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Motorradmesse Intermot : Früher war mehr Premiere

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Boss mit Begleitung: Regina heißt das Motorrad, mit dem Horex-Chef Karsten Jerschke die große Zeit der Marke in den Fünfzigern in Erinnerung ruft. Ein Karbon-Retromotorrad wie dieses gab es noch nicht auf der Welt. Bild: Walter Wille

Ein paar Perlen sind auf der Motorradmesse Intermot in Köln zu finden. Für die Überraschung der Messe sorgt Horex.

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          Mit der Intermot begann am Dienstag in Köln die erste der zwei sogenannten Leitmessen für Motorräder und Roller; ihr folgt fünf Wochen später der Mailänder Zweiradsalon Eicma. Verglichen mit den Vor-Corona-Zeiten, wird keine der beiden Veranstaltungen in der einst gewohnten Weise ablaufen. Statt Brillantfeuerwerk und Weltpremieren beschränken sich viele namhafte Hersteller in Köln auf das bloße Ausstellen von Fahrzeugen, die entweder schon im Programm sind oder aber kurz zuvor im Internet präsentiert wurden. Nur die Motorradmanufaktur Horex aus dem bayerischen Landsberg/Lech machte eine Ausnahme: Sie zauberte eine neue „Regina“ aus dem Hut.

          Während Harley-Davidson keine der beiden Messen beehren wird, beschränken sich Ducati und Yamaha auf die Eicma. KTM betreibt am Rhein keinen eigenen Stand, sondern kriecht bei einem Motoröl-Hersteller unter. BMW beschränkt seinen Messeauftritt drastisch: weniger Standfläche, knauseriger Auftritt, keine Medienbetreuung mehr. Für Kunden und Händler ist man weiter da, das Modellprogramm ist zu sehen, doch die demonstrative Sparsamkeit des deutschen Marktführers verursachte zu Beginn der Messe Stirnrunzeln. Auf der Eicma wird BMW dem Vernehmen nach gar nicht ausstellen.

          Andere Hersteller gehen ähnlich, meist jedoch nicht so radikal vor. Man zeigt sich dem Publikum, hält sich aber mit Neuheiten zurück. Die Ausnahme unter den renommierten Herstellern bildet Honda: Dort stellt man ein Mittelklasse-Nakedbike vor, nämlich die CB750 Hornet, deren Triebwerksdaten (67,5 kW/92 PS) ebenfalls schon bekanntgegeben worden waren. Die Premiere am Dienstag verlief eher kühl.

          Generationen: Original Horex Regina (vorn) und die hochexklusive Regina Evo, die im kommenden Frühjahr auf den Markt kommen soll. 2023 wird Horex 100. Bilderstrecke
          Motorradmesse : Intermot

          Nichts wirklich Neues ist auch beispielsweise beim italienischen Piaggio-Konzern mit den Marken Aprilia, Moto Guzzi und Vespa zu sehen. Die Überraschung war eher, dass die Piaggio-Gruppe doch noch den Weg nach Köln fand – in letzter Minute. Erstmals in Deutschland zu sehen ist die neue Moto Guzzi V 100 Mandello, die erste Guzzi mit wassergekühltem Motor. Triumph beschränkt sich – auf immerhin attraktiv hergerichteter Ausstellungsfläche – auf die bekannten Fahrzeuge und das Vorstellen des neuen Sondermodells Speed Triple 1200 RR Bond Edition. Aus Anlass der vor 60 Jahren erfolgten Premiere des ersten „James Bond“ baut man 60 Exklusiv-Versionen des hochsportiven Briten-Bikes. So will man wohl auch in Mailand verfahren.

          An die Medien wendeten sich am sogenannten Pressetag neben Honda lediglich Energica (für Deutschland neue Experia als Elektro-Crossover-Modell), Royal Enfield (für Deutschland neue Hunter 350 zum Preis ab 4490 Euro) und Zero mit ebenfalls der Presse schon präsentierten elektrischen Reiseenduro DSR/X. Und Kawasaki, eines der wenigen Unternehmen, das sich einen gewohnt aufwendigen Stand leitet: Hier wurde der Prototyp eines elektrischen Motorrads der 125er-Klasse mit dem Modellkürzel EV-125 ins Licht gerückt.

          Neuartiges Mesh-Material

          Gelungen war die Überraschung am weitläufigen Horex-Stand: Dort präsentierte Firmenchef Karsten Jerschke persönlich die in den vergangenen drei Jahren unter Geheimhaltung entwickelte Regina, benannt nach dem berühmten, in den Fünfzigerjahren erfolgreichen Modell der damals ruhmreichen Marke. Jerschke hatte sie vor einigen Jahren übernommen und versucht sie mit einem 1200er-Boliden mit dem weltweit einzigen VR6-Motor wieder zu etablieren – mit bisher überschaubarem Erfolg.

          Das soll sich mit der neuen Regina ändern. Die ist trotz ihres relativ kleinen 600-Kubik-Einzylinders mit 48 PS ein Technologieriese: Von Jerschkes Unternehmen 3C Carbon, der Horex-Muttergesellschaft, stammen der einzigartige Karbonrahmen und viele weitere Karbonteile des hochmodernen Retromotorrad, das „die Vergangenheit in die Gegenwart bringen“, ein fast unglaublich geringes Gewicht von 133 Kilogramm aufweisen und eine Sitzposition wie in den Fünfzigern bieten soll. Im Oldschool-Lampentopf aus Karbon steckt ein digitales Farbinstrument. Ein Hightech-Schmankerl stellt auch der Einzelsitz dar. Er besteht aus einem neuartigen Mesh-Material und kommt aus dem 3D-Drucker; das ermöglicht es, den Sitz an die persönliche Gesäßform des Regina-Bestellers anzupassen. Ein feiner Service angesichts des von Jerschke bislang nur andeutungsweise genannten Verkaufspreises „im Korridor von 30.000 bis etwa 35.000 Euro“. 500 Stück soll es 2023 im Jubiläumsjahr von Horex geben; die Marke war 1923 in Bad Homburg gegründet worden. Bei den VR6-Modellen gibt es als Neuheit eine leicht modifizierte „Raw 99“, eine Art Vor-Jubiläumsserie in 99 Exemplaren. Auch in dieser Baureihe wird es zum hundertjährigen Neues geben, wie Jerschke signalisierte.

          Auf gänzlich anderer Ebene gibt es in Köln noch ein paar für Deutschland neue Zweiräder zu sehen, etwa die vor wenigen Tagen im Internet vorgestellte neue Generation der Suzuki V-Strom 1050. Gleich mehrere Neuheiten stellt der Deutschland-Importeur der italienisch-chinesischen Marke Benelli aus: eine unverkleidete 750er, eine Scrambler-Variante der Leoncino 800 mit dem Beinamen Trail sowie eine 77-PS-Reiseenduro namens TRK 800, die schon in Kürze für etwa 8000 Euro in den Handel kommen soll. Die ebenfalls dem chinesischen QJ-Konzern gehörende Marke Keeway will jetzt mit Macht in Deutschlands 125er Markt eindringen. Man bringt gleich sechs Achtelliter-Maschinchen, darunter zwei mit einem wassergekühlten V-Zweizylinder. Derlei gab es seit den Zeiten der Mini-Reiseenduro von Honda, der Varadero 125, nicht mehr. Die chinesische Marke Voge bringt außer einer proper daherkommenden 300er „Rally“ als Klein-Enduro mit dem SR4 Max auch ihren ersten Kraftroller an den Start.

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