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Nuccio Bertone : Die heiße Sehnsucht des jungen Couturiers

  • -Aktualisiert am

Futuristischer Bertone-Keil Bild: Archiv Schinhofen

Nuccio Bertone war beim Automobildesign der Meister harter Konturen und scharfer Kanten. Der einzigartige „Stile Bertone“ prägt bis heute manche Marke. Und Bertone transferierte seine Ideen nicht nur in die Form von fahrfähigen Prototypen.

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          Turin, Hauptstadt des Piemont und Zentrale des Fiat-Imperiums, konzentriert, aus welchen Gründen auch immer, in seiner Bannmeile seit mehr als einem halben Jahrhundert jene innovativen Couturiers, die für die emotionalen Meisterwerke des Automobildesigns verantwortlich zeichnen. In dieser Tradition steht auch die Carrozzeria Bertone, im Jahr 1912 vom Stellmacher Giovanni Bertone gegründet. Der hochtalentierte Sohn und Nachfolger Giuseppe "Nuccio" Bertone entwickelt in den prosperierenden fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Unternehmen zu einer der ersten Adressen für aufregende Formensprachen und flexible Kleinserienfertigungen.

          Die große Zeit als eines der führenden Design-Ateliers Italiens beginnt für Nuccio Bertone auf dem Turiner Automobilsalon 1954. Die von ihm meisterhaft gezeichnete Alfa Romeo Giulietta Sprint überzeugt durch eine gestalterische Perfektion mit kompakten Abmessungen, modernen Proportionen und puristischen Linien. Im gelungenen Kontext mit der großzügigen Verglasung folgt dieses knapp geschnittene Alfa Coupé dem Diktat der aktuellen Gran-Turismo-Mode, die, kreiert von Felice Boano, die Welt des automobilen Designs prägen wird. Bertones Interpretation des neuen Themas gilt im Nachhinein als klassischer Repräsentant des italienischen Designs jener Epoche. Nuccio Bertone, ansässig in Grugliasco, nur wenige Kilometer westlich der ehemaligen Residenzstadt der italienischen Könige, arbeitet fortan für viele Unternehmen. Zu seinen Auftraggebern gehören Fiat, Lamborghini, Lancia, Citroën, Volvo oder BMW und Ferrari. Und unter der Regie des stets elegant gekleideten Firmenpatriarchen - das weiße Einstecktuch und die perfekt sitzenden, überwiegend dunkelblauen Maßanzüge sind sein Markenzeichen - entwickelt sich das Familienunternehmen zum innovativen Designstudio und kompetenten Partner für die industrielle Fertigung von kleinen Serien.

          Auf Wunsch produziert er die Kreationen auch

          Bertone transferiert seine Ideen nicht nur in die Form von fahrfähigen Prototypen. Auf Wunsch produziert er die Kreationen auch. Nach dem Giulietta Sprint zeichnet das Haus am Corso C. Allamano das Nachfolgemodell Giulia Sprint mit seiner charakteristischen Kantenhaube. Bertone bringt für NSU den kleinen Sport Prinz in Form, modelliert für BMW in den sechziger Jahren das große 3200 CS Coupé, Alfa Romeo 2000 und 2600 Sprint tragen ebenfalls das Bertone-Signet selbstbewusst an ihren Flanken. Im Styling-Center "Stile Bertone" arbeitet der Maestro immer wieder mit talentierten Nachwuchskräften. Franco Scaglione, Giorgio Giugiaro sowie Marcello Gandini perfektionieren hier ihre Talente. Auch Giovanni Michelotti und Sergio Pininfarina lassen sich, als freier Mitarbeiter oder Praktikant, zeitweise von Bertones Visionen inspirieren.

          Lancia Stratos von 1973
          Lancia Stratos von 1973 : Bild: Archiv Schinhofen

          Einen Meilenstein repräsentiert 1966 der Lamborghini Miura, dessen betörende Proportionen das Nachwuchstalent Marcello Gandini verantwortet. Zwei Jahre später signalisiert Bertones visionäres Styling für den Alfa Romeo Carabo den Beginn eines extrem keilförmigen, von scharfen Kanten und geometrischen Konturen geprägten Automobildesigns. Extremer Protagonist dieser Formensprache ist der Bertone-Stratos, wiederum erdacht von Marcello Gandini. Ohne Kompromisse realisiert der Bertone-Kreateur hier eine weit in die Zukunft weisende Studie, deren gestalterische Radikalität beeindruckt. Am 21. Februar 1971 startet offiziell das Projekt Stratos für eine Serienproduktion, verliert dabei an stilistischer Extravaganz, legt an Kraft zu. Während in der Studie noch der V4-Motor aus der Lancia Fulvia agiert, brüllt im Serien-Stratos eine potente Ferrari-V6-Motorisierung. Unter der leichten Kunststoffkarosserie garantiert ein tragendes Monocoque mit kräftigen Stahlkastenprofilen eine hohe Stabilität. Und die 495 Exemplare dieses die Rallye-Szene revolutionierenden Mittelmotor-Coupés entstehen im Bertone-Werk.

          Markant optischer Auftritt der Super-Sportler aus Sant'Agata

          Den angesagten Bertone-Stil perfektioniert 1971 der Lamborghini Countach, der für den markanten optischen Auftritt der Super-Sportler aus Sant'Agata bis heute prägend geblieben ist. Populäre Bertone-Kreationen sind in den Folgejahren das Fiat Dino Coupé, das Fiat Ritmo Cabrio und der Fiat X 1/9, man modelliert und produziert das Volvo 780 Coupé sowie den Ferrari Dino 308 GT. Später lässt Opel in Turin das Kadett Cabrio und die entsprechenden Astra-Derivate fertigen. Bis 2005, dann endet der letzte Großauftrag für den Couturier, auch das BMW-C1-Motorrad läuft hier vom Band. Der Trend der Autobauer, Nischenmodelle in Eigenregie zu fertigen, führt bei Zulieferern wie Bertone zu ernsthaften wirtschaftlichen Konsequenzen.

          Fiat-Chef Sergio Marchionne zeigt ein großes Herz: Im Oktober 2009 übernimmt Italiens Marktführer die verwaisten Produktionseinrichtungen von Bertone. Dem Vernehmen nach könnten hier individuelle Kleinserien auf Fiat-Basis entstehen - manche Gerüchte sprechen gar von ausgewählten Chrysler-Versionen für den europäischen Markt. Das "Stile Bertone" in Caprie vor den Toren Turins bleibt (noch) eigenständig, Nuccio Bertones Witwe Ermelinda (der Maestro stirbt 1997) leitet das Traditionshaus. Doch die großen Visionen der Vergangenheit bleiben wohl ohne Zukunft.

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