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Neue Rennserie : Formel Pianissimo

  • -Aktualisiert am

Flüsterleise schießt der Renner um die Ecke Bild: Renault

In Peking gehen jetzt Elektrorenner an den Start. Damit fehlt dem Rennsport das Röhren von Motoren. Doch die neue Serie steht vor einer harten Bewährungsprobe.

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          Motorsport - da gehört das Kreischen ultrahochdrehender Benzinmotoren oder wummernder V8-Bigblocks einfach dazu. Ein Rennen mit summenden Elektromaschinen, deren Fahrgeräusch bei spätestens 50 km/h vom Abrolllärm der Reifen, dem Rauschen des Fahrtwinds und dem Schleifen der Bremsbeläge auf den Scheiben übertönt wird, war bislang unvorstellbar. Und doch hat sich in den vergangenen Jahren an den Universitäten - vorzugsweise in den Fachbereichen der Elektrotechnik - ein munteres Treiben entwickelt. Wie bringt man den E-Motoren das Racen bei? Die Frage ist zumindest im Ansatz beantwortet. Am kommenden Wochenende startet in Peking die Formel E, eine Rennserie, in der zehn Teams aus aller Welt mit jeweils zwei Fahrzeugen im Wettbewerb der leisen Töne antreten. Aus Deutschland dabei: das Team Abt, Haus-und-Hof-Tuner von Audi. Pilotiert werden die beiden Formelautos vom ehemaligen Formel-1-Fahrer Lucas di Grassi und von Daniel Abt, dem Sprössling des Teamchefs.

          Unterwegs sind die Rivalen der Rennbahn in Einheitsautos. Zumindest in der ersten Saison stammen sie alle aus dem gleichen Haus. An den Start gehen 20 Fahrzeuge des Typs Spark-Renault SRT 01E. Im September vergangenen Jahres wurde der offene Einsitzer auf der IAA in Frankfurt vorgestellt, sein Elektromotor leistet maximal 200 kW (272 PS). Die aber werden voraussichtlich nur in der Qualifikation in vollem Umfang bereit stehen, im eigentlichen Rennen soll die Leistung auf 133 kW (180 PS) begrenzt werden. Während des Rennens können die Fahrer die Differenz von

          67 kW (92 PS) kurzzeitig abrufen, beim Start oder bei Überholvorgängen etwa. Der Spark-Renault beschleunigt in rund drei Sekunden von 0 auf 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit ist auf 225 km/h limitiert.

          Runden drehen in Las Vegas

          Bei den Gewichtsanteilen kehrt die Formel E die üblichen Verteilungen der konventionell angetriebenen Formel-Wagen um. Das rennfertige Fahrzeug wiegt 800 Kilogramm, daran ist die Batterie mit stolzen 200 Kilogramm beteiligt. Das Speichermedium sind hocheffiziente und schwere Lithium-Ionen-Akkus. Mit einem Fahrgeräusch von rund 80 Dezibel sind die E-Renner ausgesprochen leise.

          Spötter empfinden die leisen Töne als Verlust. „Das sehe ich mir nicht an, höchstens mal zur Information im Fernsehen. Die Formel E ist mir egal“, sagt Lukas Scheuner, Formel-1-Fan und Stammgast bei den Rennen der Serie in Europa. „Da kann ich mir auch meine Carrera-Rennbahn zu Hause aufbauen und mit Freunden um die Wette fahren, das macht mehr Spaß“, meint er. Was den hartgesottenen Motorsportanhänger ärgert, berührt die Entwickler der Formel E kaum. Die Lärmkulisse sei nicht zwingend notwendig, heißt es, die akustisch unauffälligen Rennen seien eher eine Wohltat und könnten auf Stadtkursen für mehr Akzeptanz sorgen. Auch auf Strecken, an denen die Anwohner eine Mittagsruhe gerichtlich erkämpft haben, wären Elektrorennen mit geringen Einschränkungen möglich. Dennoch hält sich die Begeisterung der Marken in Grenzen. Einzig Audi ist halboffiziell mit von der Partie, die anderen Hersteller halten sich bedeckt. Man verfolge die Entwicklung der Formel E mit Interesse, habe aber keine konkreten Pläne für eine Teilnahme, heißt es etwa bei Mercedes-Benz.

          Die immensen Kosten der Formel 1 sollen in der elektrischen Liga reduziert werden. Die Teams können ein Budget von maximal 2,2 Millionen Euro verwenden. Das soll die Teilnahme attraktiv machen. Aufs Geld schauen die Rennsportkommissare auch bei den Reifen. Die flinken Wechsel während des Rennens gehören zumindest in dieser Serie der Vergangenheit an. Ein Tausch ist nur bei einer Reifenpanne erlaubt. Außerdem gibt es nur einen zugelassenen Reifen, und der stammt von Michelin. Das ist weder ein profilloser Slick noch ein durchfurchter Regenreifen, sondern ein Pneu mit Allwetterprofil und einer vergleichsweise harten Gummimischung. Hohe Kurvengeschwindigkeiten sind in der Formel E also nicht zu erwarten.

          Dafür aber die wohl eher groteske Szenerie des Fahrzeugwechsels. Der von Williams gelieferte Akku schafft es nicht, den Antriebsstrang, den McLaren beisteuert, über die ganze Renndistanz mit Energie zu versorgen. Daher tauschen die Fahrer zur Halbzeit ihre Rennautos gegen solche mit vollen Batterien. Wobei eine Rennpause, die zum Nachladen eingelegt wird, durchaus ihren Reiz für Fahrer und Entwickler hätte. Die Piloten könnten für noch schnellere Rundenzeiten meditieren oder Interviews zum bisherigen Verlauf geben, die Ingenieure hätten eine zusätzliche Aufgabe, um noch schnellere Ladezeiten zu realisieren. Was vielleicht auch für die zivile Elektromobilität Vorteile bringen würde. So aber werden die Formel-E-Wettkämpfer das Ein- und Aussteigen in ihre engen Arbeitsplätze trainieren müssen.

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