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NSU Sport Prinz Coupé : Der Prinz für kleine Fluchten aus dem grauen Alltag

  • -Aktualisiert am

Der schmucke NSU Sport Prinz Coupé gilt schnell als „Facharbeiterporsche” Bild: Archiv Dieter Günther

Ein italienischer Karosserieschneider zauberte aus dem hemdsärmeligen NSU Prinz ein fesches Coupé. Es wurde ein bildhübscher Zweisitzer mit lichtem Pavillon und sanft abfallender Dachpartie. Ein Sympathieträger!

          Erst die Pflicht, dann die Kür. Nach jahrzehntelanger Auto-Abstinenz verblüffen die NSU Werke Neckarsulm im September 1957 mit dem Prinz, einer kleinen Limousine von kerniger Wesensart und freundlicher Erscheinung. Gelungen, mehr nicht. Aber dann! Nur ein Jahr später heißt es Tusch und Applaus für das NSU Sport Prinz Coupé, einen bildhübschen Zweisitzer mit lichtem Pavillon und sanft abfallender Dachpartie. Ein Sympathieträger! Die juristische Vaterschaft an seiner romantischen Linienführung beansprucht, völlig einwandfrei, Carrozzeria Bertone für sich; aber es war Franco Scaglione, Chef-Designer des nahe Turin gelegenen Karosseriebetriebs, der den kleinen Schönling aus Neckarsulm modellierte.

          Technisch basiert der leistungsgesteigerte Sport Prinz auf der Limousine. So rumort nun ein luftgekühlter Zweizylinder-Viertakter unter seiner Heckklappe, ein von Schubstangen und einer obenliegenden Nockenwelle gesteuerter Parallel-Twin, der aus knapp 600 ccm Hubraum 30 PS (statt 20 bei der Limousine) holt. Verblockt mit Vierganggetriebe und Differential, entspricht der Zweitakter „in seiner Grundhaltung dem vielfach bewährten Motor der NSU Max“, einem Motorrad, schreibt Redakteur Hugo Seib vor einem halben Jahrhundert in dieser Zeitung. Eine Vorderradaufhängung an Querlenkern, hintere Pendelachse sowie Trommelbremsen, 12-Volt-Anlage und selbsttragende Karosserie bestätigen den Eindruck gehobener Technik. Was sich in Testberichten nur bedingt niederschlägt.

          Straßenlage, Handlichkeit und das geräumige, helle Cockpit mit halbrundem Tacho und Knüppelschaltung werden gelobt, die enttäuschende Verarbeitung der bei Bertone nicht nur entworfenen, sondern auch gebauten Karosserie moniert. Größter Schwachpunkt aber ist die mangelnde Fahrkultur - schicke Schale, rauher Kern - des kleinen Coupés. Auch Tempo 130, wie versprochen, sind nicht drin, der Tatendrang des Sport Prinz endet bei gut 120 km/h; Werksangaben erweisen sich eben gern als allzu optimistisch. Dass Prinz und Sport Prinz aber durchaus sportliche Gene in sich tragen, belegen Rallyes, Berg- und Rundstreckenrennen. In der Kategorie „Tourenwagen bis 600 ccm Hubraum“ am Start, hat die Prinzengarde oft genug die Nase vorn.

          Ein Ja zur Mobilität: Das praktische Coupé mit viel Platz für zwei

          Trumpf im Ärmel: den Wankel-Motor

          Die von Hugo Seib ausgemachte Nähe zum Max-Motor kommt nicht von ungefähr, NSU ist Mitte der fünfziger Jahre einer der weltgrößten Motorrad-Produzenten. Aber das Fundament des Erfolgs bröckelt. Motorräder - damals noch keine Lustobjekte mit Saisonkennzeichen, sondern Gebrauchsartikel - verkaufen sich zunehmend schlechter. NSU reagiert und versucht sich 1953/54 an der Max-Kabine, legt dies untaugliche Dreirad-Projekt aber schnell zu den Akten. Stattdessen schlägt die Stunde des intern A 602 genannten Prinz, der sich zügig zur Serienreife entwickelt und 1957 debütiert. NSU hat einen weiteren Trumpf im Ärmel: den Wankel-Motor. Die Lizenznehmer stehen Schlange, was den Aktienkurs in lichte Höhen treibt: Dümpelte das NSU-Papier 1957 bei 124 Mark, so steht es drei Jahre später bei 2995 Mark. Nicht nur bei Großaktionären knallen die Korken.

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