https://www.faz.net/-gy9-zfqe

Neue Technik fürs Wohnmobil : Mit eingebautem Mini-Klärwerk unterwegs

  • -Aktualisiert am

Hell und innovativ eingerichtet: Innenraum des HRZ Toskana Bild: Hersteller

Nie wieder die Toiletten-Kassette leeren, nie wieder händeringend nach einer Entsorgungsstation suchen, weil kein Tropfen mehr hineinpasst: Das alles kann man vergessen, wenn man den Aqualizer im Wohnmobil hat.

          3 Min.

          Wir waren gespannt wie ein Flitzebogen, ob und wie dieses Mini-Klärwerk, das der Kastenwagenausbauer HRZ in Öhringen mehr als zwei Jahre lang entwickelt hat, im Wohnmobil funktioniert. Jetzt waren wir mit dem damit ausgestatteten Typ Toskana unterwegs und können die frohe Botschaft verkünden: Es klappt! Wir fangen daher diesmal mit der Toilette an, denn wir halten den Aqualizer für ziemlich sensationell, für einen ähnlich Komfortsprung wie die Ablösung der Toiletteneimer durch die ersten Porta Pottis. Wie es technisch funktioniert, steht im Kasten auf dieser Seite, hier geht es um die Handhabung.

          Die freistehende Toilette ist im Heckbad plaziert, das über die ganze Breite des Mobils reicht. Man benutzt sie wie gewohnt, nimmt wasserlösliches Toilettenpapier und startet mit dem Spülknopf nicht nur einen druckvollen Wasserstrahl, sondern auch den Zerhacker, der direkt hinter dem Abfluss sitzt. Der lärmt zugegebenermaßen heftig. Aber er zieht sich alles rein, zerhackt es und leitet es in den Klärbehälter weiter.

          Gelegentlich muss man dem Geschäft selbst nachhelfen

          In der Praxis haben wir festgestellt, dass man viel Wasser braucht (der Toskana hat nicht von ungefähr einen 145-Liter-Tank), und man muss die Hinterlassenschaften manchmal nachdrücklich Richtung Zerhacker bugsieren, wenn man dafür nicht literweise Wasser opfern will. Dieses kleine, lösbare Problem ist der Tatsache geschuldet, dass der Aqualizer nachrüstbar ist. Und dann kann der Zerhacker nur in dem Raum für die Toilettenkassette untergebracht werden, daher hat der kurze Weg dorthin nur ein geringes Gefälle. Wer sein Mobil selbst ausbaut, kann hier für einen steileren Winkel sorgen, was die Sache erleichtert. Ansonsten ist vom Aqualizer kaum etwas zu hören, gelegentlich surrt leise eine der Pumpen (der Kompressorkühlschrank ist lauter), oder es gluckert ein bisschen, wenn es aus dem Klärbehälter in den Abwassertank tröpfelt. Unsere Meinung: eine tolle Sache.

          Unauffällig: Toskana für zwei

          Der Rest des Toskana hat uns ebenfalls gefallen: sehr helle Einrichtung, gute Ausstattung und Verarbeitung sowie viele interessante und praktische Details. Zum Beispiel das Hubbett, das mit 1,62 Meter Breite wirklich für zwei reicht und dazu noch gut 70 Zentimeter Luft über der sehr komfortablen Matratze bietet. Man zieht es mit einem kräftigen Griff herunter und steigt dann über zwei Trittbretter, die man zwischen den Schubladen der Schränke links und rechts herauszieht, höchst bequem nach oben und kann sich beim Absteigen vorwärts oben an den Schränken festhalten - genial und vor allem sicher. Das Bett liegt fest auf, da wackelt nichts.

          Hell, geräumig, warm und ruhig

          Die Küche, zu der man zwei Stufen hinaufsteigt, glänzt mit vielen Schubladen, die wie die unter dem Kühlschrank auf der anderen Seite einen automatischen Einzug haben. Den Schrank, der in die Schiebetür ragt, kann man bis nach außen drehen. Über dem Zweiflammenherd sollte man einen Dunstabzug nachrüsten, denn hier steigt einem die Abluft, geleitet von der leicht schrägen Außenwand und dem Oberschrank, direkt in die Nase. Im Bad ist die geräumige Duschkabine zu loben, die aus einem einzigen Stück laminierten Kunststoffs ohne eine Fuge besteht, rund um den Waschtisch mit poliertem Edelstahlbecken gibt es genügend Flächen und Stauräume. Die Sitzgruppe besteht aus einer Zweierbank mit großem Staukasten, einem stabil verankerten Tisch und den drehbaren Fahrerhaussesseln, die wie üblich die bequemsten Plätze sind. Hier kann man mit einigem Aufwand ein drittes Bett bauen. Es mangelt nicht an Stauraum im Toskana, Sperriges kommt durch die hinteren Flügeltüren, hier kann man auch eine Außendusche installieren. Der Wassertank ist innen auf der Küchenebene im Boden zu erreichen, ebenso das Staufach, das man normalerweise vom Heck aus beschickt.

          Für Wärme und Warmwasser sorgt eine Kraftstoffheizung, und zwar sehr gut und ohne störende Pumpengeräusche. Sie stammt wie das Elektromanagementsystem Vicom mit Prioritätenschaltung von Truma. Wenn der Strom (290 Ah Batteriekapazität) knapp wird, schaltet es Verbraucher in der Reihenfolge ihrer Notwendigkeit ab, also erst den Fernseher und sonstiges nicht Wichtiges, ganz zum Schluss dreht es Heizung und Kühlschrank den Saft ab. Überall verteilte warmweiße LED-Lampen helfen beim Sparen, man kann den jeweiligen Verbrauch am Display ablesen, außerdem die Zeit, die der Strom mit den momentan aktiven Geräten noch reicht. Das gibt zumindest Hinweise auf die Vorräte, bei den Angaben für die Inhalte der Tanks ist das allerdings weniger zuverlässig.

          HRZ baut nur den Sprinter von Mercedes-Benz aus und nimmt den mittleren Radstand für den Toskana, Basismotor ist der 2,2-Liter-CDI mit 95 kW (129 PS), für 1141 Euro extra gibt es den mit 120 kW (163 PS). Serienmäßig ist ein Fahrwerkspaket für bessere Wankstabilisierung, was sich beim Fahren äußerst positiv bemerkbar macht. Die Lenkung geht direkt und leicht, die Federung ist komfortabel, die Schaltung präzise: Fahren macht Spaß mit dem Toskana, zumal sich die Einrichtung als klapperfest erweist und die Windgeräusche sehr erträglich sind. Und mit seiner Länge ist er auch im Alltagsbetrieb einfach zu handhaben. Fazit: auch ohne Aqualizer ein rundum gelungenes Mobil.

          Autarkie in Sachen Toilette: Um das Abwasser kümmert sich das Miniklärwerk Aqualizer

          Der Aqualizer ist geeignet für die dauerhafte Nutzung durch zwei Personen im Reisemobil. Er zersetzt auf biologischem Weg Fäkalien, Urin sowie wasserlösliches Toilettenpapier und wandelt sie in Grauwasser um, das in den normalen Abwassertank geleitet und darüber entsorgt wird. Man startet den Prozess mit zwei Esslöffeln einer pulvrigen Bakterienmischung, die man ins WC schüttet und runterspült, der Nachschub an organischem Material bei Dauernutzung „ernährt“ das System, um das man sich nicht weiter kümmern muss. Erst nach drei oder vier „trockenen“Tagen muss man es mit frischen Bakterien wieder starten. Der Zersetzungs- und Umwandlungsprozess entspricht dem in einer kommunalen Kläranlage und kommt ohne jede Chemikalienhilfe aus. Das hat dem Hersteller, HRZ Reisemobile in Öhringen, das Institut für Siedlungswasserbau und Abfallwirtschaft der Universität Stuttgart bescheinigt. Der Aqualizer besteht aus dem Behälter für den Umwandlungsprozess (73×45×34 Zentimeter, 45 Kilogramm) mit Pumpen und Filteranlage sowie einem Zerhacker unmittelbar hinter dem Toilettenabfluss. Er ist nachrüstbar, weil der Zerhacker genau in den Raum für die jetzt überflüssige Toilettenkassette passt. Da das System für den automatischen Betrieb der Pumpen ständig ein wenig Strom verbraucht, wird es im HRZ-Mobil Toskana serienmäßig mit einem Solarpanel kombiniert. Das garantiert auch bei trübem Wetter, dass genug Strom für den Betrieb des Aqualizers vorhanden ist und die Wohnraumbatterie nicht strapaziert wird. Das System kostet 1980 Euro plus Zerhacker (davon gibt es mehrere Modelle für etwa 300 bis 500 Euro) plus Einbau, und es ist für fast alle Wohnmobile (und auch Boote) nachrüstbar.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Johnson und der Brexit : Drei Briefe und ein einziges Ziel

          Boris Johnson will weiter versuchen, das Brexit-Abkommen bis Ende des Monats zu ratifizieren. Schon am Montag könnte die Regierung in London eine neue Abstimmung über den Brexit-Vertrag ansetzen – wenn John Bercow das zulässt.
          Kurdisches Fahnenmeer: Demonstranten am Samstag in Köln

          Türken-Kurden-Konflikt : Kurz vor der Explosion

          Der Krieg in Nordsyrien führt auch in Deutschland zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Migranten. Das könnte erst der Anfang sein.
          Mit Arte in Oslo: Carola Rackete.

          Carola Rackete bei Arte : Ein ganz persönlicher Kulturschock

          In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ treffen die Aktivistin Carola Rackete und die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde aufeinander. Man meint, sie hätten einander viel zu sagen. Es kommt anders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.