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MV Agusta 675 Brutale : Attacke auf Herrn Jedermanns Geldbeutel

  • -Aktualisiert am

Bella macchina: Die neue MV Agusta 675 Brutale knüpft an alte Traditionen an und bleibt dazu noch preislich erschwinglich Bild: Hersteller

Der Nobelhersteller MV Agusta öffnet sich für Normalverdiener: Mit der Brutale 675, einem Motorrad, das man den Italienern nicht zugetraut hätte. Vor allem nicht für 9.000 Euro.

          Das Werksgelände von MV Agusta, dem legendären italienischen Motorradhersteller, liegt am Ufer des Lago di Varese. Beschaulich plätschernde Wellen und altehrwürdige Hallen vermitteln den Eindruck großer Kontinuität im Örtchen Verghera. Doch das täuscht - ursprünglich als Flugzeugwerft von Graf Giovanni Agusta gegründet, hat das Unternehmen eine äußerst wechselvolle Geschichte hinter sich.

          Mit dem Start der Motorradproduktion nach dem Zweiten Weltkrieg ging es für die neu gegründete „Meccanica Verghera Agusta“ zunächst steil bergauf. In den sechziger und siebziger Jahren erreichte die Popularität der Marke ihren Höhepunkt dank der Rennsporterfolge mit dem Nationalhelden Giacomo Agostini. „Ago nazionale“ sammelte auf den MV-Rennern im markanten Rot-Silber 13 Weltmeistertitel.

          Turbulente Jahre

          Doch Ruhm ist vergänglich, 1980 musste das mittlerweile unter staatliche Aufsicht gestellte Unternehmen die Produktion einstellen. 1992 kaufte dann die Castiglioni-Gruppe die Namensrechte für MV Agusta, was 1997 zu einer spektakulären Wiederauferstehung der Marke mit der zeitlos schönen F4 - natürlich in Rot und Silber - als Vorzeigemodell führte. Trotz der weltweiten Wertschätzung und Anerkennung blieb der wirtschaftliche Erfolg aus, so dass Claudio Castiglioni seine MV Agusta Group mit den Marken MV Agusta und Cagiva 2008 an Harley-Davidson verkaufte.

          Damit war das wechselvolle Hin und Her noch nicht zu Ende; als Folge der weltweiten Zweiradkrise taumelte der angeschlagene amerikanische Konzern alsbald selbst in wirtschaftliche Schwierigkeiten und war froh, dass er seine italienische Sparte schon nach zwei Jahren wieder abstoßen konnte - sehr zur Freude Castiglionis, der alles für einen Euro zurückkaufte.

          Hinter dem für die Brutale-Reihe charakteristischen Ovalscheinwerfer breitet sich eine aggressive Linie im atemraubenden italienischen Design aus Bilderstrecke

          Castiglioni starb 2011, doch er hinterließ ein gut bestelltes Feld: Sein Sohn Giovanni übernahm die Führung der Gruppe, mit Massimo Bordi bekam er einen Fachmann zur Seite - der heutige Vizepräsident von MV Agusta war lange Jahre Chef beim italienischen Konkurrenten Ducati - und in der Schublade lagen schon die Pläne für eine neue Modellreihe.

          Die Pläne sind mittlerweile verwirklicht und weisen dem Hersteller einen neuen Weg: Bisher stand MV Agusta für gnadenlos gut gemachte Motorräder, die als Designikonen fast eher ins Wohnzimmer als auf die Straße gehören, so teuer, dass sie für den Großteil der Zweiradfahrer ein ewiger Traum bleiben. Mit den jetzt vorgestellten Dreizylindermodellen F3 und Brutale 675 kommen MV Agustas auf die Zweirad-Welt, die sich viele Leute leisten können. Insbesondere der unverkleidete Landstraßen-Roadster Brutale 675 soll bei einem Preis von knapp 9.000 Euro zum richtigen Volumenmodell für die Marke avancieren.

          Die Kostendämpfung zeigt sich im Detail

          Ungeachtet der Preisgestaltung ist die neue MV nach wie vor technisch exklusiv und wunderschön anzuschauen. Wie bei den großen Schwestern der Brutale-Reihe breitet sich hinterm charakteristischen Ovalscheinwerfer der 675 eine aggressive Linie im atemraubenden italienischen Design aus, abgeschmeckt mit einem aufwendigen Hybridrahmen und einer filigranen Einarmschwinge. Die Kostendämpfung zeigt sich nur im Detail beispielsweise durch eine preiswertere Scheinwerfertechnik und nicht einstellbare Federelemente.

          Faszinierend auch die im Zentrum zur Schau gestellte Technik: Der ultrakompakte Dreizylinder mit 675 Kubikzentimeter Hubraum und 79 kW (108 PS) weist die erste rückwärts drehende Kurbelwelle im Motorrad-Serienbau auf. Die haben sich die Ingenieure von Valentino Rossis Yamaha M1 abgeschaut, mit der er 2008 und 2009 die Motorradweltmeisterschaft dominierte. Die Rückwärtsdrehung gleicht einen Teil der stabilisierenden Kreiselkräfte der Räder aus, was das Motorrad handlicher werden lässt und die Wheelie-Neigung verringert.

          Moderat sportlich fällt die Sitzposition aus, perfekt für einen ambitionierten Landstraßenauftritt. Beim Druck aufs Knöpfchen lässt der italienische Drilling ein aggressives Bellen hören. Schnelles Losfahren bedarf durch das bisweilen verzögerte Ansprechen indes einer guten Kooperation von Kupplung und Gashand, dann gibt’s eine herzerfrischende Drehfreude bis weit in fünfstellige Regionen.

          Das breite nutzbare Drehzahlband macht so manchen Gangwechsel überflüssig, das ist auch insofern angenehm, als die Kupplung nach einer kräftigen Hand verlangt und das Getriebe durchaus kürzere Schaltwege vertragen könnte.

          Entsprechend der Agusta-Philosophie

          Vollgestopft mit Elektronik lässt sich die Charakteristik des Motors fast nach Belieben variieren: Neben vorbestimmten Motormodi gibt es einen Custom-Modus, über den das Ansprechverhalten, die Drehmomententfaltung, die Motorbremse und der Drehzahlbegrenzer in jeweils zwei Versionen angewählt werden können. Eine achtfach einstellbare Traktionskontrolle macht das erstaunlich spielerische und zielgenaue Fahrverhalten der Brutale 675 perfekt.

          Bedenken, die erstaunlich günstige Brutale 675 könnte der exklusiven Reputation des Edelherstellers MV Agusta schaden, scheinen nicht angebracht: Auch die Neue entspricht in Design und Funktion der Philosophie, und bei einem angestrebten Produktionsvolumen von 8.000 Einheiten für alle MV-Modelle 2012 und 10.000 Einheiten im nächsten Jahr wird es eine Weile dauern, bis sich die Köpfe nicht mehr nach einer Brutale 675 umdrehen.

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