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Mountainbikes mit Elektro-Antrieb : Frau Leichtfuß und Herr Hammerhart

  • -Aktualisiert am

Schweizer Damen-Fully: X-Flyer auf 650B-Reifen Bild: Pardey

Zwei Mountainbikes, zwei elektrische Antriebe, aber zwei völlig verschiedene Charaktere: Die getesteten Räder sind Facetten eines sich von Saison zu Saison weiter auffächernden Marktes der Mountainbikes.

          So viel zunächst: Diese beiden Mountainbikes stehen unvergleichlich nebeneinander. Sie gehören zwar beide zum Typus des Geländerads mit Elektro(hilfs)antrieb, aber sie unterscheiden sich in nahezu jeder Beziehung. Es kann also kein besser oder schlechter geben. Doch es ist sehr instruktiv, am jeweils andersartigen Modell gegenprüfend die Qualitäten beider ebenso wie ihre Grenzen auszuloten. Dabei sind der nackte Flyer XT Deluxe SE aus der X-Serie mit dem vollgefederten Damenrahmen von der schweizerischen Biketec AG und der Twentyniner Jarifa 29R Premium von Focus (eine Marke der Derby Cycle AG) nur zwei rund 4500 (Flyer) und 3100 Euro (Focus) teure Facetten dieses sich von Saison zu Saison weiter auffächernden Marktes der Mountainbikes, die einem nicht bloß den Berg hinaufhelfen.

          Genau das ist nämlich der Witz an der Sache. Wer irgendwo gesteht, dass er mit E-Motor ins Gelände gefahren sei, oder wer oben ankommt und an seinem E-Bike schwer zu heben hat, wenn er es an den Zaun der Hütte lehnt, der sieht sich immer wieder unter quasi moralinsaurem Beschuss: Das sei doch kein Mountainbiken mehr, mit dem Motor könne es schließlich jeder, Motor sei Schummelei, so verdiene man sich nicht die Freuden der Abfahrt, und so weiter, und so fort. Wer es praktisch ausprobiert, erlebt, dass Mountainbiken mit Motor etwas ganz anderes ist als ohne Motor. Das gilt aber nicht, weil etwa nun alles möglich wäre, was mit bloßer Wadenkraft vorher nicht ging. Sondern man hat Fahrerlebnisse zum Beispiel in steilwandig überhöhten Kurven, die in diesem Tempo jedem erst mit dem Motor möglich werden. Man kann es auch so ausdrücken: Je besser jemand auf dem Mountainbike ohne Motor ist, desto mehr Spaß - von allerdings anderer Art - wird er auf einem mit Motor haben. Und wer sich dann noch die Mühe macht, nicht bloß ein elektrifiziertes Geländerad zu probieren, erlebt, dass je nachdem, wie diese Räder ausgelegt sind, sich eine Welt unterschiedlichster neuer Erfahrungen auftut.

          Das Gewicht ist nicht unerheblich

          Fangen wir mit dem Flyer an, das in der gefahrenen Version als Mountainbike für Frauen angeboten wird. Was soll’s, auch ein kleinerer Mann mit nicht so langen Beinen sitzt auf diesem Rad perfekt. Voll luftgefedert geht der X-Flyer geradezu verdächtig leichtfüßig weich über Bordsteinkanten und Schotterpiste. Aber es ist nicht nur die Vollfederung, sondern auch die in der Mitte des Rades konzentrierte Masse, die den Flyer ganz anders als das Jarifa Unebenheiten wegstecken lässt. Das Focus-Rad ist ein wahres Hardtail, ein hammerhartes, wenn der ungefederte Hinterbau, dessen obere Streben fast geradlinig aus dem Oberrohr hervorgehen, mit dem nicht unerheblichen Gewicht des Motors im Hinterrad über schenkeldicke Baumwurzeln hopst.

          Twentyniner aus Cloppenburg: Focus Jarifa 29R Premium Bilderstrecke

          Da hätten wir also schon einen der wesentlichen Unterschiede beider Räder: der 36-Volt-Mittelmotor von Panasonic mit Geschwindigkeitssensor (250 Watt Nennleistung, gegen 150 Euro Aufpreis kombinierbar mit einem 15,4- statt 13,2- Amperestunden-Akkupack, 554 statt 475 Wattstunden) beim Flyer und beim Focus der Xion-Heckmotor (36 Volt, 250 Watt Nennleistung, im gefahrenen Rad kombiniert mit dem 15,5-Amperestunden-Akkupack, 558 Wattstunden). Auch beim Jarifa ist ein Akku mit geringerer Kapazität (11 Amperestunden, 396 Wattstunden) zu haben. Die Papierform beider Antriebe ist also sehr ähnlich, tatsächlich fühlt sich die Unterstützung aber sehr verschieden an: eher weich und gleichmäßig beim X-Flyer, sportlich-aggressiv beim Jariva. Und das hängt nicht nur mit unterschiedlicher Motorsteuerung zusammen.

          Fahrspaß nur mit Motor

          Denn hinzu kommt die unterschiedliche Radgröße: Das Damen-Fully rollt auf 650B-Reifen, also 27,5 Zoll, das Focus auf 29 Zoll. Vergleicht man die ETRTO-Maße, dann fährt man mit dem Schwalbe Nobby Nic 57-584 beim Flyer einen geringfügig breiteren Reifen als mit dem Continental Race King der Dimension 55-622 beim Focus. Ohne um Millimeter feilschen zu wollen: Zu der präsenteren Motorunterstützung und dem konstruktionsbedingt härteren Fahrgefühl, was überhaupt nicht negativ gemeint ist, tritt beim Jarifa ein nicht ganz einfach zu präzisierender Eindruck hinzu. Man könnte sagen, das Focus-Bike sei „motoriger“, einfach mehr Motorfahrzeug als der X-Flyer.

          Dass beide den Motor brauchen, um Fahrfreude zu bereiten, merkt man, sobald man sie ohne Motor fährt oder mit leerem Akku fahren muss. Und auch in solch eher misslicher Lage bestätigt sich der so vage formulierte Eindruck: Mit abgeschaltetem Motor möchte man das Jarifa nur noch in den kleinen Gängen bewegen; es wirkt schwerfälliger als der X-Flyer, obwohl es leichter ist. Apropos Gangschaltung: Beide Räder waren wie auch bei den hydraulischen Scheibenbremsen mit Komponenten der Serie Shimano XT ausgestattet. Den Flyer gibt es auch für 1000 Euro Aufpreis als Modell Tour Deluxe SE mit Rohloffs Speedhub 500/14. Im gefahrenen Rad waren es aber nur zehn Übersetzungen, während das Jarifa mit nominell 30 Gängen (vorn 42, 32 und 24 Zähne, hinten 11 bis 36) bis zur kräftigen Untersetzung aufwartet. Bei gewöhnlichen Elektrorädern erscheint ein solch großer Übersetzungsbereich übertrieben. Auf Straße und Radweg benutzt man häufig nur zwei Gänge, egal, wie viele das Rad bietet: einen zum Anfahren und einen zum Schnellfahren. Im Gelände ist das anders: Man muss lernen, die Möglichkeiten der Schaltung in Zusammenarbeit mit dem Motor einzusetzen, und wird sie dann viel stärker ausnützen. Und dabei lernt man wiederum über die beiden Räder: Das Jarifa ist mehr Enduro als der X-Flyer.

          Das stimmt wenigstens, wenn es am Berg hochgeht: Beide Federgabeln haben einen Lockout, auch der Dämpfer der Hinterradschwinge beim Flyer ist blockierbar. Wenn es dann geradewegs abwärtsgeht, sitzt auch ein Hartgesottener lieber auf dem Fully Flyer, weil der nicht so brutal hardtailig hinunterdonnert. Ein Wort zur Reichweite? Nein, Hersteller von E-Mountainbikes dieser Art sollten es damit so halten wie Rolls-Royce ehedem mit den PS-Zahlen: „Ausreichend“.

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