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Oberleitungsbusse : Draht statt Diesel

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Strom-Abnehmer: Bisher haben Obusse wie dieser noch einen Diesel-Hilfsantrieb für Streckenabschnitte ohne Oberleitung. Künftig sollen sie dank eingebauter Speichertechnik überall in Solingen ausschließlich elektrisch fahren können - ohne dass das Oberleitungsnetz erweitert werden müsste. Bild: Edgar Schoepal

Der Klimaschutz macht den Obus wieder interessant. Mit Strom aus der Oberleitung lassen sich während der Fahrt Akkus aufladen für Strecken ohne Fahrdraht. Solingen will auf diese Weise alle Dieselbus-Linien abschaffen.

          In der bergischen Großstadt am Rande der Rheinschiene nennen sie ihn liebevoll-ironisch „Stangentaxi“. Seit 1952 ist Solingen Obus-Stadt, betreibt seit langem das mit Abstand größte deutsche Netz von Trolleybussen, wie die Busse mit den an die Oberleitung angelegten Stromabnehmer-Stangen international heißen. In Deutschland fahren Obusse außerdem nur noch in Eberswalde und Esslingen. In Solingen gibt es sechs Linien quer durch die Stadt, einen Fuhrpark von rund 50 Obussen. Als Unternehmensberater vor einigen Jahren die in vielen anderen deutschen Städten längst vollzogene Umstellung auf kostengünstige Dieselbusse empfahlen, ging ein Grummeln durch die Kundschaft – so hörbar, dass die Politik die Pläne schnell begrub.

          Heute, im Kampf gegen CO2 und andere Emissionen, entpuppt sich das beharrliche Festhalten am elektrischen Bussystem als Chance für einen klimaneutralen Nahverkehr mit der Jahrzehnte bewährten Trolleybus-Technik. Mit ihrem „BOB“, dem Batterie-Obus, wollen die Solinger die zweite Hälfte des Fuhrparks, knapp 50 Dieselbusse, ersetzen. In einigen Jahren sollen alle derzeitigen Diesellinien emissionsfrei gefahren werden – auch auf Strecken ohne Stromversorgung aus der Oberleitung. Die Idee weckt weltweit Interesse: Die internationale Vereinigung „trolley:motion“ listet exakt 299 Städte auf, die gewissermaßen dem Obus die Stange halten. Am 21. und 22. November treffen sich die Fachleute nun zu einer E-Bus-Konferenz in Solingen und begutachten die dortigen Pläne.

          Im Prinzip funktioniert das ganz einfach: Da in Solingen fast alle Hauptstraßen elektrifiziert sind, fahren Dieselbusse Teile ihres Weges unter der Oberleitung. Dort können die BOBs künftig die Stangen an den Fahrdraht legen. Sie holen sich dort nicht nur die Energie für den Antrieb, sondern laden zugleich an Bord eine Hochleistungsbatterie auf. Zusätzlich gespeist wird sie durch die „Re-kuperation“, die Rückgewinnung von Energie beim Bremsen. Sobald der Linienweg des Busses dann das Oberleitungsnetz verlässt, werden die Stangen vom Fahrer per Knopfdruck heruntergefahren, und der Akku übernimmt die Versorgung des elektrischen Antriebs.

          Hightech im Heck: In den Hochleistung-Akkus speichert der Solinger Batterieobus BOB die während der Fahrt gewonnene Energie aus der Oberleitung, um sie für den Elektroantrieb außerhalb des Fahrdrahtnetzes einzusetzen.

          Premiere wird nächstes Jahr auf einer Linie sein, die zwei Außenbezirke mit der City verbindet und im Zentrum unter dem Fahrdraht von Obus-Linien unterwegs ist. „Wir wollen vom heutigen Zwei-Bus-System zum ökologischen Ein-Bus-System kommen“, sagt Conrad Troullier, Chef des Stadtwerke-Verkehrsbetriebs. Und das, ohne die Oberleitungs-Infrastruktur zur erweitern: „Dazu müssen wir erreichen, dass unsere heutigen Diesel-Linien mit der künftigen BOB-Generation etwa 30 Prozent ihrer Strecke unter dem Fahrdraht zurücklegen. Dann haben wir genug Strom für die nichtelektrifizierten Außenäste.“ Um das hinzubekommen, muss das gesamte Liniennetz auf den Prüfstand.

          Vier BOBs kurven bisher durch Solingen, im Praxistest als klassische Obusse. Ihre speziellen Fähigkeiten sind aber schon gefragt: Eine Linie wird seit einigen Jahren an beiden Enden über die Strecke mit Oberleitung hinaus fortgeführt. Bisher müssen die Busfahrer für die Weiterfahrt dort den Diesel-Hilfsmotor anwerfen, mit den neuen Bussen geht’s elektromobil weiter.

          Der Schritt zum elektrischen Ein-Bus-System in Solingen ist ein Forschungsvorhaben, das mit gut 15 Millionen Euro vom Bundesverkehrsministerium gefördert wird. Beteiligt sind Verkehrsfachleute, Energieversorger, Berater und die Bergische Universität in der Nachbarstadt Wuppertal. Es gehe, so die Bergische Gesellschaft für Ressourceneffizienz als einer der Projektpartner, um einen „ganzheitlichen Ansatz zur Verknüpfung und Optimierung von Verkehrs- und Energiefragen“. Obus-Chef Troullier spricht von der „Sektorenkopplung von Verkehr und Mobilität“. Im Klartext: Wenn immer mehr Busse Energie aus dem Stromnetz tanken, werde eine intelligente, digital gesteuerte Optimierung der Versorgung erforderlich, neudeutsch ein Smart Grid. Unter der Überschrift „Smart Trolley System“ wird dafür ein Zusammenspiel mit dem Mittelspannungsnetz der Energieversorger angestrebt, in dem der Stadtwerke-Betrieb nicht nur Verbraucher, sondern auch Stromlieferant sein könnte, etwa für E-Autos und Pedelecs. Denkbar sei aber auch die umgekehrte Richtung – dass die Solinger Bürger über Photovoltaikanlagen Strom für ihre Stangentaxis liefern.

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