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Mountain-Pedelec Flyer : Fahrfreude für die Frau mit Muskel- und Motorkraft

  • -Aktualisiert am

Ladylike: So sauber bleibt das Bike bei bestimmungsgemäßem Gebrauch nicht lange Bild: Hersteller

Es ist dunkel, neblig und kalt. Der Akku ist geladen. Start zu einer Dienstfahrt. Unterwegs mit dem Mountain-Pedelec Flyer XT Deluxe SE bei Kaffeefahrt und Geschlechterkampf in Wald und Feld.

          Sieben Uhr morgens: Es ist dunkel, neblig und kalt am Fuße des Feldbergs im Taunus. Start zu einer Dienstfahrt - zum ersten Mal mit einem Mountain-Pedelec. Die Vorbehalte sind gewaltig. Das Ding der Fahrerin ist eher das leistungsorientierte Bewegen von Rennrad, Mountainbike und Crosser. Fremde Hilfe zur Unterstützung der eigenen Muskelkraft ist verpönt. Daher der Start im Dunkeln, da erkennt einen niemand.

          Das Gewicht des Flyer XT Deluxe SE - in dieser speziellen Version für Frauen und männliche Kurzbeiner konstruiert - macht das Herauswuchten aus dem Keller zur ersten Herausforderung: Es wiegt betriebsbereit immerhin 24,2 Kilogramm. Dann steht es auf der Straße, der Akku ist geladen, helle Lichtstrahler sind montiert, eine Freundin kommt mit - ebenfalls zum ersten Mal mit Elektro-Mountainbike. Kleiner Schreck gleich beim Aufsteigen: Durch das Einklicken des Schuhs ins Pedal entsteht Druck, den der Motor prompt mit gehörigem Anschub beantwortet. Das Rad macht einen Satz nach vorn.

          Los geht es - strikt nach dem Buchstaben des Hessischen Waldgesetzes - auf straßenbreiten Waldwegen: die Schaltung in Verbindung mit dem Motor ausprobieren, erst einmal ein Gefühl für dieses schwere Rad bekommen. Der Motor ist angenehm leise, der des anderen Mountainbikes macht deutlich mehr Radau. Der Flyer ist mit einem Panasonic 36-Volt-Mittelmotor mit 250 Watt ausgestattet, unterstützt bis 25 km/h und bietet hierfür drei unterschiedliche Kraftstufen, die sich per Knopfdruck wechseln lassen: Eco, Standard und High. Fährt man schneller als 25 km/h, schaltet der Motor ab, und das Fahren wird gleich deutlich anstrengender.

          Spuren einer Dienstfahrt

          Abseits der Waldwege auf leichteren Trails überrascht der Flyer dann angenehm: Vollgefedert lässt er sich entspannt und erstaunlich leichtfüßig über Wurzeln und Steine, über eine nasse Wiese und auch ein harschiges Schneefeld oben am Feldberg bewegen und überzeugt dabei mit großer Laufruhe. Der Motor unterstützt gleichmäßig, sofern man die Muskelkraft gleichmäßig auf das Pedal bringt; ansonsten schiebt er mal mehr, mal weniger. Auch bergab fährt der Flyer unbeeindruckt über den unebenen Waldboden und bremst dank der hydraulischen Scheibenbremsen der Serie Shimano XT aus hoher Geschwindigkeit zuverlässig und gut dosierbar ab.

          Der Akku hat eine Kapazität von 13,2 Amperestunden (475 Wattstunden), das Display zeigt auf Wunsch die verbleibende Reichweite in Relation zum Unterstützungsmodus an. Plant man eine lange Ausfahrt, bei der die Akku-Kapazität ausgeschöpft werden könnte, sollte man die Route möglichst so wählen, dass es gegen Ende nur noch bergab geht. Spielraum besteht aber sowohl durch die Wahl des Unterstützungsmodus als auch durch die Anpassung der Trittfrequenz. Es liegt am Fahrer selbst, mehr oder weniger ökonomisch zu fahren, wobei eine Anzeige im Display unterstützt. Ein kleiner Gang zum Anfahren frisst weniger Strom, flüssiges Hochschalten in der Beschleunigungsphase ebenso, bei schneller Fahrt ist ein großer Gang mit moderater Kadenz sinnvoller als ein kleiner mit extrem hoher Kadenz. Ihre erste Elektrotour hinterlässt bei beiden Fahrerinnen auf jeden Fall ein gewisses Erstaunen. Sie hatten eine Menge Spaß, aber sie sind sich auch einig: Training war das nicht. Es ist kein Schweiß geflossen, der Puls war jederzeit im Kaffeeplauschbereich - da geht noch was.

          Beim nächsten Mal hat die Fahrerin männliche Begleitung auf einem „richtigen“ Mountainbike: vollgefedert wie der Flyer, aber ohne Motor. Der eigene Trainer hat sich zu diesem ungleichen Duell überreden lassen: Frau gegen Mann, Meister gegen Padawan, Muskeln gegen Motor. Wieder zunächst auf Waldwegen bergan: das Pedelec mit voller Motorunterstützung, der Trainer nur mit Muskelkraft. Sie plaudert munter von diesem und jenem, er ist eher einsilbig: Er schwitzt und keucht und flucht. Mit zwei bis drei Meter Abstand fährt sie entspannt vor ihm, er kommt einfach nicht ran. So etwas zermürbt und macht fuchsteufelswild, sie kennt das gut aus eigener Erfahrung. Genau das hat er selbst schon oft genug mit ihr gemacht. Fußgänger kommen vorbei und rufen ihm hinterher: „Immer schön dranbleiben!“ Das ist der Moment, in dem sie in den Eco-Modus zurückschaltet - jede Beziehung kennt eine Grenze der Belastbarkeit.

          Elektrik verbietet das Saubermachen mit dem Gartenschlauch

          Aber nun geht es in die Trails, und der Trainer weiß genau, was sie da kann und was nicht. Klar, dass nach dieser Schmach genau das gefahren wird, was sie auf dem eigenen Mountainbike üblicherweise in Bedrängnis bringt: Auf solch anspruchsvollen Trails gerät der Flyer schnell an seine Grenzen, enge Kurven, steil, schmal, matschig - dafür ist er nicht ausgelegt. Die in leichterem Gelände positiv empfundene Laufruhe erweist sich nun als hinderlich. Es fehlen Wendigkeit, Leichtigkeit und Spritzigkeit, also das, was beim Mountainbiken in schwierigem Gelände so viel Fahrspaß bringt. Für ein Trailabenteuer unter sportlich ambitionierten und technisch anspruchsvollen Bedingungen würden wir daher zu einem anderen Mountainbike greifen. Seine Stärken zeigt der Flyer auf längeren hügeligen Radtouren über Waldwege und in leichteren Trails. Dafür eignet er sich ausgezeichnet und steht in puncto Fahrvergnügen einem nicht motorisierten Rad in nichts nach.

          Die übliche Radpflege nach einer solchen Tour durch Wald und Matsch gerät allerdings etwas aufwendiger als beim motorlosen Mountainbike, das sich einfach mit dem Gartenschlauch abspritzen lässt. Es ist angesichts der Elektrik sorgsam mit Wasser umzugehen und beim Herausnehmen des Akkus darauf zu achten, dass kein Dreck in die Aufnahme hineinrieselt, denn die Steckverbindungen liegen offen und ungeschützt.

          Das Fazit nach diesen Erfahrungen: Das Mountainbiken mit Motor ist völlig anders als ohne und nicht wirklich vergleichbar, zu unterschiedlich sind die Zielsetzungen und Erwartungshaltungen an beides. Die Fahrerin jedenfalls wird am nächsten Wochenende wieder ihr eigenes Rad nehmen, schon um das Verhältnis zum Trainer nicht weiter zu strapazieren.

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