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Öko-Rallye „Extreme E“ : Super-SUV als Bote einer besseren Zeit

  • -Aktualisiert am

Will weit hinaus: Einer der ersten Prototypen der neuen Rallye Bild: Geiger

Es klingt, als würde Greenpeace die Camel Trophy wiederbeleben: In zwei Jahren wollen die Macher der Formel E eine Öko-Rallye an den entlegensten Ecken der Welt starten. Natürlich mit Elektroautos.

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          Zu schwer, zu durstig und hoffnungslos überqualifiziert – der Geländewagen ist das Blech gewordene Feindbild der Umweltbewegung und der Klimaschützer. Doch wenn es nach Alejandro Agag geht, soll er jetzt sogar zum Boten einer besseren Zeit werden. Unter dem Namen „Extreme E“ plant der Spanier nicht weniger als eine Öko-Rallye, gegen die Wettfahrten wie die selige Camel Trophy, die Baja California oder die Rallye Dakar nach Kindergarten klingen. Am Nordpol, am Amazonas, auf Grönland, im Himalaya oder in der Sahara sollen schon bald elektrische Super-SUV gegeneinander fahren und dabei nicht nur sportliche Hochspannung bieten, sondern auch auf den Klimawandel, die Plastikmüllflut oder die Abholzung des Regenwaldes und die Gefahren für solche empfindlichen Ökosysteme aufmerksam machen.

          Zwar klingt das nach verwegener Träumerei. Doch Agag weiß offenbar, was er tut. Schließlich hat der Multimillionär und Motorsport-Impresario schon die Formel E aus der Taufe gehoben und aus der Nischenveranstaltung eine zukunftsträchtige Rennserie gemacht: Mittlerweile stehen 13 Rennen im Kalender und mit DS, Jaguar, Audi, Renault, Mahindra und Nio sind schon eine Reihe von Fahrzeugherstellern und -marken an Bord. Im nächsten Jahr stoßen noch Porsche, BMW und Mercedes-Benz dazu – mehr Konkurrenz gibt es weder in Le Mans noch in der Formel 1 oder auf der Dakar.

          Die Idee für die zweite Elektro-Serie ist Agag schon kurz nach dem Start der Formel E gekommen. „Denn wir haben eine Möglichkeit für Autos gesucht, die zumindest halbwegs seriennah aussehen und so ein breiteres Publikum begeistern können“, sagte er bei der Vorstellung der Serie. So kamen er und sein Compagnon, der frühere Indy-500-Sieger und McLaren-Teamchef Gil de Ferran, auf das SUV. So wie die Formel E mit den Innenstadtrennen neues Terrain erobert hat, wollten die beiden mit Extreme E im Gelände Neuland befahren. „So kam eines zum anderen, und die Ziele wurden immer extremer und exotischer.“

          Wenn es nach Alejandro Agag geht, soll er zum Boten einer besseren Zeit werden. Bilderstrecke

          Zugleich hat Agag mit diesem Ansatz ein paar ungewöhnliche Mitstreiter ins Boot holen können. So wird die Serie unterstützt und begleitet vom berühmten britischen Entdecker und Umweltaktivisten David de Rothschild, die mediale Vermarktung der vermutlich zumeist ohne Zuschauer zu fahrenden Rennen im Nirgendwo übernimmt der Filmemacher Fisher Stevens, der für seine Umwelt-Dokumentationen schon einen Oscar bekommen hat.

          Dass Agag diese grünen Experten im Boot hat, kann man dabei durchaus wörtlich nehmen. Denn um die Logistik an den entlegensten Winkeln der Welt in den Griff zu bekommen und den CO2-Fußabdruck der Rallye durch den Verzicht auf Lufttransporte zu reduzieren, hat Agag das ausrangierte Postschiff St. Helena gekauft, das jetzt für mehrere Millionen Pfund zum schwimmenden Fahrerlager und zur mobilen Forschungsstation umgebaut wird – einen sauberen Antrieb inklusive. „Das wird so etwas wie die zweite Calypso“, sagt Agag mit Blick auf das Mutterschiff des Meeresforschers Jean-Michel Cousteau.

          Wenn die Serie im Januar 2021 startet, wird das Reglement mit einem mehrstufigen Ausscheidungsprozess ganz anders sein als in der Formel E. Und weil Agag auf Gastfahrer zum Beispiel aus der Formel 1 hofft, belässt er es zunächst bei fünf Rennen pro Saison. Doch zumindest technisch übernimmt der Spanier das Konzept aus der Formel E: Gefahren wird mit einem Einheits-Auto, das wie die Formel-Fahrzeuge von Spark Racing gebaut und mit Batterien von McLaren bestückt wird. Aussehen soll es wie ein Serien-SUV, und angetrieben wird es von zwei Elektromotoren, die zusammen rund 400 kW (644 PS) leisten sollen.

          Zurzeit werden die ersten Prototypen getestet, im Sommer 2020 soll mit dem Bau von einem Dutzend Fahrzeugen begonnen werden, zum Jahreswechsel will Agag den Teams ihre Boliden übergeben – wenn er bis dahin seine Teams zusammenhat. Denn bis dato gibt es zwar angeblich viele Gespräche, aber noch keine Unterschriften. Doch das Interesse bei den Herstellern und Zulieferern ist groß, sagt der Veranstalter und meldet zum Beispiel stolz den deutschen Reifen- und Technologie-Konzern Continental als einen der Gründungspartner.

          Selbst wenn ihm zum Beispiel Audi trotz der langen Rallye-Historie und des Fokus auf die Quattro-Technik schon eine Absage erteilt hat und Jaguar-Land-Rover trotz des frühen Engagements in der Formel E und der Tradition der Camel Trophy kein Interesse hat, denkt zum Beispiel Audi-Partner Abt sehr wohl über einen Einstieg nach: „Wir waren bei der Formel E vom ersten Rennen an dabei und würden auch bei der Extreme E gerne wieder eine Pionierrolle einnehmen“, sagt Sportdirektor Thomas Biermaier und ist schon auf der Suche nach den passenden Partnern im VW-Konzern. Was ihn dabei reizt? Natürlich nennt er pflichtschuldig die Werbung für den Klimaschutz und die Elektromobilität. Doch vor allem fasziniert ihn an der Serie etwas ganz anderes: „Der wahre Reiz ist, dort zu fahren, wo noch kein anderer je zuvor gefahren ist.“

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