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Helmpflicht für Radfahrer? : Fahrradhelme sind unvernünftig und unwirtschaftlich

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Wie viel weniger wird geradelt?

Nun kommt die Gegenrechnung: Gernot Sieg geht in seiner Studie davon aus, dass 4,5 Prozent weniger Kilometer geradelt würden, wenn man das in Deutschland nur noch mit steifem Hut tun dürfte. Diese Annahme stützt sich auf Untersuchungen in Amerika und Australien, die nachwiesen, dass eine Helmpflicht Erwachsene wie auch Kinder davon abhält, Fahrrad zu fahren. Der von Sieg angenommene Rückgang liegt an der unteren Grenze der in diesen Studien ermittelten Werte. Wiederum kommt nun die WHO ins Spiel: Sie hat ermittelt, dass jeder Kilometer, der mit dem Fahrrad zurückgelegt wird, statistisch einen gesundheitlichen Nutzen hat, der 1,05 Euro wert ist. Umgekehrt entsprechen 4,5 Prozent weniger Radfahrer-Kilometer Gesundheitskosten in Höhe  von 472 Millionen Euro, weil beispielsweise das Risiko von Herzkreislauf-Erkrankungen oder Diabetes zunimmt.

Wer nicht Rad fährt, benutzt das Auto oder den Öffentlichen Personen-Nahverkehr und verursacht damit zusätzliche Umweltkosten etwa durch Emissionen: Macht 11 Millionen Euro im Jahr laut Sieg. Denen stehen wiederum positive Effekte des Umstiegs gegenüber: Wer das Rad wegen der Helmpflicht stehen lässt, der geht mehr zu Fuß und fährt mehr Auto, beides senkt das Risiko schwerer Verletzungen im Verkehr – 123 Millionen Euro im Jahr zugunsten der Helmpflicht.

Jetzt kommt ein ganz dicker Brocken: Auf 315 Millionen Euro jährlich beziffert Sieg die Anschaffungskosten für Helme, wobei er von der Annahme ausgeht, dass ein Helm durchschnittlich 33 Euro kostet und alle fünf Jahre durch einen neuen ersetzt wird. Den Kostenpunkt des einzelnen Helms hat Sieg aus den billigsten Angeboten und dem Durchschnittspreis des Fachhandels ermittelt, der Rhythmus der Wiederbeschaffung entspricht Hersteller-Empfehlungen. Der vielleicht am schwierigsten zu beziffernde Faktor ist der Komfortverlust: Satte mehr als 171 Millionen Euro gibt die Studie an, in der Annahme, dass den ohne Helm fahrenden Radler der Fahrtwind im Haar mindestens so viel wert ist wie die pekuniär ausgedrückte Schutzfunktion eines Helms.

Ein Minus von 276 Millionen

Rechnet man alles zusammen und gegeneinander auf, dann ergibt sich ein gesamtgesellschaftlicher Nutzen von 693 Millionen Euro jährlich durch die Helmpflicht, denen Kosten von 969 Millionen gegenüber stehen, sodass sich ein Verlust von 276 Millionen Euro ergibt.

Es kann einen schon leise erschauern lassen, wenn Verkehrstote und Verletzte, Herzinfarkte und die Folgen von Bewegungsmangel in Geld umgerechnet werden. Und trotz aller Wissenschaftlichkeit des Aufsatzes mag man das Ganze für eine Art von komplizierterer Milchmädchen-Rechnung halten. Was die statistische Kombinatorik enthüllt ist das Paradox des wirklichen Lebens: Ja, es ist vernünftig, einen Fahrradhelm zu tragen. Nein, es wäre unwirtschaftlich und unvernünftig, eine Helmpflicht gesetzlich einzuführen. Und so kommt Gernot Sieg zum Schluss, dass eine verbesserte Infrastruktur für den Radverkehr und eine Entschleunigung des motorisierten Verkehrs in den Städten mehr Sicherheit für Radfahrer bringen würden als gesetzlich verordnete Helme.

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