneben ein Mann, das Handy am Ohr. „Hier ist eine tolle Corvette, bring das Geld, die müssen wir sofort kaufen.“ Angeblich hat im vergangenen Jahr ein Händler auf der Messe gleich zwei alte Pagoden-SL gekauft, am ersten Tag. Am zweiten Tag standen sie immer noch da, nur hatte sich der Preis jeweils verdoppelt. Man kann es ja mal versuchen. Klassik-Experte Frank Wilke beschwichtigt: Das Platzen der Blase, von manchem schon heraufbeschworen, sei noch lange nicht zu erwarten. Es werde nur sehr gezielt gekauft und fast nie mit geliehenem Geld. Wirklich außergewöhnliche Summen gebe es nur für wirklich außergewöhnliche Autos. Der Rekord für 2015 steht übrigens bei 28 Millionen Euro für einen Ferrari von 1955.

          Beinahe jeder dritte Autofahrer hätte gern einen Oldtimer

          Immerhin 27 Prozent der deutschen Autofahrer hätten gern einen eigenen Klassiker, will eine Allensbach-Studie wissen. Das Potential ist also da, und wer sich in Essen umschaut, sieht sich bestätigt. Geteilt wird die Liebe zum betagten Blech längst auch von den Neuwagen-Bauern. Die deutschen Hersteller Mercedes-Benz, BMW, Audi, Opel, Ford, Porsche und VW sind alle dabei, aber auch Śkoda, Seat, Jaguar, Land Rover, Fiat, Alfa Romeo und andere zeigen Flagge. Sie alle haben etwas, was zum Beispiel die asiatischen Hersteller in dem Maße nicht haben: Tradition.

          Und sie versuchen daraus Kapital zu schlagen, die Liebe zum Alten mit der Lust nach dem Neuen zu verknüpfen. Volvo feiert Deutschland-Premiere seiner nagelneuen Modelle S90 und V90. Chefdesigner Thomas Ingenlath reiste eigens aus Schweden an, um ausgesuchten Kunden die Design-Parallelen zwischen gestern und heute aufzuzeigen. So sei der aktuelle Grill an den modernen Volvo mit dem großen Emblem und der Diagonale vor den „Wasserfall-Streben“ fast so wie vor 80 Jahren. Der für Ingenlath schönste klassische Volvo, das P-1800-Coupé (1961 bis 1971), wird am Stand leider vermisst. Die ES-Variante („Schneewitchensarg“) fehlt aber nicht. Sie steht neben einem 850-Kombi, einem Youngtimer aus den neunziger Jahren. Mit ihm begann die Ära der vertikalen Heckleuchten in der C-Säule, so wie man sie im Prinzip heute noch in den Volvos findet, erklärt Ingenlath.

          Der aktuelle V90, der im Herbst als Nachnachfolger des 850 auf den deutschen Markt kommt, hat freilich viel verspieltere Lichter und ein eher schräges Heck, während der 850 noch den 90-Grad-Abschlusswinkel feiert. Ingenlath wehrt sich gegen den Vorwurf, das sei „Lifestyle“, obwohl die Schlusskante schon im Vergleich zum V70 um 25 Grad mehr geneigt sei. Es sehe schlicht besser aus, das habe mit Lifestyle nichts zu tun. Und weil der V90 glatte 20 Zentimeter länger ist als der bisherige V70 (der eher durch den kommenden v60 ersetzt wird), könne man sich das auch aus praktischen Gesichtspunkten leisten. Platz sei dennoch in Hülle und Fülle.

          Wenn der Preis zweitrangig wird

          Bei den Kollegen von Land Rover ist der Abschied vom Defender Ende Januar immer noch nicht verarbeitet. Solihull ist jetzt der ungewöhnlichen Idee verfallen, alte Serie-1-Land-Rover (1948 bis 1958) wiederauferstehen zu lassen. Es soll eine „Serie“ von 25 Stück geben, alte Fahrzeuge wurden angekauft, und sie werden möglichst originalgetreu im Werk restauriert. Das Referenz-Fahrzeug, das sein Leben in Australien verbrachte, ist schon fertig und steht auf dem Stand in Essen wie neu. Es ist ein Experiment, sagt Tim Hannig, bei Land Rover für diese Aktivitäten verantwortlich. Die 25 Einheiten baue man auf jeden Fall, wenn der Kunde es annimmt, mache man weiter. Preise? 60 000 Pfund und aufwärts, ohne das Basis-Auto.

          So abschreckend können die hohen Preise nicht sein, sie werden ja anscheinend bezahlt. Ein Kunde für das zweite Modell aus den 25 - es ist ein in Spanien gekaufter Santana-Land-Rover - fand sich schon am Mittwoch.

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