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SUV in der Liga der Exoten : Retten lassen wir uns jetzt

Mission impossible: Aston Martin sucht mit dem DBX das rettende Ufer. Bild: Hersteller

Mit 300 km/h ins Gelände ist eigentlich Unfug. Aber die Kunden lieben die Idee. Jetzt stößt auch Aston Martin zu dieser exotischen Familie, und Bentley sortiert seinen Bentayga neu.

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          Das SUV muss viel ertragen. Mal wird es als Stadtpanzer verunglimpft, wer sich etwas genauer auf die Suche nach der Langversion des Kürzels macht, gelangt schon mal zu der Übersetzung Stadtgeländewagen. Allen kruden Versuchen zum Trotz erfreut sich das SUV ungebrochen steigender Beliebtheit und hat unter den drei Buchstaben eine eigene Gattung etabliert. Es verbindet hohes, also bequemes Sitzen mit dem Gefühl größerer Sicherheit, es fährt nicht wie dereinst die Minivans wie ein schwangerer Toaster, es sieht auch lässiger aus und ist zudem noch praktisch für Kind und Kegel. Wer über den Platzbedarf im Straßenbild nörgelt, mag sich vor Augen führen, dass die mindestens die gleiche Fläche beanspruchenden Minivans vom SUV ersetzt oder verdrängt wurden.

          Holger Appel
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
          Boris Schmidt
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          In nahezu allen Größenklassen gibt es Modelle, die meisten treiben weder Sport, noch sehen sie jemals Gelände. Aber angesichts der Wachstumszahlen ist es kein Wunder, dass auch Marken in den Markt einsteigen, die tatsächlich Sport in den Genen tragen. Nach den potenten Porsche Cayenne, Alfa Romeo Stelvio, Maserati Levante, Jaguar F-Pace sowie den AMG, M oder S-Modellen von Mercedes-Benz, BMW und Audi tritt das britische Urgestein Aston Martin an, der betuchten Kundschaft ein wahres Sport Utility Vehicle zu servieren. In dieser extravaganten Liga der Exoten trifft der DBX auf einen Lamborghini Urus oder den erfrischten Bentley Bentayga, womöglich kommt eines nicht zu fernen Tages auch ein hochbeiniger Ferrari hinzu.

          Dass Aston Martin den DBX jetzt in den Verkauf geben kann, ist ein kleines Wunder. Mal wieder ist ein Retter bereit, sich auf das Abenteuer einzulassen. Mal wieder, denn am Rande des Ruins produziert Aston Martin eigentlich schon seit seiner Gründung vor einhundert Jahren. Der kanadische Unternehmer Lawrence Stroll hat nun ein paar hundert Millionen Pfund in die Hand genommen und das Sagen bei dem von einem Sammelsurium an Investoren geführten Unternehmen übernommen. Sein Sohn Lance fährt in der Rennserie Formel 1, und so schließt sich ein schneller Kreis, der die an der Börse abgeschmierte Sportwagenschmiede wieder auf Kurs bringen soll. Als Mann fürs Tagesgeschäft wurde Tobias Moers von AMG aus Deutschland an Bord geholt, einer mit gutem Gespür für flinke Autos, aber arg direkten Umgangsformen, die manchen aus der britischen Enthusiastentruppe verschrecken könnten. Mal sehen, ob die Mentalitäten zum Wohle Aston Martins zusammenfinden.

          Dass Aston Martin den DBX jetzt in den Verkauf geben kann, ist ein kleines Wunder. Bilderstrecke
          Neue SUV : Aston Martin, Bentley und Lamborghini

          Wer weiß, dass für Lamborghini der Urus aus dem Stand heraus zum meistverkauften Modell geworden ist, wird dem DBX gute Chancen einräumen, obwohl er so spät auf die Party kommt. Dabei sind die Engländer zum Glück nicht der Versuchung erlegen, mit einem provokanten Konzept aus der Masse herausstechen zu wollen. Vielmehr bleiben sie ihrer Linie treu, fulminante Fahrleistungen mit elegantem Understatement zu kombinieren. Angesichts von fünf Metern Länge und 2,5 Tonnen Gewicht ist das eine Kunst. Dass sich die Handwerker auf der Insel immer einen verqueren Gedanken mehr machen als die Konkurrenz, ist schon am Scharnier der hinteren Tür zu erkennen. Es wird an einem senkrecht integrierten Dämpfer geführt, der in Bewegung Faltkunststücke vollbringt. Oder an den schicken rahmenlosen Scheiben. Gleichsam zu Aston Martin gehören die Plakette mit dem Schriftzug, an welcher der Monteur als letzter persönlich Hand angelegt hat, als auch die mit majestätischer Ruhe zu ertragende Fertigungstoleranzen etwa an den Karosseriefugen oder mal eine abstehende Fensterdichtung. Ach, man muss die Marke einfach lieben. Und mindestens 193.500 Euro überweisen, was ein nicht weiter ernst zu nehmender Grundpreis und im Vergleich zur Konkurrenz geradezu ein Sonderangebot ist.

          Auf der Antriebsseite ist Aston Martin bei Mercedes angekommen, wo sich die Meister der flinken AMG-Dependance um Vortrieb verdient machen. Der an eine feinnervige Neun-Stufen-Automatik gekoppelte V8 Turbo holt aus vier Litern Hubraum 550 PS und 700 Newtonmeter, mit denen der DBX aus dem Stand in 4,5 Sekunden auf 100 km/h sprintet und erst bei 294 km/h gegen unüberwindbare Widerstände läuft. Schnell sein können viele, dabei souverän bleiben ist schwierig.

          Steile Hügel und fiese Furchen

          Das sich flugs einstellende Fahrwerk wirkt Fliehkräften in Kurven wirkungsvoll entgegen, nur eine nahezu unmerklich geringe Seitenneigung lässt es zu, damit der Magen der Insassen ruhig bleibt. Um den beachtlichen Komfort kümmert sich eine Dreikammer-Luftfederung. Allradantrieb ist selbstverständlich, es könnte ja mal etwas Abseitiges am Wege liegen. Während der ersten Testfahrt haben wir auch mal die asphaltierte Strecke verlassen und uns auf abgesperrtem Versuchsgelände ins Gebüsch geschlagen. Es waren steile Hügel und fiese Furchen dabei, die der DBX mannhafter genommen hat als der um das teure Material bangende Fahrer.

          Platz innen und für Gepäck herrscht reichlich, drei Meter Radstand und 700 Liter Kofferraumvolumen sind die Garanten. Wer mehr benötigt und optische Verunstaltung nicht scheut, kann mit Dachträger und Anhängerkupplung seine Lust an der Last ausleben. Die Einrichtung mit Verkleidung bis in den letzten Winkel, Alcantara und sichtbaren Nähten versprüht angenehmen Luxus auf bestem Niveau. Dass der Blinker aufdringliche Klopfzeichen sendet und die Hutablage umständlich mit der Hand hochgeklappt werden muss, ist vielleicht eine Aufgabe für die erste Modellpflege. Dringlicher wäre freilich eine adäquat adrette Kommandobrücke, die zwar solide angerichtet ist, aber mit Mitteln aus abgelaufenen Mercedes-Baukästen zurechtkommen müssen. Leider sieht und spürt man an diesen Stellen, wie knapp Budgets von Kleinserienherstellern trotz der stolzen Preise sind.

          Aus dem Stand in 3,6 Sekunden auf 100 km/h

          Dieses Schicksal teilt Aston Martin mit dem Lamborghini Urus, der in seiner Inneneinrichtung die Nähe zur Muttergesellschaft Audi nicht verhehlen kann. Auch die Frage des wirtschaftlichen Überlebens ist den Italienern nicht fremd. Und dass sie das Wort Sport in Sport Utility Vehicle ernst nehmen, ist eine weitere Gemeinsamkeit. Allerdings interpretiert es Lamborghini auf seine eigene, rauhe Art und mit einer Serienleistung, die ihresgleichen sucht. Aus dem unter die Haube gequetschten 4-Liter-V8 entspringen 650 PS und 850 Newtonmeter Drehmoment, was, um jene ins Bild zu setzen, die sich darunter wenig vorstellen können, dem Schub der startenden Blue-Fire-Rakete im Europa-Park Rust entspricht. Aus dem Stand schnellt das 5,11 Meter lange SUV in 3,6 Sekunden auf 100 km/h, und es empfiehlt sich, bis zum Erreichen der Höchstgeschwindigkeit die Atmung nicht zu vergessen. 305 km/h zeigt dann der Tacho.

          Die für das Ungezähmte im VW-Konzern zuständigen Italiener haben einen tierisch vergnüglichen Vierpersonenhaushalt auf die Räder gestellt, der auch mal ein Mountainbike mitnehmen oder gar einen Pferdeanhänger ziehen kann. Als Zielgruppe hatte Lamborghini zur Einführung Anfang 2019 jene bemitleidenswerte Spezies ausgemacht, die sich einen Wagen aus Sant’Agata bislang nicht angeschafft hat, weil schon drei oder vier andere die Garage verstopfen und kein taugliches Erstfahrzeug im Angebot war. Diese quälende Notlage sollte gegen Überweisung von mindestens 216.000 Euro gelindert werden und 3000 bis 3500 Kunden im Jahr überzeugen. Fast 5000 sind es geworden, ein fulminanter Erfolg.

          Ähnlich ergeht es Bentley, wo das schnellste aller Schlossgespenster schon seit vier Jahren sein Erfolgswesen treibt. Im Herbst wird das Innere des 5,14 Meter langen Bentayga nun noch vornehmer, es gibt neue Sitze, ein frisches Infotainmentsystem, Apple Car Play und Android Auto sind an Bord. Dargestellt wird alles auf einem neuen, 10,9 Zoll großen Monitor in der Mittelkonsole. Verändert wurde zudem das in der ersten Serie plump wirkende Äußere. Die Scheinwerfer sind fortan leicht oval, der mächtige Grill steht aufrecht. Umfangreich umgestaltet wurde das Heck. Es kommt luftiger daher, die Rückleuchten sind kleiner und elliptisch wie am Bentley GT, das Nummernschild rückt nach unten in den Stoßfänger. Hinter der elektrisch aufschwingenden Klappe warten 484 Liter Volumen auf Gepäck.

          Ein V-Achtzylinder ist eine von drei Motorenoptionen. Das 4-Liter-Triebwerk, ursprünglich von Porsche, bietet 550 PS und 770 Newtonmeter Drehmoment. In der Spitze sind 290 km/h drin. Für ein SUV dieses Formats mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 3250 Kilogramm ist das ein beachtlicher Wert. Bentley spricht von einem sparsamen Motor und weist auf Zylinderabschaltung hin, unter geringer Leistungsanforderung arbeiten nur vier Brennräume. Der Normverbrauch beträgt 13,3 Liter, nach einer ersten Probefahrt können wir von 14 Liter Super Plus im Durchschnitt berichten. Der Bentayga gleitet ruhig, angetrieben werden beide Achsen, die Acht-Gang-Automatik schaltet sanft. Getragen werden die 2,5 Tonnen von einem Fahrwerk mit Luftfederung und aktiver Fahrstabilitätskontrolle. So ausgerüstet, zeigt er erstaunliche Leichtfüßigkeit auch auf Landstraßen.

          Neben dem V8 ist in Deutschland ein Plug-in-Hybrid als V6 mit drei Liter Hubraum plus Elektromotor im Angebot, er wird als der sparsamste Bentley aller Zeiten angekündigt. Der Plug-in geht aber erst nach dem V8 in Produktion, in den ersten drei Monaten werden nur V8 als 1st Edition produziert. Und Bentley überrascht mit der Entscheidung, den W12 mit seinen 608 PS aus sechs Liter Hubraum nicht mehr in Europa anzubieten. Auch nicht in Großbritannien. Warum dem europäischen Kunden der große Motor künftig vorenthalten wird? Bentley sagt, er stehe nur in Märkten zum Verkauf, in denen unverändert hohe Nachfrage nach Zwölfzylinder-SUV gegeben sei, also in den Vereinigten Staaten und im Nahen Osten. In Großbritannien und Europa seien zunehmend kleinere Motoren gefragt.

          Die Preise für den Plug-in-Hybrid stehen noch nicht fest, bisher kostet das Basismodell knapp 170.000 Euro. Der V8 als 1st Edition verlangt schon nach 229.709 Euro, der V8-Basispreis beläuft sich auf 182.000 Euro. Die strammen Tarife tun dem Absatz keinen Abbruch. Bentley hat seit 2016 mehr als 20.000 Bentayga verkauft, ein Erfolg, mit dem niemand gerechnet hat. Die Formel Sport plus UV scheint also weiter aufzugehen und nicht zuletzt für James Bonds Hausmarke Aston Martin ganz in dessen Sinne zu wirken: Retten lassen wir uns jetzt.

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