https://www.faz.net/-gy9-7wv5n

Navi-Systeme mit GPS : Der Kopilot wird immer klüger

Routenführung mit Verkehrsinformation: Hier zeigt sich Waze, das von Google gekauft wurde, auf einem Smartphone. Bild: Reuters

Das erste Navi-System kam vor 20 Jahren auf den Markt. Das Smartphone zwang die Hersteller zum Umdenken. Jetzt kommt die nächste Herausforderung: Das autonome Fahren.

          5 Min.

          Zum Ziel führen sie alle, die aktuellen Navigationssysteme. Der schöne Komfort, sicher und entspannt durch das Dickicht der unbekannten Großstadt geleitet zu werden, ist gerade mal 20 Jahre alt. 1994 debütierte das satellitengestützte Navigationssystem im Auto mit dem damaligen 7er BMW. In den Anfangszeiten boten die Navis der ersten Generation nur einen kleinen Bruchteil der heutigen Funktionalität und kannten zum Beispiel keine Straßen in Städten mit weniger als 50.000 Einwohnern. Man wurde stets ins Zentrum geführt.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Dennoch, die Technik war beeindruckend, wie unser Kollege Boris Schmidt aus dem BMW mit GPS-Empfänger in der Hutablage berichtete: „Das Eingeben des Fahrtzieles geht schnell, obwohl jeder Buchstabe einzeln angeklickt werden muss. Der Computer hilft, indem er nach Eingabe des ,F‘ die Buchstaben hervorhebt, mit denen es sinnvoll weitergeht. Schon nach ‚Frankf‘ kommt der Vorschlag ‚Frankfurt am Main‘. Am meisten verblüfft die Tatsache, dass die Kopilotin tatsächlich immer wusste, wo wir unterwegs waren.“

          Was früher ein Luxus in wenigen teuren Fahrzeugen war, ist mittlerweile Alltagstechnik für jedermann. Der Fortschritt legte jedoch einen Umweg ein: Bezahlt wurde die Technik durch Käufer der Oberklasse-Limousinen. Aber ihre Verbreitung im Massenmarkt begann mit den Windschutzscheiben-Navis zur Nachrüstung. Die Saugnapf-Apparate etablierten sich als günstige Alternative, wenn man sich die Anlage der Werksausstattung nicht leisten konnte oder wollte. Aber dieser Markt ist nun eingebrochen. Spülten die kleinen Wegweiser noch vor wenigen Jahren hohe dreistellige Millionenbeträge in die Kassen von Tomtom, Navigon, Garmin und anderen Herstellern, sind es derzeit nur noch bescheidene zweistellige Millionenumsätze.

          Das Segment wird von mehreren Seiten bedrängt: Die Anlagen für die Werksausstattung sind in den vergangenen Jahren nicht nur attraktiver und leistungsfähiger, sondern vor allem auch günstiger geworden. Moderne Systeme mit schickem Farbdisplay sind in der Kompaktklasse schon für weniger als 1000 Euro zu haben. Mercedes, BMW, Audi und Volkswagen bleiben teuer, es sind vor allem die französischen und asiatischen Hersteller, die sich als Preisbrecher mit Komplettsystemen profilieren, die neben der Routenführung auch noch einen Bluetooth-Freisprecher und die Musikwiedergabe aufweisen.

          Microsoft-Betriebssystem Windows Phone ist deutlich attraktiver

          Zum anderen sinken die Verkaufszahlen der mobilen Navis, weil die Nutzer für die Routenführung jenes Gerät verwenden, das immer in Reichweite ist, nämlich das Smartphone. So verwundert kaum, dass nahezu alle Navi-Hersteller schon seit Jahren Ableger der eigenen Software für Android und Apples iOS in der Hoffnung entwickelt haben, damit die fallenden Einnahmen im früheren Kerngeschäft ausgleichen zu können.

          Günstig nachgerüstet: Windschutzscheiben-Navi von Magellan im Amerika-Einsatz Bilderstrecke

          Aber die schon vorinstallierten Gratis-Apps gefährden auch dieses Geschäft. Ein Google- oder Apple-Smartphone bringt von Hause aus eigene Kartensoftware gleich mit, und die Routenführung mit Navigationsansagen ist ebenfalls dabei. Mit Google Maps und Apples Karten muss man allerdings während der Routenführung online sein. Bei Google kann man sich indes den erforderlichen Kartenausschnitt vor Fahrtbeginn herunterladen. Für die aktuellen Verkehrsinformationen ist in jedem Fall eine Internetverbindung erforderlich.

          Deutlich attraktiver stellt sich das Microsoft-Betriebssystem Windows Phone bei der Navigation auf: Die in allen neueren Geräten enthaltene Software speichert ihre Landkarten, die sich wiederum unentgeltlich für viele Länder dieser Welt laden lassen. So gelingt im Unterschied zur Apple- und Android-Lösung eine Routenführung ohne Datengebühren – und im Ausland ohne Roamingkosten. Ein weiterer Pfeil im Köcher ist, ebenfalls gratis, „Meine Strecken“, das fortwährend die Verkehrslage zwischen Wohnort und Arbeitsstätte prüft und auftretende Störungen sofort im Hauptmenü des Betriebssystems mit einer „Kachel“ anzeigt: perfekt für Pendler.

          Intelligente Tempoprofile bei Tomtom

          Diese Staudaten sind neben den Kartenaktualisierungen das Zukunftsthema der Branche. Der aktuelle Verkehr kann in acht von zehn Fällen auf der Grundlage historischer Daten vorhergesagt werden. Was der Taxifahrer oder Pendler als Erfahrungswissen gespeichert hat, ist zum Beispiel in den Datenbanken von Tomtom hinterlegt. Das Unternehmen erstellt seit 2006 Statistiken zu jedem einzelnen Straßenabschnitt in Deutschland mitsamt den erzielten Geschwindigkeiten. Aus diesem Material wurden „intelligente“ Tempoprofile einzelner Segmente in Abhängigkeit von der Tageszeit. Zu jeder Straße kennen die Niederländer das typische Fahrtempo, und zwar im 5-Minuten-Takt.

          Die Daten von Handy-Nutzern ergänzen das Bild. Sie werden zu anonymen Staumeldern, das Stichwort lautet Floating Phone Data (FPD). Ein Mobiltelefon sendet fortwährend Informationen über die aktuelle Empfangssituation an seine Basisstation. Wird es bewegt, kann man aus den Änderungen charakteristische Muster ableiten, welche wiederum auf die Position des Geräts im Straßennetz schließen lassen. Aber nur wenige Prozent aller Handy-Nutzer befinden sich in Bewegung, und nur ein Teil von ihnen fährt mit dem Auto. Hier wird mit raffinierten statistischen Verfahren gearbeitet. Denn das Verkehrsgeschehen ist ein kompliziertes Gebilde, das sich nicht in einfache Modelle pressen lässt. Vorhersagen sind so aufwendig wie das Erstellen eines Wetterberichts. Und während dem Wetter der Wetterbericht ziemlich egal ist, verändert jede Stauprognose den Stau, weil sie das Verhalten der Autofahrer beeinflusst.

          Die besonders präzisen Informationen von Tomtom finden sich nicht nur in den Windschutzscheibenanlagen des Herstellers. Man achte auf „Tomtom-Traffic“ für gute Verkehrsinformationen. Die günstigeren Geräte müssen per Bluetooth mit dem Smartphone verbunden werden, um aktuelle Verkehrsinformationen minutengenau zu empfangen. Wer mit seinem Lotsen oft im Ausland unterwegs ist und die Roamingkosten vermeiden will, werfe einen Blick auf die Tomtom-Modelle mit „Always Connected“. Hier ist für die Internetverbindung eine eigene Sim-Karte im Gerät verbaut. Die Smartphone-Apps von Tomtom sind von 30 Euro an erhältlich, Verkehrsinfos müssen als Zusatzabonnement extra bezahlt werden, man rechne mit rund 20 Euro im Jahr. Tomtom-Verkehrsinformationen gibt es ferner für die Bordsysteme von Fiat, Renault, Lexus, Toyota und Mazda. Und neuerdings kommen Tomtom-Daten auch im Comand-System von Mercedes-Benz zur Anzeige.

          Bislang keine gemeinsame Standards der Hersteller

          Wer im Audi, Volkswagen oder BMW unterwegs ist, kann die Echtzeit-Verkehrsdaten von Inrix beziehen. Vergleichsfahrten zeigen: Sie spielen ebenfalls auf einem hohen Niveau, reichen aber nicht ganz an die Tomtom-Qualität heran. Bei Volkswagen ist das Car-Net genannte Produkt vorerst nur für den Golf GTI, GTD und Golf R erhältlich, es erfordert unter anderem das Navigationssystem Discover Pro sowie die Mobiltelefon-Schnittstelle Premium. Für den neuen Passat sind Inrix-Dienste angekündigt.

          Derweil hat die Branche nach einer immer besseren Erfassung der Verkehrsdaten gleich die nächste Herausforderung zu schultern: Das Kartenmaterial muss für das autonome Fahren genauer und häufiger aktualisiert werden. Straßen ändern sich durch Baustellen und andere Umstände täglich. Zulieferer Continental spricht von einem „elektronischen Horizont“, der es ermöglichen soll, das Auto auf 20 Zentimeter genau zu orten. Dafür sind hochauflösende Karten erforderlich, die Continental von der Nokia-Tochter Here bezieht, die wiederum 2007 den altbewährten Kartenanbieter Navteq übernommen hatte.

          In den neuen Karten sollen mehr Daten und Feinheiten der Straßen denn je erhoben werden. Die datentechnisch präzise Nachbildung von Straßenverläufen und deren fortwährende Aktualisierung darf man getrost als Herkulesaufgabe ansehen. Alle Beteiligen gehen davon aus, dass hochpräzise Karten für autonomes Fahren unabdingbar sind, ungeachtet der Sensorenphalanx, die dafür sorgt, dass das Auto seine Umwelt wahrnehmen kann. Kameras und 3D-Sensoren befinden sich also künftig im permanenten Datenabgleich. Aber noch gibt es nicht einen Anhaltspunkt dafür, dass unterschiedliche Hersteller verbindliche gemeinsame Standards für Karten und Update-Verfahren entwickeln.

          Naheliegend wäre ja, dass das vernetzte Fahrzeug sowohl beobachtete Abweichungen vom Kartenmaterial weitermeldet wie auch von anderen Verkehrsteilnehmern fortwährend Aktualisierungen erhält. Solche Ideen werden derzeit zum Beispiel bei Mercedes-Benz diskutiert, die ebenfalls mit Here zusammenarbeiten.

          Weitere Themen

          BMW 2er Grand Coupé Video-Seite öffnen

          Probefahrt : BMW 2er Grand Coupé

          Mit dem neuen 2er Gran Coupé unterfüttert BMW seine 3er-Reihe und erweitert gleichzeitig das Angebot in der kompakten Klasse. Dieser BMW hat Frontantrieb - nur das Topmodell nicht.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.