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Bugatti-Fabrik : Herr Pavesi und die Eimer

  • -Aktualisiert am

Romano Artioli, heute 86 Jahre alt, mit dem Bugatti EB 110 Bild: Jürgen Skarwan

Im norditalienischen Campogalliano rottet seit 1995 eine Bugatti-Fabrik vor sich hin. Ein paar Jahre wurden Supersportwagen gebaut, dann war Schluss.

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          Der italienische Geschäftsmann Romano Artioli, der sein Geld unter anderem mit dem Ferrari-Handel gemacht hatte, wollte Anfang der neunziger Jahre die Marke des Ettore Bugatti (1881 bis 1947) mit Hilfe von Lamborghini-Technikern wiederbeleben. Zunächst gelang das auch. Eine hypermoderne Fabrik ganz in der Nähe von Modena wurde aus dem Boden gestampft, etliche Supersportwagen wurden gebaut. Doch schon 1995 ging das neue Unternehmen in Konkurs. 1998 sicherte sich Volkswagen die Namensrechte. Der Konzern pflegt die Marke und baut gleichfalls teure Sportwagen.

          Aber für die Manufaktur in Campogalliano hatte VW keine Verwendung, sie verfällt seither. Sie ist eine einzigartige Zeitkapsel; Zeugnis von erwachsenen Spielkindern, technischem Sachverstand und verheerendem Management. Dass der automobile Jurassic Park nach knapp einem Vierteljahrhundert nicht völlig hinüber ist, daran hat ein Mann entscheidenden Anteil: Der ehemalige Mitarbeiter Ezio Pavesi verbringt auf dem 70 000 Quadratmeter großen Gelände in einem namenlosen Industriegebiet in der 8000-Einwohner-Gemeinde jede freie Sekunde – sieben Tage die Woche. Seine Frau hat sich längst daran gewöhnt, dass er manches Mal nachts aufsteht und zur Fabrik fährt.

          „Wenn es stark regnet, geht mein Vater rüber und stellt Eimer unter die zahlreichen Löcher im Dach und leert die Eimer, wenn es sein muss, auch mehrfach aus“, klärt sein Sohn Enrico auf. Insbesondere das Dach des ehemaligen Bugatti-Designcenters in Form einer Rotunde in der zweiten Etage des Hauptgebäudes hat mehr Löcher als das italienische Steuersäckel. In den Räumen der Geschäftsführung nebenan riecht es nach dem Muff von Jahrzehnten. Doch in den Bädern strahlt noch heute der Marmor. Seit dem September 1995 steht die ehemalige Vorzeigefabrik still. Der Tod deutete sich zwar an, er kam letztlich aber doch über Nacht. Es hängen in den leeren Werkshallen Wandkalender mit spärlich bekleideten Schönheiten – aufgeklappt der September 1995. Zeugnis einer besseren Zeit.

          Die seit 24 Jahren verwaisten Fertigungshallen des Bugatti EB 110 Bilderstrecke

          Gebaut wurde im Werk der Bugatti EB 110, wobei EB natürlich für Ettore Bugatti steht und die 110 für das damalige (1991) Jubiläum. Wie viele EB 110 direkt an der Autobahn zwischen Verona und Modena entstanden, weiß keiner genau. Es ist die Rede von rund 130 Fahrzeugen, 96 GT und 34 oder 36 SS. „Die letzten beiden Bugatti EB 110 wurden noch zusammengeschustert, als die Zwangsvollstrecker schon vor dem großen Eingangstor standen“, sagt der heutige Bugatti-Chefdesigner Achim Anscheidt. Trotz der Pleite gilt der EB 110 als vollwertiges Mitglied der Bugatti-Familie.

          Er war der mit Abstand ungewöhnlichste Supersportwagen seiner Zeit. Er sollte das Beste vom Besten sein, und seine Technik war einzigartig, doch selbst ein Kaufpreis von mehr als 700 000 Mark brachte nicht genug Geld in die Kassen. Schon beim Entwerfen des Designs hatte es mächtig gehakt, denn mit der Linienführung war Firmenpatron Artioli alles andere als zufrieden. Auch die Nacharbeiten floppten, und letztlich sorgte der Architekt der Fabrik, Giampaolo Benedini, für die finalen Proportionen.

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